"LINDENBERG! Mach dein Ding" macht dich in jedem Fall zum Fan – ob du es willst oder nicht.

Wenn man sich die erfolgreichen Kinostarts der vergangenen zwei Jahre und auch die aktuelle Filmwelt anschauen, könnte man schnell meinen, wir leben im Zeitalter der Musik-Biopics: "Bohemian Rhapsody", "Rocketman" oder "Judy", der Film, der Renée Zellweger vielleicht den Oscar bescheren könnte. Es ist ja auch zu verlockend: All diese Weltkarrieren liefern den idealen Filmstoff, mit allem was dazu gehört.

Eine faszinierend-schillernde Persönlichkeit, deren Songs eh jeder im Ohr hat und persönliche Dramen, die jeder irgendwie direkt oder indirekter mitgekriegt hat. Fertig ist der garantierte Kassenschlager. Wie schade also, dass wir in Deutschland bis dato mit nur wenigen Superstars gesegnet wurden. Würden wir die Kinos einrennen für Marius-Müller-Westernhagen oder Herbert Grönemeyer? Marlene Dietrich würde ein erstklassiges Biopic abgeben. Gab es sogar schon im Jahr 2000. Aber sonst?

Mit "LINDENBERG! Mach dein Ding" von Regisseurin Hermine Huntgeburth wird nun Rocklegende Udo Lindenberg ins Biopic-Rennen geschickt.

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Das mag den ein oder anderen überraschen, aber gerade darin liegt die ungeahnte Stärke dieses Biopics. Klar, jeder kennt die Songs des Schlagzeugers aus dem westfälischen Gronau mit Wahlheimat Hamburg und exzentrischem Auftreten – immer schwarz, spitze Stiefel, langes Haar zum Zopf, Hut und Sonnenbrille. Lindenberg ist bekannt für seine sozialkritischen, witzig-sarkastischen Texte, er hat die deutsche Musikszene entschlagert – aber nur wenige kennen seine Lebensgeschichte.

Ähnlich geht es auch Hauptsdarsteller Jan Bülow, den NOIZZ vor dem Kinostart in Berlin treffen konnte: "Das Erste, was ich aber so bewusst gesehen habe, war das MTV Unplugged auf DVD, wo auch die 'Cello'-Version mit Clueso zu hören ist. Das hat mir auch mein Vater gezeigt. Das richtige Eintauchen in die Diskographie von Udo kam jetzt aber erst mit dem Film."

Sein Film-Bro Max von der Groeben, der den Bassisten und Mitbegründer des Panikorchesters, Lindenbergs Band, Steffi Stephan spielt, hatte hingegen bereits vor den Drehrabeiten einen intensiveren Zugang zu Lindenbergs Musik: "Mein Vater ist Lindenberg-Fan. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich damit aufgewachsen bin, aber dadurch kam ich schon recht früh mit der Musik in Berührung. Ich fand sie aber schon immer – auch im Vorfeld des Films – ziemlich gut."

Udo (Jan Bülow) Steffi Stephan (Max von der Groeben) lernen sich kennen.

Wer jetzt so wie Jan Bülow oder die Autorin dieses Textes, eher weniger bewandert mit Lindenbergs Bio ist, den nimmt der Film mit in eine ungeahnte Persönlichkeitsgeschichte. Er erzählt von Lindenbergs schwieriger Kindheit im westfälischen Gronau von der er sich loslösen muss bis zum ersten, alles entscheidenden Bühnenauftritt in Hamburg 1973. Genauso von seinen Anfängen als hochbegabter Jazz-Schlagzeuger und seinem – wusstet ihr das? – abenteuerlichen Engagement in einer us-amerikanischen Militärbasis in der libyschen Wüste, über Rückschläge mit seiner ersten LP bis hin zu seinem Durchbruch mit Songs wie "Mädchen aus Ost-Berlin" oder seinem ersten Hit "Hoch im Norden“.

Für die meisten Jüngeren ist es ja so mit Lindenberg: Seine Songs sind gut, aber richtig beschäftigt hat man sich auch nicht mit ihnen, außer vielleicht mit diesem Clueso-Feature. Ein Fehler, wie man mit jeder Minute, die man den Film weiterschaut, merkt. Der Film zeichnet Udo als schlagfertigen, aber sehr oft auch unsicheren Menschen, der gerade in den Anfängen seiner Karriere, immer wieder versucht, die Dämonen der Vergangenheit loszuwerden. Sein Vater hatte Alkoholprobleme und machte es seiner Familie nicht gerade einfach.

Lindenberg als Kind am Schlagzeug

Der echte Lindenberg stand den Machern des Films beratend zur Seite und hat den Film am Ende für gut befunden. Auch Jan Bülow durfte, oder eher musste, ihn treffen vor den Dreharbeiten. "Ich habe das – ein bisschen scherzhaft – die 'Feuerprobe' genannt. Der Test, ob ich mich mit ihm verstehe und er das okay gibt", erinnert er sich. Die hat er bestanden. Mittlerweile verstehen die beiden sich so gut, dass sie sich auch privat treffen, wenn sie Zeit haben. "Ich war natürlich beim ersten Treffen wahnsinnig aufgeregt", gibt Bülow zu.

"Man macht sich die merkwürdigsten, abstrusesten Gedanken. Mag er mich? Was kann ich alles falsch machen? In der eigenen Fantasie gibt es viele Schreckensszenarien, die dann zum Glück nicht wahr werden. Udo ist ja aber ein echter Typ. Der gibt einem direkt das Gefühl, dass man ihn nach ein paar Minuten schon glaubt, ganz lange zu kennen", schwärmt er weiter. Dieses Gefühl gibt irgendwie auch der Film weiter.

Eine kleine Zeitreise

Damals in den goldenen 70ern, war die Musikbranche noch anderes. Schmierige Musikproduzenten tingelten durch die Szene und hattest du 'nen Plattenvertrag, winkten dir ebenfalls goldene Zeiten. Den etwas schmierigen Lappen gibt hier grandios Detlev Buck als Matheisen, der Udo anfangs unter seine Fittiche nimmt. Der spielt den Musikproduzenten von der Reeperbahn so überzeugend, dass er gar nicht großartig aufgefallen sei bei den Dreharbeiten, erzählt Bülow: "Er hatte ja immer so'n Pelzmantel als Musikproduzent an. Die Leute haben gar nicht großartig geguckt, ob das eine Verkleidung ist. Ich glaube, man kann einem Kostüm relativ schlecht entfliehen." Das habe er auch bei Joaquin Phoenix in "Walk the Line" gedacht.

"Am Ende siehst du da dann doch immer Joaquin Phoenix, der noch einmal das erlebt, was Johnny Cash bereits erlebt hat. Aber für dich als Zuschauer siehst du da trotzdem Joaquin Phoenix", sagt Bülow etwas nachdenklich. Seinem eigenen Ich könne man eben nie ganz entfliehen. Das habe auch Max von der Groeben zu spüren bekommen, denn über seine Rolle Steffi Stephan ist ja noch viel weniger bekannt, als über den großen Lindenberg. "Ich habe mir schon so ein paar Sachen von ihm angeguckt, um ein Gefühl zu bekommen, was für ein Typ er ist. Aber im Endeffekt bin das immer noch ich, der eben die Rolle spielt. "

Eine Unsicherheit die Bülow mit zumindest mit der dargestellten Filmversion von Lindenberg eint. Der versucht, seine Unsicherheiten in Alkohol und Drogen zu ertrinken, war eben so damals: Lindenberg findet sich selbst in der legendär berühmten Hippie-Kommune "Villa Kunterbunt", in der auch Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen wohnten, inklusive legendärer LSD-Trip-Szene und wilden Affären. Bis es den Udo an einem seiner vielen Tiefpunkte wirklich mal erwischt: Er verliebt sich ausgerechnet in ein Mädchen aus Pankow, damals DDR.

Inszeniert wird as alles passgenau mit der richtigen Musik. "Grade die Texte machen die Songs so besonders bei ihm. Auch weil sie so unkonventionell sind", erklärt mir von der Groeben und wird von seinem Schauspielkollegen Bülow ergänzt: "Die Songs haben alle so unterschiedliche Faceetten und Phasen. Manche Songs sind eher energetisch, andere eher melancholisch."

Der Soundtrack ist dabei kein reines Show-Element wie bei "Bohemian Rhapsody" oder eine Musicaleinlage wie im bunt-fantastischen "Rocketman". Lindenbergs Songs sind eins mit seinem Leben. Die Vergleiche mit den internationalen Kassenschlagern finden beide Schauspieler eher fehl am Platz.

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"Gut, Queen sind Weltstars, Lindenberg ist dann eben unser deutscher Weltstar. Das ist aber auch ein völlig anderer Film – auf seine Art und Weise. Da geht es ja nicht nur um die Musik. Es geht um Freundschaft, seine Ziele zu verwirklichen", sagt von der Groeben. "Es ist auch ein bisschen anmaßend, dass so zu vergleichen. Man dreht ja de facto einen Film über einen anderen Menschen. Nur weil der zufälligerweise auch Musiker ist, ist der Film ja nicht weniger sehenswert oder weniger spannend", findet Bülow, der als Hauptdarsteller wohl nicht ein bisschen mehr den Drang hat, den Film zu verteidigen.

Michael Lehmann, der Produzent, habe den Film seit sieben Jahren geplant, erzählt mir Bülow. "Da glauben die Leute immer, irgendwelche Parallelen zu erkennen, die es gar nicht gibt. Es geht einfach darum, das Leben eines interessanten Mannes zu verfilmen. Das muss man ja gar nicht mit dem Leben eines anderen interessanten Mannes vergleichen", findet er.

"Deutsch ist die Sprache der Täter, aber es ist ja auch meine Sprache", sagt der Film-Udo ziemlich am Anfang des Biopics. Da ist Lindenberg noch ein Teenager in Gronau und träumt von der großen Karriere, die ihn tatsächlich ereilen soll. Über die schmuddeligen Sexbars der Reeperbhan über kommerzige Werbe-Jingle-Aufnahmen und Schlagzeug spielen beim Tatort-Intro, verwirklicht er seinen Lebenstraum dann doch: Rockmusik in deutscher Sprache zu machen.

Lindenberg als Teenager mit seiner Jugendliebe, für die er "Cello" geschrieben hat.

Man muss kein Lindenberg-Fan sein, um den Film zu mögen

Und so banal und unzeitgemäß das für uns heute klingen mag, damals in den 70ern war das eine kleine Revolution. In deutscher Sprache, da wurden nur Schlager gesungen. Und hier offenbart sich die eigentliche Message des Films und die unschönen Seiten: Wie furchtbar eng diese Republik doch damals war. So sehr gefangen in seinen Ritualen, Vorurteilen, politischen Ideologien, Chauvinismus und auch, wie sehr dieses Land mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges auch 30 Jahre danach noch zu kämpfen hatte. Und dass eine junge Generation, zu der eben auch der Musiker Udo Lindenberg gehörte, ausbrechen wollten.

Ein ähnliches Gefühl hat sich auch bei Bülow eingestellt, nachdem er in Udos Welt eingetaucht ist. "Ich finde es wahnsinnig interessant und habe irgendwie auch das Gefühl bis dahin etwas verpasst zu haben. Ich kann immer besser nachvollziehen, warum Udo das ist, was er ist – dieser Star. Und auch, warum das so viele Leute bewegt."

Udo (Jan Bülow) und Band bei Andrea Doria Tour 1973 im Film

Die Wüste Libyens ist dafür genauso ein Sinnbild, wie der kindliche Wunsch Lindenbergs Seeman zu werden, genauso wie die stickigen, unkonventionellen Bars in der Hamburger Reeperbahn. Zwar trägt der Film den Titel "Mach dein Ding", aber bis Udo auch wirklich sein Ding machen kann, ist er fahrig, ständig unterwegs, unruhig. Auch das verkörpert Bülow besonders gut. Sein Kumpel Steffi wirkt da schon fast wie Buddha himself.

Nach diesem Film sehe ich Udo Lindenberg mit etwas anderen Augen. Ich bin nicht mit seiner Musik groß geworden. Ich kenne seine Lieder, mir war aber nie bewusst, wie eng sie mit der Zeit, in der er jung war, verknüpft sind. Was mir vorher als affektiertes Künstlergetue bei Lindenberg etwas missfallen hat, wirkt für mich nun eher als ein Überbleibsel des jungen Rebellen, der das ein oder andere Mal, die Ellenbogen gegen all zu starre Konventionen ausfahren musste.

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Und es zeigt mir erschreckenderweise auch, dass wir von diesen Zuständen der Republik damals vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt sind. Also ihr Rebellen von heute: Macht auch euer Ding.

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Quelle: Noizz.de