Jungsein, Skateboards und Schmerz: NOIZZ hat mit dem Schauspieler gesprochen.

Die besten Coming-Of-Age Filme porträtieren die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenenleben immer auch als beispiellos schmerzhaft. Nicht im Sinne dessen, dass man sich aufs Maul legt und die blutige Lippe stärker wehtut, als wenn man schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Eher so, dass die Faszination des tiefroten Blutes, das vielleicht noch nie so gespritzt hat, einen diesen Moment nie vergessen lässt.

Ähnlich ist es mit allen ersten Malen: Das erste Mal Spucke im Mund, die nicht die eigene ist beim Küssen, das erste „Fick dich!“ zu einer Autoritätsperson, das erste Mal merken, dass es hinter dem bisher geltenden Horizont noch viel, viel weiter geht. Vielleicht ist es die Tatsache, dass man manche Dinge zum allerersten Mal fühlt. Vielleicht ist man einfach noch nicht so abgeklärt. Vielleicht hat man auch einfach noch nicht die Möglichkeit das alles zu reflektieren, weil man ja immer noch mit dem vielen Fühlen beschäftigt ist. Aber: Empfindungen sind niemals wieder so intensiv, so roh und nah, wie im Teenie-Alter.

Stevie steht in seinem Zimmer und hat ein Kabel um den Hals, er zieht an beiden Enden, die Muskeln seines Halses sind gespannt. Er ist so wütend und so verzweifelt, weil alles scheiße ist. Eben hat er noch Prügel vom ätzenden, älteren Bruder eingesteckt, hat eine Ansage von seiner verständnislosen Mutter bekommen und jetzt schnürt er sich selbst die Luft ab, weil er nicht weiß, wohin mit der ganzen Wut.

Ein anderes Mal verletzt er sich, weil er waghalsiger ist, als er sein sollte, als er mit seinem Skateboard neben den anderen Skaterboys steht. Denen, die das mit dem Skaten können – anders als Stevie. Dieses Mal geht es nicht um Wut, sondern darum, sich zu beweisen, vor den anderen Alphatieren. Sie respektieren ihn, weil Stevie unerschrocken ist.

Als Stevie in den ersten Minuten von Mid 90ies mit seinen 13 Jahren all seinen Mut zusammennimmt und in den Skatershop kommt, wo die coolen Kids abhängen, solidarisiert man sich direkt mit ihm. Einen Moment wie diesen gibt es in so ziemlich jeder Biographie. Als man an der Zigarette zieht, damit man dazugehört. Oder im Supermarkt den Billo-Schnaps klaut, um die Mutprobe zu bestehen. Das, worum es geht, ist unbezahlbar: Zugehörigkeit. In Mid 90s scheinen alle auf der Suche: Stevie nach besseren, älteren Brüdern, seine Skater-Freunde Ray, Fuckshit, 4th Grade und Ruben hingegen nach Zuflucht, Betäubung und Zerstreuung.

Jonah Hill erzählt in seinem Regie-Debüt kein Epos, sondern eine kleine Geschichte vom Jungsein. Irgendwie ist es auch seine Geschichte – und damit auch ein bisschen die Geschichte unser aller Jugend. Er selbst wuchs in L.A. auf und suchte ebenfalls Anschluss bei den Skaterkids. Leider, so sagt er selbst, war sein Talent eher begrenzt – was ihn nie abhielt, es weiter auf dem Skateboard zu versuchen. Genau wie Stevie. Genau, wie es der Untertitel des Films meint: fall. get back up. Im Gespräch mit NOIZZ erklärt Hill:

Ich glaube, jeder Charakter des Films ist irgendwie auch ein Teil von mir. Ich könnte über nichts schreiben, was nichts mit mir zu tun hat.

Natürlich, so ein Projekt, dass so nah an ihm selbst dran ist, sei immer ein Wagnis. „Ich habe deshalb auch bis jetzt gewartet, bevor ich ein solches Projekt durchziehe.“

Das Warten hat sich gelohnt: Hill erzählt die Geschichte von Stevie einfühlsam, ruhig und ohne all zu viel Kitsch. Es gibt keine großen Aha-Erlebnisse, keinen krassen Showdown, nachdem alles anders ist. Nur ein paar Jungs, die abhängen. So, oder ähnlich, könnte es diese Clique überall auf der Welt geben. Es gibt immer den einen Star des Ensembles, einen der sich komplett verschwendet, einen Mysteriösen und, naja, halt einen, der für den ganzen Mist eigentlich noch viel zu jung ist, aber aus irgendwelchen Gründen akzeptiert wird.

„Die einzelnen Charaktere sind überzeichnet, aber sie bieten sicherlich Platz, sich mit ihnen zu identifizieren“, sagt Hill. Er merkt an, dass die Credits für Glaubwürdigkeit vor allem an die Darsteller gehen müssten – allesamt keine professionellen Schauspieler, höchstens (semi-)professionelle Skater. Vor allem Sunny Suljic spielt die Rolle des Stevie bemerkenswert, unprätentiös und völlig natürlich.

Sulijcs Spiel passt dazu, dass Stevie bis zum Ende nicht zum Überraschungstalent auf der Pipeline wird. Er bekommt es aber irgendwann hin, auf dem Board zu stehen und hinter seinem großen Vorbild, Ray, den Highway runterzufahren. Im Hintergrund färbt die untergehende Sonne den Himmel rosa, der warme Wind flattert durch die locker sitzenden Shirts der Jungs und alles ist egal – bis auf die Bretter, auf denen sie durch ihre abgesteckte Welt gleiten. Spätestens in dieser Szene spürt man das Lebensgefühl, das Mid 90s ohne große Anstrengung vermittelt. Hier geht es nicht darum, dass jeder, der trinkt, eigentlich ein schweres Problem hat. Nicht jeder, der Drogen nimmt, hatte eine schlimme Kindheit. Jonah Hills Charaktere tun Dinge, weil sie jung sind und leichtsinnig und vielleicht, weil sie sich diesen einen Sommer, den wir sie begleiten, für unsterblich halten. Denn auch das fühlt man nie wieder so stark, wie als Teenie: Unbeschwertheit.

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Quelle: Noizz.de