Auf Netflix haben sich nun auch die Trash-Reality-Formate eingeschlichen. Bei Sendungen wie "Liebe macht blind" und "Finger weg!" geht es – natürlich – um echte Gefühle. Und wir fragen uns: Ist das der Anfang vom Ende von qualitativ anspruchsvollem Content auf Netflix?

Es ist kein Geheimnis: Dating-Shows gehen seit Jahren ab wie heißes Frittenfett. Zeigt ja schon die schier unfassbare Auswahl an Bachelor(ette)-Staffeln, Nackten im Paradies oder Schwiegertöchtern, die gesucht werden. Schaut man sich die ganzen Balz-Orgien an, geht es eigentlich hauptsächlich darum, dass die Produzent*innen der Sendungen Kohle scheffeln, die Teilnehmer*innen ihre Chance als Influencer von morgen wahrnehmen wollen und die Zuschauenden Bock auf Voyeurismus haben. So lange sich das jemand ansehen möchte, hat das ja auch alles seine Berechtigung – an sich.

Aber: Warum können trashige Kuppelshows nicht einfach nur da laufen, wo sie bisher waren? Auf Privatsendern, wo sie einem gar nicht so sehr unterkommen, wenn man keinen Fernseher hat? Oder anders gefragt: Steckt Netflix seine Kohle ab jetzt immer häufiger in Rudelbums-Shows wie "Finger weg!"? Leiden großartige Formate und einzigartige Serien von nun an darunter, dass lieber Budget in das überflüssige Liebesleben darstellungssüchtiger Millennials ausgegeben wird?

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Dating-Shows haben schon MTV getötet

Damals, als es bei MTV mit derartigen Sendungen anfing, dachte man sich anfangs nämlich auch nichts Schlimmes: Gut, "MTV Cribs" zeigte die Gemächer der Stars, "Pimp My Ride" zeigte Rapper Xibit dabei, wie er aus Rostlauben der Teilnehmenden Karosseriemonster machte (und bewies, dass ein Auto mehr Bildschirme als ein Großraumbüro haben kann). Hatte ja alles entfernt was mit Musik zu tun. Aber mit diesen Sendungen kamen auch die ganzen Trash-Formate und ehe man sich versah, war MTV eigentlich nur noch damit beschäftigt, Amerikas Jugend beim Balzverhalten zu zeigen – oder damit, seine Zuschauenden aufzufordern, Klingeltöne mit durchgeknallten Fröschen zu kaufen.

Netflix hält sich mit seinen Zuschauerzahlen bedeckt und gibt nicht Preis, wie erfolgreich die Sendungen des Streaming-Dienstes wirklich sind. Aber Shows wie "Liebe macht blind" und "Finger weg!" sind immer wieder als Nummer eins in Deutschland gelistet. Scheint also durchaus zu funktionieren, das Ganze. Und es ist auch ein verdammt einfacher Trick, der hier angewendet wird: Schon im Mittelalter stellte man Freaks aus, die Zuschauenden bezahlten dann dafür, dass sie sich eine schlechtere Version ihrer selbst ansehen und sich danach besser fühlen konnten.

Nägel mit Köpfen: Bei "Liebe macht blind" wird nach wenigen Tagen geheiratet.

Jetzt sind die Kuppelwütigen unsere Freaks. Gut, sie haben jetzt nicht verdrehte Gliedmaßen oder drei Augen. In der Regel sind es eher sehr stur formatierte Ken- und Barbie-Typen. Ihre Freakness kommt nicht durch ihr Aussehen, sondern dadurch, dass sie sich in Sozial-Experimente wagen und uns ihre emotionalen Abgründe offenlegen. Dass sich in "Liebe macht blind" etwa ein Pärchen nach wenigen Tagen und ohne sich je gesehen zu haben die Liebe gesteht und anschließend verlobt, empfinden wir im besten Fall als hoffnungslos romantisch, im realistischen Fall aber als überemotionalisierten Teenie-Quatsch, den offenbar nur Menschen von sich geben, die Aufmerksamkeit in einer Netflix-Serie brauchen oder aber so naiv sind, dass man ihnen auch eine Tüte Wasser für 50 Euro verkaufen könnte.

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Netflix hat die poliertere Produktion

Die Netflix-Produktionen sind zwar nicht ganz so schlimm, wie billigere Trash-Formate à la "Temptation Island". "Finger weg!" hat die schickeren Kulissen und die eloquenteren Protagonist*innen. Die Show liefert darüber zudem auch noch den besseren Twist: Hier geht es darum, dass sich die aufgepumpten und dauerrattigen Kandidaten eben nicht anfassen und sexuell ganz keusch bleiben. Einen Monat sollen sie aushalten, nicht mal masturbieren ist erlaubt. Die Kandidat*innen reagieren auf die Nachricht als hätte man ihnen mitgeteilt, dass sie ins sibirische Arbeitslager deportiert werden. Der Gewinn für die Enthaltsamkeit sind 100.000 Euro. Natürlich ist das Ganze garniert mit einer Pseudo-Metaebene: Die vögelfreundlichen Jungs und Mädels sollen so lernen, tiefere Bindungen im Leben zu finden und sich auf Gefühle einzulassen. Und die Mitarbeitenden in Krankenhäusern machen ihre Job auch nur mit, weil sie ihre Kittel so hübsch finden – wer's glaubt.

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Ist das das Ende guter Serien auf Netflix?

Schaut man sich die Formate an, sind sie nicht mehr als die poliertere Version der Trash-Rampe RTL oder Pro 7, wo mittlerweile sogar in Schritten nach unten gearbeitet wird: Wer es einmal in eine der Kuppelshows geschafft hat, wird abwechselnd in neue Sendungen eingepflanzt. D-Promi wechsel dich, quasi. Macht das sichtbar gemachte Balzverhalten auf Netflix aber jetzt auch nicht besser. Und wer jetzt sagt "Warum schaust dir das denn an, wenn es dir nicht gefällt?!" dem beantworte ich es gerne: Erstens musste ich ja auf irgendeiner Grundlage diesen Artikel schreiben. Und zweitens sagte ich es doch schon: Ich habe ernsthafte Angst um großartige Abwechslung und wirklich gute Unterhaltung.

Wenn Netflix merkt, dass die meiste Kohle durch Kuppelshows und Knattersendungen reinkommt, brauchen sie jedenfalls nicht noch eine weitere Staffel des viel aufwendigeren und teureren "Stranger Things" drehen – nur so als Beispiel. Sollte der Zeitpunkt kommen, werde ich jedenfalls genauso verzweifelt schauen, wie die Testosteronbolzen bei "Finger Weg!", als man ihnen sagte, dass sie jetzt vier Wochen lang ihre Palme nicht schütteln dürfen.

  • Quelle:
  • Noizz.de