Was den Journalisten an extremen Themen so fasziniert.

Der große Stress ist bei Manuel Möglich nicht ausgebrochen als wir ihn rund eine Woche vor dem Sendestart der Reportagereihe „Rabiat“ treffen. Alle Filme der Reihe sind so gut wie fertig. Dementsprechend gelöst empfängt uns der 38-Jährige in seinem Büro in Kreuzberg.

Weniger entspannt sind dagegen die Themen, die der Journalist seit Jahren bearbeitet: Für seine Reihe „Wild Germany“ traf er unter anderem Menschen, die sich absichtlich mit HIV infizieren, oder er begab sich auf die Suche nach Crystal Meth in Bayern.

In Webreportagen des „Y-Kollektivs“, für die Möglich mit seiner Produktionsfirma ebenfalls verantwortlich ist, befasste er sich mit Zoophilie oder besuchte eine Messe in den USA, in denen Menschen nach der Formel für das ewige Leben suchen.

Auch die sechs Folgen von „Rabiat“ werden keine leichte Kost: Drogen, Fetisch, Pädophilie oder Hatespeech sind einige der Topics von ihm und seinen Kollegen. Dabei halte er sich für einen ziemlich normalen Typen, verrät er NOIZZ.

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NOIZZ: Gibt es Themen, über die du nicht berichten würdest?

Manuel Möglich: Ein ganz klares „No-Go“ gibt es nicht. Es gibt Themen, über die ich gerne berichten würde, die aber nicht funktionieren, wie die „Hell’s Angels“, zum Beispiel. Es braucht ein gewisses Interesse von der anderen Seite, dass die Leute sagen: Da habe ich Bock drauf, ich bin gewillt, euch etwas zu zeigen. Bei Rockern und organisierter Kriminalität ist dieses Interesse nicht vorhanden. Aber es gibt kein Thema, wo ich sage: Da würde ich nicht darüber berichten.

Man darf als Journalist also alles machen?

Möglich: Ich habe jetzt keine moralischen Bedenken. Es geht immer um die Frage: Wie sorgfältig gehst du mit einem Thema um? Wie gut bist du in der Recherche? Wie fair bist du mit den Protagonisten? Wie reflektierst du die Geschichte? In der Vergangenheit hatte ich einmal über einen Film über aktive Sterbehilfe nachgedacht. Die Reportage hätte so ausgesehen, dass ich jemanden begleitet hätte und der Film damit endet, das ich an seinem Grab stehe. Das war mir zu heftig.

Hättest du das nicht ausgehalten?

Möglich: Das war damals so. Mittlerweile haben wir schon beim „Y-Kollektiv“ darüber nachgedacht. Man muss sich halt im Klaren darüber sein, dass manche Themen, auch wenn man professionell ist, natürlich etwas mit einem machen können.

In der „Rabiat“-Reportage „Netzwerk Pervers“ begleitest du Menschen, die ein soziales Netzwerk für verschiedene Fetische nutzen. „Möglicherweise verstört Sie diese Reportage, das ist eine Frage Ihrer Toleranz“, heißt es darin. Würdest du dich als toleranten Menschen bezeichnen?

Möglich: Auf jeden Fall. Aber ich merke auch, dass es Punkte gibt, an denen man sich selbst hinterfragen muss. Das Spannende an der Reportage war: Das sind alles superreflektierte Menschen, die alle im Leben stehen. Alles, was diese Leute in dem Film tun, passiert einvernehmlich. Wenn man aber die ARD-Hauptprogrammbühne betritt, werden das auf jeden Fall Leute sehen, die das verstört. Der Satz ist eine kleine Vorwarnung, damit sich niemand darüber aufregt.

Verstören dich manchmal Menschen, die du bei deinen Recherchen triffst?

Möglich: In dem Film begleiten wir ein Pärchen bei einem Rollenspiel. Die Frau lässt sich von ihrem Freund ins Gesicht schlagen, während er eine Militäruniform trägt. Ich saß daneben. Die Szene dauert in dem Film einige Minuten. Das ging in Echtzeit eine dreiviertel Stunde bis Stunde. Das hat mich wirklich fertiggemacht. Ich ringe danach auch mit meinen Worten.

Als Zuschauer konnte ich die Szene kaum aushalten.

Möglich: Das ist gut, dass du das gefühlt hast.

Warum muss das so lange gezeigt werden?

Möglich: Ich glaube, es ist ganz essentiell in einem Film, in dem es um Fetisch geht, auch zu sehen, was dort passiert. Die Stelle ist eine Schlüsselszene, die ein Beklemmen und Unbehagen hervorrufen muss. Die Reihe heißt „Rabiat“ und den Titel muss man einlösen.

Wie hältst du das während der Dreharbeiten aus?

Möglich: Ich versuche die Leute ernst zu nehmen, auch wenn das von außen manchmal schwer zu verstehen ist. Auch wenn man denkt: Das ist ja total bescheuert. Du kannst dich doch nicht ernsthaft mit einem Mann unterhalten, der als Zebra verkleidet durch Hamburg rennt. Es geht dann aber doch.

In der Reportage zieht dich ein Mann mit einem Kutschwagen durch einen Park, während er ein Zebrakostüm trägt. Der Mann findet das Tragen des Kostüms sexuell erregend. Kostet dich so ein Dreh Überwindung?

Möglich: Bei dem Dreh war die Kamera auch zum Teil sehr weit weg von uns. Wir liefen dann alleine durch den Park. Da habe ich festgestellt: Die Leute verstehen uns als Einheit. Die Menschen sehen in mir nicht den Journalisten, sondern den Freak oder den Perversen. Das ist für mich in dem Moment auch ein bisschen komisch, klar. Aber es gehört zu meinem Job, sich auf solche Angebote einzulassen.

Gemeinsam durch Hamburg: Manuel Möglich und ein Mann im Zebrakostüm

Wann muss man Leute davor schützen, sich so offen vor der Kamera zu zeigen?

Möglich: Für „Rabiat“ habe ich auch einen Film über Pädophile gemacht. Dort gibt es einen Mann, der sich outet. Sein Gesicht wird zu erkennen sein. Wir haben lange überlegt, ob wir das machen können. Wir haben das so gedreht, dass es unklar ist, wo er lebt und was er macht. Ich habe dem Mann aber gesagt, es wird definitiv Leute geben, die ihn im Internet finden werden. Und er wird den Hass im Netz abbekommen. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich ernsthaft glaube, dass er seinen Job verlieren könnte. Der Mann ist 60 Jahre alt und wollte aber über seine Neigung aufklären. Bis er in Rente geht, dauert es auch nur noch ein paar Jahre, Hartz 4 würde er auch in Kauf nehmen, sagte er. Wäre dieser Mann 30 Jahre jünger, hätten wir dem auf keinen Fall zugestimmt. Ich kann nicht das Leben eines Menschen für eine Geschichte zerstören.

Es ist nicht das erste Mal, dass du dich mit Pädophilie beschäftigst. Auch in deiner Reihe „Wild Germany“ hast du das Thema behandelt. Ich finde die Thematik total schwierig: Gibst du nicht den falschen Leuten damit eine Plattform?

Möglich: Genau darum geht es auch in dem Film. Es fängt mit dem Grundsatz an, dass bei dem Wort „Pädophilie“ einem sofort das Wort „Kinderschänder“ in den Kopf kommt. Was erst einmal nicht richtig ist. Pädophilie als Neigung sucht man sich nicht aus. Dafür kann niemand verurteilt werden. Es muss aber jeder Mensch, egal ob heterosexuell, homosexuell oder pädophil, sein Verhalten im Griff haben. Es geht auch um die Frage, wie das eine mit dem anderen zu verbunden ist. Deswegen wird es in dieser Reportage auch nicht um Missbrauchsopfer gehen. Ich finde es wichtig, sich an ein solches Thema heranzutrauen.

Was glaubst du, was Menschen über den Film denken werden, die Opfer von Kindesmissbrauch wurden?

Möglich: Ich habe im Vorfeld wahnsinnig viele Gespräche geführt mit Therapeuten, Betroffenenverbänden und mit unterschiedlichen Einrichtungen. Mit manchen Experten war ein Gespräch kaum möglich. Einige meinten: Das sei eine Linie, die darf nicht überschritten werden.

Diesen Film überhaupt zu machen?

Möglich: Genau, manche sagten: Der Begriff Pädophilie ist an sich falsch, es müsste „pädokriminell“ oder „pädosexuell“ heißen. Ganz viele Menschen von Betroffenenverbänden sagten aber auch zu mir: Warum sollten Missbrauchsopfer in dieser Reportage zu Wort kommen, wenn es doch nicht um Kinderschänder, sondern erst einmal nur um die pädophile Neigung gehen soll? Ich weiß ganz genau, dass ich mit diesem Film am Ende nur verlieren kann. Was ok ist, weil es so ein extrem emotionales Thema ist. Aber wenn ich ein paar Leute dazu bringe nachzudenken, wie man mit dieser Thematik umgehen sollte, sowohl in der Gesellschaft als auch in den Medien, ist ein großer Teil getan. Wir werden zusätzlich vor Veröffentlichung des „Rabiat“-Films eine Reportage beim „Y-Kollektiv“ veröffentlichen, in dem es um die Opfer von Kindesmissbrauch geht. Wir denken dieses Format sowieso nicht nur linear: Die „Rabiat“-Reportagen werden einen Tag vor Ausstrahlung in der ARD online veröffentlicht werden.

Du hast in einem Interview gesagt, dass nach jeder deiner Veröffentlichungen dein Mailfach mit Beleidigungen überquillt. Zeigt das, dass Deutschland nicht so tolerant ist, wie man vielleicht denkt?

Möglich: Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass Deutschland nicht immer so tolerant ist. Auf der anderen Seite bin ich mir aber relativ sicher, dass die Leute, die uns gut finden, sich einfach seltener zu Wort melden.

Woran liegt es, dass Deutschland vielleicht auch konservativer wird?

Möglich: Ich bin an der Stelle auch viel mehr Bürger als Experte. Ich glaube, das hat natürlich damit zu tun, wie sich die Welt verändert. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft und vor der Digitalisierung. Deswegen besinnen sie sich vielleicht auf das, was sie direkt umgibt. Aber ich habe das Gefühl, dass es eine Vermischung von ganz vielen verschiedenen Aspekten ist.

Soll „Rabiat“ vielleicht auch die Menschen dazu bringen, ihren Blick zu weiten?

Möglich: Wenn das funktioniert, wäre es ein Traum. Es ist aber auch der Versuch, ein bisschen Glaubwürdigkeit zurückzuholen. Journalisten haben im Zeitalter von Lügenpresse und dem Postfaktischen einen ziemlich beschissenen Ruf. Wir wollen mit subjektiven Geschichten dagegen etwas tun, unsere Arbeit transparent machen. Es sind alles Themen, die eine Diskussion anstoßen können.

"Rabiat" startet ab dem 30. April immer Montags um 22:45 in der ARD und ist schon Sonntags online abrufbar.

  • Quelle:
  • Noizz.de