Mehr als du vielleicht bei einer 90 Jahre alten Erzählung, die im Mittelalter und im Kloster spielt, vielleicht denken würdest. Wir haben uns den Streifen mal angeschaut und mit "Babylon Berlin"-Darsteller Sabin Tambrea genau über diese Frage philosophiert.

Wenn dich jemand fragt, wer dein Lieblingsautor oder auch -Autorin ist, und du antwortest: "Hesse" – machst du eigentlich nichts verkehrt. Das ist so, wie wenn du sagst: Ich mag Ed Sheeran, solide, aber nicht immer hochkarätig. Vielleicht ist deswegen Hermann Hesse heutzutage fast schon ein hipper Autor geworden. "Der Steppenwolf", "Das Glasperlenspiel", "Narziss und Goldmund" – Hesses Prosawerke und Erzählungen, die alle zwischen 1895 und bis zu seinem Tod 1962 entstanden sind, zählen nicht nur zur Schullektüre, sondern sind auch Bestseller der Weltliteratur.

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Das Hesses Werke geradezu danach schreien, auch auf die große Leinwand gebracht zu werden, kriegt jeder mit, der mal ein Werk von ihm in der Hand hatte: So romantisch sie auch veranlagt sind, genauso realistisch erzählt Hesse von der Wucht des Lebens. Dem Ruf dieser literarischen Vorlage ist nun der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky gefolgt. Der hat immerhin 2008 mit "Der Fälscher" sogar den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnen können. Sein Hesse-Werk of Choice: "Narziss und Goldmund", eine Erzählung aus dem Jahr 1930 über die Freundschaft zwischen dem Novizen Narziß, der Priester werden möchte, und des Schülers Goldmund, angesiedelt im Mittelalter.

Hier kannst du den Trailer zu "Narziss und Goldmund sehen":

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Ich gebe es ganz offen zu: Ich bin eine Hesse-Skeptikerin. Ich finde seinen Stil manchmal zu trocken, seine Themen und Motive, so spannend sie auch sind, allzu oft zu offensichtlich konstruiert. Was also kann uns eine Hesse-Verfilmung einer fast hundert Jahre alten Erzählung, die in einem mittelalterlichen Kloster spielt schon im 21. Jahrhundert sagen?

Klingt erstmal verdammt unsexy, außer eben man hat einen Hesse-Spleen. Nun ja, nach der Sichtung des Films kann ich aber sagen: Es hat mich doch mehr berührt als ich dachte, es fühlte sich universaler an. Aber so ganz bin ich dem Mysterium nicht auf die Schliche gekommen.

Fangen wir vielleicht mit den Basics an: Worum geht es eigentlich?

Narziss und Goldmund sind von Grund auf verschieden – trotzdem hat das Leben sie zusammengebracht. Auf der einen Seite steht der asketische und tiefreligiöse Klosterschüler Narziss (Sabin Tambrea, kennt man zum Beispiel aus "Babylon Berlin"), auf der anderen Seite der junge, ungestüme Goldmund (Jannis Niewöhner, kennt man unter anderem von der Amazon-Prime-Serie "Beat"). Der landet nur im Kloster Mariabronn, weil sein Vater ihn dorthin gebracht hat, verstoßen, weil seine Mutter eine "Hure" sei.

Goldmund (l.) und Narziss als Kinder im Kloster

Narziss hat sich den strengen Klosterregeln und dem damit verbundenen entsagungsvollen Leben mit jeder Faser seines Herzens verschrieben und Goldmund versucht zunächst, ihm nachzueifern. Schnell entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden so unterschiedlichen Jungen. Doch Narziss erkennt, dass Goldmund einen anderen Weg gehen muss: Sein ungestümer, temperamentvoller und lebenslustiger Freund ist für das karge Klosterleben nicht geschaffen und er bestärkt ihn darin, die Abtei zu verlassen.

So begibt sich Goldmund auf eine rastlose Wanderschaft. Er erlebt Jahre voller Glück, Freiheit und Zufriedenheit, aber auch Elend, Krieg, Tod und die tödliche Pestepidemie. Viele Frauen kreuzen seinen Weg, bis er in Lene (Henriette Confurius) seine große Liebe findet.Als Künstler reift er und findet so Erfüllung in einem Leben. Doch dann kommt es unter dramatischen Umständen zu einem erneuten Treffen der beiden, das ihre Freundschaft auf die Probe stellen wird.

Okay – und was ist jetzt der tiefere Sinn?

Im Grunde erzählt Hesses Geschichte, als auch Ruzowitzkys Filmadapation, die Geschichte von zwei Befreiungsschlägen in zwei Lebensbiographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der eine will Mönch werden – vor allem aus Selbstschutz, um seine bedingungslose Liebe zu Goldmund zu zügeln (remember: Homosexualität war damals im Mittelalter, als auch in den 30er Jahren ein gesellschaftliches Tabu). Der andere folgt dem Ruf des Lebens, probiert viele Dinge aus, um dann doch in der Kunst seine tiefere Erfüllung zu finden. Gleichzeitig sucht er seine Mutter, also die Quelle seines Lebens.

Es sind zwei Biographien auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und dem Wunsch, ein möglich vollkommenes Leben zu führen. Ein Grundideal, nach dem wohl auch noch heute viele streben nur das "wie dahin" ist verschieden. Interessanterweise finden sich in Hesses Erzählung viele autobiographische Bezüge: Er selbst war ein Klosterschüler und im fiktiven Bischofsstadt erkennt man Würzburg wieder, eine Stadt in der nicht nur Goldmund als Schreiberling erwacht, sondern auch Hesse.

Aber nun ja: Vielleicht können uns am besten, die Hauptdarsteller des Films erklären, was es mit "Narziss und Goldmund" auf sich hat. Wir haben mit Sabin Tambrea darüber sprechen können.

"Ich denke, ein wenig Abstand kann auch dazu beitragen, Gemeinsamkeiten besser zu erkennen": Sabin Tambrea über seine Rolle in "Narziss und Goldmund"

Kida Khodr Ramadan als Mönch (l.) mit Narziss (Sabin Tambrea).

NOIZZ: Klassische Literaturverfilmungen sind jetzt nicht mehr unbedingt en vogue – was meinst du, was kann eine Geschichte, wie die von "Narziss und Golmdmund" uns heute noch geben?

Sabin Tambrea: Dieser Roman von Hermann Hesse bietet für jede Altersklasse einen Zugang, da man mit steigender Lebenserfahrung immer andere Ebenen darin erkennt. Dadurch bekommt er eine universelle Gültigkeit. Junge Menschen fühlen sich verstanden, da die Probleme des Erwachsenwerdens ernst genommen werden, Liebe, Freundschaft und Verlust haben einen ebenso großen Stellenwert in dieser Geschichte, wie auch das ewige ringen zwischen Herz und Verstand.

NOIZZ: Welches Thema hat dich denn am meisten berührt?

Die gesamte Ladung aller oben beschriebenen Aspekte. Hesse hat ein kleines Universum geschaffen, in das man eintauchen und sich künstlerisch fast unerschöpflich inspirieren lassen kann. Wenn ich aber einen Aspekt hervorheben müsste, so wäre dies die Freundschaft, die keine Grenzen kennt.

Goldmund (Jannis Niewöhner) zieht es heraus in die Natur und er verliebt sich in Lene (Henriette Confurius).

NOIZZ: Hättest du dir auch vorstellen können, dass die Geschichte im Jetzt spielt?

Unser Anspruch war es, Hesse gerecht zu werden, deshalb stellte sich diese Frage zu keinem Zeitpunkt. Ich denke, ein wenig Abstand zu der uns bekannten Zeit kann auch dazu beitragen, Gemeinsamkeiten besser zu erkennen.

NOIZZ: Eure Rollen sind sehr konträr: Goldmund, der Lebemann, der alles ausprobiert und Narziss, der stille, fromme Geistliche. Wie habt ihr euch auf eure Rollen vorbereitet?

Jannis und ich haben jeweils einige Tage im Kloster Zwettl in Österreich verbracht, um uns das Leben dort nahezubringen. Ich kann mich zwar mit einigen der Werte von Narziss identifizieren, jedoch nicht mit ihm als komplette Figur. An der Spitze seines Denkens steht Gott, an der Spitze meines Denkens steht die Wissenschaft.

NOIZZ: Der Austausch und das Verhältnis zwischen Kunst und Religion spielen eine wichtige Rolle in dem Film – wie verstehst du dieses Verhältnis? Und stehst du eher auf der Kunst- oder Religion-Seite?

Enstehungsgeschichtlich ist Religion das Produkt aus dem Mangel an fortgeschrittener Wissenschaft, da die Neugier des Menschen mit der Frage nach dem Ursprung des Lebens irgendwie beantwortet werden will. Je weiter die Wissenschaft kommt, desto weniger Platz bleibt, in meinen Augen, für einen Gott. Ich lasse mich aber gern überraschen, sollte er mir eines Tages die Hand schütteln.

Goldmund (Jannis Niewöhner) während seiner Ausbildung zum Bildhauer.

"Narziss und Goldmund" von Stefan Ruzowitzky mit Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Emilia Schüle. Uwe Ochsenknecht, Kida Khodr Ramadan, Georg Friedrich, Jessica Schwarz u.a. kannst du ab dem 12. März 2020 im Kino sehen.

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Quelle: Noizz.de