„Fahrt euch nervös durch die Haare. Man wird euch für ein Manhattan-Girl halten.“ Ähm...was?

Eigentlich sollte man ja denken, dass Moderatgeber heutzutage überflüssig geworden sind - es gibt schließlich Instagram! Und damit täglich Millionen neue Fotos von Fashionbloggern, Influencern und denen, die es werden wollen. Aber trotzdem scheint der gute, alte Moderatgeber in Buchform noch nicht tot. In den Buchläden (also den analogen Appstores) scheint es, als hätte jeder deutsche Designer zurzeit ein Buch herausgebracht, wie wir uns kleiden sollen. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen und haben diese Ratgeber mal ganz genau angeschaut.

Guido Maria Kretschmer - "Anziehungskraft. Stil kennt keine Größe"

Guido Maria Kretschmer hat sich mit seiner Show "Shopping Queen" einen festen Platz im Nachmittagsfernsehen erarbeitet und ist so ein bisschen der Shopping-Berater der Fernseh-Nation geworden. Was kann sein Buch? Das ganze fängt - so finden wir- gut an: „Der Tag, an dem wir uns für unser erstes allein ausgesuchtes Kleidungsstück entscheiden, ist der Anfang der Selbstbestimmung.“ Very true! Und: „Der größte Bewunderer unseres Looks sollten wir selbst sein“, schreibt der Modedesigner. Leider geht es nicht so weiter. Denn Guido Maria Kretschmer beginnt, zehn weibliche Figurentypen festzulegen, auf denen seine Ankleide-Lehre beruht: Darunter Körperformen, die er "das sympathische Brett" oder "den Kugelfisch" nennt. Das ist bestimmt sympathisch-herzlich gemeint, aber ganz ehrlich, wer will schon als "die große Walküre" oder "Von-allem-etwas-zu-viel-Frau" bezeichnet werden? Kommt irgendwie eher peinlich rüber, als freundlich.

Daneben finden wir auch den Ratschlag aus dem Kapitel zum Thema Shoppingbegleiter: „Der eigene Partner kann eine tolle Einkaufsbegleitung sein, besonders wenn er sich selbst für Mode interessiert und Sie ein Modeltyp sind, dem alles steht. Falls das nicht der Fall ist, dann lassen Sie den jungen Mann lieber mit seinen Freunden Fußball schauen. Sonst entdeckt er vielleicht während der Anprobe kleine Problemzönchen, die Sie sonst immer geschickt versteckt haben.“ Autsch. Frauen, die dem Mann gefallen müssen und vor ihm die „Problemzonen“ (allein schon dieses Wort!) verstecken müssen. Willkommen in den 1950ern – dafür, dass Guido Maria Kretschmer sich als so ein Bewunderer der weiblichen Schöhnheit inszeniert, hat er ganz schön anachronistische Ansichten. Philosophisch wird es dann auch noch. Wir haben zu viert gerätselt, was Guido Maria Kretschmer mit folgenden Satz meinen könnte:

„Du bist so jung wie deine Begeisterung für das, was du noch nicht gekauft hast." Wir sind dann schließlich zu dem Schluss gekommen, dass dieser Satz selbst als Kunst zu verstehen ist und nicht nach seinem Sinn beurteilt werden sollte. Anfangen kann man damit dann aber auch nichts. In diesem Sinne: "Anziehungskraft - Stil kennt keine Größe" ist eher etwas für ganz hart gesottene Guido-Fans, die seine Art kennen und lieben. Und kein Problem haben, sich als "Kugelfisch" bezeichnen zu lassen.

(Guido Maria Kretschmar: Anziehungskraft - Stil kennt keine Größe. Verlag: Edel. 240 Seiten, Taschenbuch: 9.95 Euro)

Wolfgang Joop - "Dresscode. Stilikonen zwischen Kult und Chaos"

Wolfgang Joop hat einen speziellen Humor. Das weiß man spätestens, seit der deutsche Designer in einer der vergangenen Staffeln von "Germanys next Topmodel" dabei war. Viele sagen, das sei die beste Staffel gewesen, die die Show je gesehen hat. Mit seinem trockenen Witz beginnt der Designer auch das Buch: „Da steht die Kundin vor einer Bluse, und die Verkäuferin wird mit quengelnden Ton gefragt: Sagen Sie, bin ich das wirklich? Liebe Kundin, vielleicht fragen Sie da besser Ihren Psychotherapeuten, würde mir dazu an Ihrer Stelle als geeignete Antwort einfallen", so schreibt Joop. Er gibt seine Ratschläge als Mode-Kritiken verpackt: Joop stellt zwölf Frauen aus der Fashion-Welt vor und analysiert ihren Stil. Von Rihanna bis Iris Apfel, von Lena Dunham bis Kate Middelton, dazu gibt es aufwendige Skizzen des Designers von den jeweiligen Damen. Das liest sich angenehm, Kapitel lassen sich locker überfliegen und noch dazu sehen die Bilder ziemlich nice aus.

Die Ratschläge, die Joop nach jeden Kapitel gibt, sind allerdings nicht immer seine - sondern eher die, von denen er glaubt, dass die Fashion-Ikone sie selbst geben würde. Haben wir zumindest so verstanden. Bei Lena Dunham steht dann dort zum Beispiel: "Bedient euch am Kleiderschrank des Boyfriends und bringt ihn zu jeder Party als Accessoire mit. Punkt." Wenn Joop jemand nicht mag, haut er auch gerne mal kräftig raus. Zu Rihanna schreibt er: „Mit den dicken, wattierten Sneakers, den trashigen Accessoires und dem Overall mit dem heruntergeklappten Latz sah Rihanna auf einmal aus einer ein ausgeraubter Briefkasten." Sein Rat darum: „Hütet euch vor dem Accessoire-Tsunami."

Ok, das können wir nachvollziehen! Bei anderen Ratschlägen wird das ganze aber ziemlich wirr. Zum Beispiel dieser Tipp: „Legt euch eine Schüttelfrisur zu und fahrt euch nervös durch die Haare. Man wird euch für ein Manhattan-Girl halten.“ Ähm – ein was? Nun ja, und ab und zu sind auch von Joop ernannte Stil-Ikonen dabei, mit denen vielleicht nur Insider etwas anfangen können. Beispiel: Caroline de Maigret. Kommentar einer Kollegin: "Kenn ich nicht. Ich kenn nur Caro Daur." Wäre spannend zu wissen, wie Joop deren Stil bewertet! Vielleicht gibt es ja bald einen weiteren Band mit dem Stil von Influencern. Den würden wir uns kaufen! Denn so wirr die Tipps manchmal klingen - durch die Illustrationen und die gnadenlose Ehrlichkeit macht Joops Buch einfach Spaß.

Michael Michalsky - "Lass uns über Style reden"

Michael Michalsky kennen viele hauptsächlich als Juror von GNTM, immer zu einem kleinen Streit mit Thomas Hayo aufgelegt. In seinem Buch wird Michalsky allerdings unerwartet philosophisch. Er macht von Anfang an klar: „Mir geht es beim Thema Style um so viel mehr als „nur“ Fashion. Für mich geht es um Persönlichkeit, um die Einstellung, die wir gegenüber dem Weltgeschehen und unserem direkten Umfeld vertreten. Um Haltung, Habitus und Kommunikaiton.“ Es ist, so stellen wir beim Lesen fest, eher die Zusammenfassung von Michalskys Lebensphilosophie als ein klassischer Moderatgeber.

Es geht um Sprache und Stil, Popmusik, Ideen für schöneres Wohnen - und ein ganzes Kapitel heißt „Sex und wie wir Lieben“. Ganze Seiten über die Wichtigkeit von Safer Sex hätten wir jetzt nicht in einem Buch über Stil erwartet. Aber Michalsky scheint sich in diesem Buch endlich mal alles von der Seele reden zu wollen, was ihn schon länger beschäftigt: Sein Leben als schwuler Mann, der es in seiner Jugend in der Kleinstadt echt nicht leicht hatte. Die Ehe für alle. Seine Freundschaft mit Karl Lagerfeld. Sein Ordnungs- und Symmetrietick. Sein Wunsch, wie die Menschen miteinander umgehen sollen.

Man kommt dem Designer schon nahe - aber das ganze hat doch eher etwas autobiografisches. Ein bisschen um Mode geht es aber natürlich auch. Michalsky erklärt ein das 1x1 des Modedesigns: "Ein guter Designer greift in der Regel Soziostimmungen und aktuelle Stimmungen innerhalb der Gesellschaft auf und weist den Betrachter seiner Mode darauf hin." Und versucht, den Blick der Leser auf "Stil" von der Mode loszulösen: "Seien Sie und bleiben Sie vor allem ein: authentisch. (...) Jemand mit eigener Meinung. Das hat schon (fast) genug Style." Nicht gerade life-changing, aber wohl wahr.

(Michael Michalsky: Lass uns über Style reden. Verlag: Edel. 240 Seiten, 17,95 Euro)

Quelle: Noizz.de