"Tu' dir was Gutes!" – Schnell daher gesagt, aber gar nicht so leicht umzusetzen. Erst recht nicht, wenn du gerade aus einer verdammt toxischen Beziehung kommst. Die Ex-"Besser als Sex"-Podcasterin Ines Anioli musste sich genau damit auseinandersetzen. Nun wagt sie den Neuanfang – und nimmt uns mit. In ihrem neuen Podcast und einem sehr emotionalen Deep-Talk.

Eigentlich wollte ich nur freundlich sein – und trete damit gleich zu Beginn unserer Begegnung in ein Fettnäpfchen, als ich frage. "Wie geht es dir, alles gut?" – Da ist das Erste, was ich von Podcasterin und Comedienne Ines Anioli erwidert bekomme ein wenig Ratlosigkeit. Sie wisse nicht, was sie darauf antworten soll und findet diesen Smalltalk furchtbar: "Ich kann das auch nicht, einfach so zu tun, als ob es mir gerade gut geht, wenn dem nicht so ist."

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Das mag auf den ein oder anderen drastisch wirken, aber wer Ines' Geschichte ein bisschen kennt, kann es mehr als nachvollziehen. Für die meisten ist Ines Anioli einfach nur die eine Hälfte des Podcasts "Besser als Sex". Seit 2016 exerzierte sie gemeinsam mit Leila Lowfire alles rund ums Thema Sex durch – und war damit verdammt erfolgreich. Doch dann war im Sommer 2019 Schluss damit. Ines konnte einfach nicht mehr über One-Night-Stands, Dirty Talk, Sexabenteuer und feuchte Muschis reden. Es machte sie fertig, ihr ganzer Körper zog sich zusammen.

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Das war nicht mehr gesund.

Die Ursache dafür: Ines war in einer langjährigen toxischen Beziehung gefangen und nach der Trennung musste sie diese krasse Erfahrung erst einmal verarbeiten und auch all die Wunden heilen, die in ihr schlummern. Sie war in einem emotionalen Tief, aus dem sie sich befreien musste.

Es gab Zeiten, da hat es schon ausgereicht, wenn mir ein Freund gesagt hat, dass er gestern mit seiner Freundin geschlafen hat – da habe ich sofort gedacht: 'Bitte rede nicht weiter darüber.' Alleine die Information, da hatte ich schon zu viel.

Langsam bekomme sie aber wieder ein Gefühl dafür, ob ihr was zu viel werde oder sie darüber reden möchte. "Meine Freunde können mir wieder von Sexerlebnissen erzählen – ohne Details. Aber das ist für mich auch schon ein kleiner Erfolg!" Sie sagt aber auch fast schon ein wenig zu nüchtern für einen Außenstehenden, dass sie noch immer keine Sexualität habe. "Aber, wenn man eben keine Bedürfnisse hat, dann vermisst man das auch nicht." Auch ihre Freunde hätten am Anfang austesten müssen, was für sie okay ist und was nicht.

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Dass sie ohne fremde Hilfe dieses Erlebnis nicht verarbeiten kann, war Ines schnell klar, aber irgendwann reichen auch Therapiesitzungen nicht mehr aus.

Meine Therapeutin hat mir oft gesagt: 'Ines, an solchen Tagen, wo es dir nicht so gut geht, versuche, Dinge zu machen, die dir guttun.' Und ich dachte immer: 'Na ja, aber was bitte ist das?' Sie meinte dann: 'Na ja, vielleicht machst du dir was Leckeres zu essen oder so.'

Dadurch fühle sie sich zwar vielleicht kurz besser, wurde aber auch das Gefühl nicht los, dass so etwas ihre Probleme löse. Wenn andere mit "Me-Time" eine Gesichtsmaske oder ein Vollbad mit viel Schaum meinen, geht für die Comedienne der Begriff viel weiter. "Es geht ums Reflektieren – darüber, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist, was ich besser machen möchte", sagt sie. Und dazu gehöre es, manchmal auch aus seiner Komfortzone herauszugehen. Also wollte sich Ines ihrer "Scheiße" stellen – übrigens im wahrsten Sinne des Wortes. Sie probierte neue Dinge aus, die sie in der Vergangenheit vielleicht sogar belächelt hatte. Zum Schamanen gehen, Darm reinigen lassen, Töpfern, Campen, Bouldern.

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So ist der Podcast "Me-Time mit Ines Anioli" entstanden. "Da bin ich über 30, hab keinen Sex mehr und fange an, zu töpfern. Das ist schon in meinem Kopf. Aber ich glaube, es ist viel einfacher, sich darüber lustig zu machen, statt einfach mal zu machen." Das alles mag manch einer als Egotour und Seelenstriptease verstehen, aber im Grunde, ist es auch ein wenig Horizont erweitern. So, wie wenn man eben am Wochenende mal Slacklinen ausprobiert – und es am Ende vielleicht sogar noch immer doof findet.

Hier kannst du in Ines' Besuch bei einem Schamanen reinhören:

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Sich dabei selbst zu hinterfragen, war für sie ein tolles Gefühl: "Ich fand es am Ende toll, was mir dadurch alles bewusst geworden ist." Sie gibt aber auch zu, dass es ihr schwer falle, solche Erlebnisse regelmäßig in ihren Alltag zu integrieren, wenngleich, sie fast alles noch einmal tun würde – irgendwann einmal. "Außer Gitarre spielen. Aber auch nur, weil ich dann so cool sein und sagen kann, dass ich Gitarre spielen kann. Das ist der Künstler in mir, der einfach Coolness-Punkte haben möchte."

Als ich Ines im Gespräch dann entgegne, dass sie vielleicht so ein Workshop-Typ ist, der einfach gerne ab und zu neue Dinge ausprobiere, findet sie diese Vorstellung ganz unangenehm.

Das ist so, wie wenn jemand in einem Retreat auf Bali war und danach nur noch so lose Klamotten trägt. Da denk ich gleich: 'Ach komm, halt einfach dein Maul. Du hast dich nicht gefunden, du hast dich nur weiter verloren.' Da wird einfach nur was kopiert, was andere dir bereitgestellt haben. Da hat man sich null mit sich selber beschäftigt.

Ines Anioli: "Ich will einfach alles außergewöhnlich haben"

Auf der einen Seite belächele sie so etwas, ist sich aber auf der anderen Seite auch bewusst, dass gerade so etwas anderen Menschen helfen könne, gibt sie zu. Mit klassischen Meditationsübungen könne sie hingegen eher wenig anfangen: "Für den Podcast habe ich in einer Folge Dinge ausprobiert, um besser schlafen zu können. Denn auch damit habe ich wahnsinnige Probleme. Da habe ich Meditieren auch einmal ausprobiert, obwohl es mich eigentlich nicht sonderlich interessiert und ich sofort ein Gefühl von Beklemmung bekomme, wenn mich jemand fragt, ob wir meditieren wollen."

Sie sei manchmal auch einfach zu ironisch für so etwas: "Wenn ich schon sehe, wie locker manche bei so Meditationsübungen sind – wie die einfach ausatmen, fauchen und Zähne fletschen. Da fallen mir einfach zu viele Witze ein und ich beobachte nur." Unsere 20 Minuten Gesprächszeit, die wir haben, kommen mir inzwischen vor wie eine kleine Ewigkeit – im guten Sinne. Als ich sie zum Ende hin frage, ob sie glaube, dass gerade jetzt während der Corona-Pandemie sich mehr Menschen mit sich selbst beschäftigen, wird sie nach all den Witzen über Meditation, Atmen und Co. wieder sehr nachdenklich.

Ist der Podcast "Me-Time mit Ines Anioli" das "Eat, Pray, Love" unserer Generation?

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"Gerade nach so einer toxischen Beziehung, in der so viele schlimme Dinge auf verschiedenen Ebenen passiert sind, war für mich klar, dass ich das jetzt erst mal für mich verarbeiten muss", sagt sie. Sie war sich bewusst, dass in dieser Zeit ganz viele neue Dinge passieren werden, und dass es manchmal ganz schlimm sein wird.

Ich habe gesehen, was passiert, wenn jemand ein riesiges Paket Scheiße mit sich bringt, und wie kaputt man jemand anderen macht, wenn man sich nicht mit seinen Problemen auseinandersetzt.

Jeder, dem sie ihre Geschichte mit allem erzähle, würde denken: 'Wow, was für ein schlimmer Mensch ist da in dein Leben gekommen.' Aber sie habe ihn da reingelassen. "Das will ich in Zukunft nicht, und deswegen muss ich auch an mir selber arbeiten." Und dann sagt sie fast entschuldigend: "Ich glaube, ich habe deine Frage jetzt null beantwortet!"

Für sie sei es einfach immer wichtig, sich auch mit seinen eigenen Stärken und Schwächen auseinander zu setzen – und genau dabei soll auch ihr Podcast helfen. Zumindest kann man ihn als Inspiration sehen – für neue Hobbys, ein paar Denkanstöße und wie wichtig uns eigentlich Achtsamkeit und Selbstliebe sein müssten.

Den Podcast "Me-Time mit Ines Anioli" kannst du ab sofort nur auf Spotify streamen.

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  • NOIZZ