Du musst dir stark einreden, dass es Spaß macht – weil eigentlich richtig viel nervt.

Letztes Jahr endete NOIZZ-Redakteurin Silvia Silko ihren Nachbericht zum Lollapalooza 2018 mit den Worten: "Kann man machen. Muss man nicht." Und genau so beginnt auch der nächste Lollapalooza-Nachbericht von den diesjährigen Lolla-Gängerinnen Juliane Reuther und Luisa Hemmerling. Seit vergangenem Jahr hat sich so ziemlich nichts verändert.

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Die Location ist dieselbe geblieben, die Probleme leider auch. Trotz Stimmungs-Highlights wie Kraftklub, Olli Schulz und Marteria und Casper müssen wir uns auf dem US-Festival-Export immer wieder darauf konzentrieren, Spaß zu haben – weil eben richtig viel richtig doll nervt.

Motiviert starten wir am Samstag nach einem ausgiebigen Sekt-Frühstück (mit mehr Sekt als Frühstück, versteht sich) in eine noch nicht allzu überfüllte U-Bahn in Richtung Olympia-Stadion, wo dieses Jahr das deutsche Lollapalooza in die 5. Runde startet. Vorher wird noch 'ne Mische runtergekippt und eine Kippe zusammengemischt, und dann kann es SO WAS VON LOSGE– nicht. Erstmal anstehen am Presse-Eingang. 40 Minuten. Von Rapper Ufo361 bekommen wir nur noch die letzten müden Autotune-"Ja"s ab.

Weil wir ohne einen Cocktail in der Hand nicht weiterleben wollen, machen wir uns auf den Weg zum Absolut-Lolla-Stand: das ominöse Schlaraffenland der guten Cocktails. Das Erreichen des Standes kann man sich ungefähr so vorstellen: Gegen eine Wand von Menschen rennen, die sich alle genervt nach dir umdrehen, und dann wieder genervt auf die im Kreis angeordneten Bartender*innen schauen, die wiederum in aller Seelenruhe einen Cocktail nach dem anderen mixen.

Irgendwann stehen wir mit Marmeladengläsern voller Absolut-Drinks vor der Bühne, auf der Comeback-Rapper Dendemann gerade in Fahrt kommt. Wir feiern den Künstler, aber wieder bekommen wir nur die letzten paar Songs vom Set mit. Dann heißt es schnell rüber-pilgern zur gegenüberliegenden Bühne und sich Billie Eilish geben. Die "Bury a Friend"-Interpretin opfert sich mit zwei verstauchten Knöcheln und letzten Stimmbänder-Resten der hungrigen Meute 13-jähriger Fans auf. Neben unserer Freude, den 17-jährigen Superstar mal live gesehen zu haben, müssen wir aber eigentlich dringend auf Klo und haben Hunger. Doch das Lolla-Line-up lässt keinen Platz für Grundbedürfnisse. "Mal schnell zum Foodcourt" gehen würde bedeuten, einen Act zu verpassen – und das wollen wir nicht riskieren. So geht der erste Tag müde, kalt und hungrig zu Ende.

Am Sonntag hat man dazugelernt: Im gemütlichen Hoodie sagen wir uns, dass wir heute "alles entspannt angehen". Und das klappt diesmal schon besser. Ein bisschen Indie-Rock von The Faim hier, ein bisschen Feels mit Singer-Songwriter Olli Schulz da, eine Stunde freigehalten für Food, Klo und Drinks und dann die R'n'B-Sensation Khalid wegen fehlender Stimmung im Publikum stehen lassen, um bei Kraftklub absolut begeistert die Seele aus Leib zu tanzen. Geheimtipp 6LACK liefert uns zum Ende hin noch einen versöhnlichen Abschluss, während er mit tiefer, beruhigender Stimme über Hip-Hop-Beats das Lolla zu Ende singt.

Am Ende des Festivals sind wir happy. Auch, weil wir es geschafft haben, uns jede nervige Situation schön zu reden. Das hat viel Kraft gekostet, die wir vergeblich versuchen, mit ein paar Stunden Schlaf in der Nacht wieder zurückzugewinnen. Doch am Tag nach dem Festival ist uns klar: So stressig hätte das alles gar nicht sein müssen. Das Lollapalooza hat Probleme, die es trotz großer Namen zu einem nur semi-geilen Erlebnis machen (das für 170 Euro für ein 2-Tagesticket einen wirklich stolzen Preis trägt).

Vier Probleme, die das Lolla bis zum nächsten Jahr angehen sollte.

1. So. Viele. Fucking. Schlangen.

Mal eben so Pommes ist nicht. Mal eben so den Absolut-Lolla-Cocktail ist nicht. Mal eben so Pipi ist nicht, mal eben so Wasser auffüllen ist nicht, mal eben so Kaffee ist nicht und mal eben so Pfand abgeben sowieso nicht. Egal was du tust, du stehst überall mindestens 20 Minuten an, meistens mehr. Wenn du mal einen Ausflug zu dem wirklich abwechslungsreichen Foodcourt machen willst, dann musst du dir im Klaren darüber sein, dass du dafür einen Act aufopferst. Dabei ist es doch absolut vorhersehbar, wie viele Menschen kommen werden, und wie viele Bartender man am besten an seine Bar stellt. Das ganze Schlangenwarten hat auf jeden Fall für schöne Bonding-Momente gesorgt. Es hat aber auch dafür gesorgt, dass man den Anfang jedes ersehnten Sets verpasst hat."Eine halbe Stunde reicht doch sicherlich, um kurz auf Klo zu gehen" war in diesen Situationen ein fataler Denkfehler. Womit wir schnell zum zweiten Punkt kommen.

2. So. Viel. Fucking. Hetzen.

Das Lollapalooza-Line-up war vollgestopft bis nach oben hin. Schon mit dem ewigen Hin- und Herpendeln zwischen der Main Stage North und der Main Stage South hätte man sich das gesamte Festival lang auf Trab gehalten. Die Acts auf diesen beiden Bühnen wechselten sich immer ab, und zwar passgenau. Fünf Minuten hattest du Zeit, um von einer zur anderen Bühne rüberzuhetzen. Die anderen Stages, wie die fantastisch gebookete Alternative Stage mit Princess Nokia, Parcels oder 6LACK, oder die mit EDM-besetzte Perry’s Stage im Olympia-Stadium gingen dabei ganz verloren. Du hattest nämlich gar keine Zeit, zwischen der Main Stage North und Main Stage South zu pendeln und dann auf die andere Seite des Geländes zu hechten. Klar, es ist ein Festival. Klar, die Veranstalter wollen so viele Künstler wie möglich in zwei Tage quetschen, um möglichst viele Menschen gleichzeitig anzusprechen. Aber irgendwann geht dabei dann das entspannte Feeling eines Festivals verloren. Ein aufgelockerter Zeitplan hätte Wunder gewirkt – und dafür ein paar Acts aufzuopfern wäre wohl das kleinere Übel gewesen.

3. So. Viel. Fucking. Dreck.

Eigentlich ist dieser Punkt so easy vermeidbar – denn ein paar Mülleimer aufstellen kann echt nicht so aufwendig sein. Am Ende des zweiten Festival-Tages haben wir nur noch zwischen Pommes-Gabeln, Trinkbechern und zusammengeknüllten Servietten getanzt. Kraftklub sorgte für den Bass-drop des Jahrhunderts, als Leadsänger Felix Kummer uns aufforderte, auf Kommando ein rumliegendes Stück Müll in die Luft zu werfen. Plötzlich war der Himmel wie eine schwebende BSR-Wolke. Legger.

Mülleimer musstest du auf dem Festival wirklich erst einmal suchen – und das ist eigentlich so todes-unnötiger Kindergartenkram, dass wir am liebsten nicht mehr darüber schreiben wollen. Deswegen an dieser Stelle nur ganz kurz: mehr Mülleimer, bitte.

4. So. Viele. Fucking. Genres.

Was haben Billie Eilish, Scooter, Kraftklub, Kings of Leon und Martin Garrix gemeinsam? Richtig, nichts. Außer, dass sie alle Headliner auf dem Lollapalooza 2019 waren. Ein Line-up, was im besten Fall besonders viele Menschen ansprechen soll und somit besonders viele Karten verkauft, sorgt bei seiner Umsetzung für eine merkwürdige Crowd, die aus einer Mischung an 14-jähriger Billie-Fans, pöbelnder Mittzwanziger und gesitteten 40-Jährigen mit Sonnenhüten besteht. Dazwischen fühlt sich vermutlich jeder ein bisschen lost, weil das Line-up zwar jede Crowd ein bisschen anspricht, aber keinen so wirklich. Das Festival verliert damit genau das, was jedes Festival eigentlich zum absoluten Highlight macht: die Atmosphäre.

Mit Extra-Angeboten wie dem Kidzapalooza, bei dem Eltern ihre Kinder abgeben können, wirkt das ganze Festival wie ein Familien-Abenteuer – was an sich ja voll fine ist. Aber wie passen dann Ufo361 und 6lack und Alan Walker in den familienfreundlichen Tagesausflug? Wir sind verwirrt. Und fühlen uns fehl am Platz zwischen 16-jährigen, die sich die Stirn mit bunten Glitzer-Steinen bekleben.

Trotz allem: Wer wirklich ein geiles Wochenende auf dem Lollapalooza haben will, der bekommt es auch bei langen Schlangen und Dreckswiesen. Denn schlussendlich ist es auch Einstellungssache, wie sehr du Unannehmlichkeiten an dich ranlässt. Du kannst sie auch ignorieren, wenn du wirklich willst. Aber eigentlich solltest du das gar nicht müssen – denn alle diese Probleme sind vermeidbar. Nächstes Jahr werden wir deswegen trotzdem wieder dabei sein: voller Hoffnungen und Erwartungen – und potenzieller Enttäuschung.

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Quelle: Noizz.de