In "Liebe, Körper, Wut & Nazis" beschließen vier Menschen, sich alles zu sagen. Wir Lesenden dürfen Zeugen dessen sein. Sie haben ein Buch zusammengeschrieben, dass die Generation der Ü30-Berliner ganz gut zusammenfasst. Was alle anderen mit diesem Buch anfangen sollen, wissen wir auch nicht.

"Liebe, Körper, Wut & Nazis" ist kein Buch, dass irgendwie hipp versucht, das Gefühl verrauchter und abgerissener Abende am Späti zu rekreieren. Abende, an denen man mit zu viel Pfeffi im Kopf und zu schwerer Zunge plötzlich die Welt verstanden und sie dem Gegenüber aufpeinigen muss. Das hier ist schon ernster, durchdachter.

Das Konzept: Zu den Themenorbits Liebe, Körper, Wut und Nazis reihum Fragen zu stellen, zu beantworten und dem nächsten die nächste Frage zu stellen. Ein bisschen wie beim Staffellauf. Regeln gibt es auch, etwa, dass sich die Beteiligten wirklich füreinander interessieren und dass man davon ausgeht, dass alle vier Freund*innen sind. Dann wird geredet.

So wahr ist das alles, dass man kotzen muss

Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow sind Journalist*innen, Redakteur*innen und Schriftsteller*innen, sie kennen sich seit Studi-Zeiten und produzieren gemeinsam "Die Epilog", ein Magazin zur Gegenwartskultur. Sie sind alle Mitte 30, leben in Berlin und sprechen in ihrem Buch nun ein Jahr lang über Themen, die in unserer Gegenwart ständig vorkommen: Liebe, Körper, Wut und Nazis.

Dabei schonen sie weder sich noch uns. Das Buch ist full frontal Ehrlichkeit – und das tut mitunter ganz schön weh. Wenn Jennifer Beck kraftvoll und ergreifend etwa über Kindheit sinniert oder Milchreis als Symbol für den Schrecken der eigenen Körperlichkeit stilisiert oder wenn Steffen Greiner jedes Tabu bricht, wenn er über seine Beziehung zu Beziehungen und zur Beziehungs(un)fähigkeit beschreibt.

Ganz ehrlich Schläge auf den Hinterkopf? Steffen, Jennifer, Fabian und Mads sind in ihrem Buch ganz unumwunden ehrlich.

Wahrheit, so echt, dass sie einem wehtut. Unwillkürlich fragt man sich, wie ehrlich man eigentlich mit sich selbst umgeht und wann man das letzte Mal ehrlich mit seinen Freund*innen gesprochen hat. Ist unsere Generation nicht sowieso eine, die mit allen Instagrams, TikToks und Facebooks (gut, bei Letzterem hängen ja sowieso nur noch unsere Eltern und Steffen Greiner ab) verlernt hat, wirklich miteinander zu reden und sich stattdessen nur noch in der inszenierten Pose übt? Then again: Welche Generation hat denn schon jemals wirklich ehrlich miteinander gesprochen?

Gibt ja ganze Großfamilien, die menschliche Abgründe in den eigenen Reihen gepflegt unter den Tisch kehren. Es gibt Nachkriegsgenerationen, die ihre Gedanken lieber ins Grab nehmen, als alte Wunden zu öffnen – wie man so schön sagt. Es gibt Schulklassen und Freundeskreise, die über Schrecken und Verletzungen lieber schweigen, als sich vielleicht eingestehen zu müssen, damals was falsch gemacht zu haben, als der Mitschüler gemobbt wurde. Und da haben wir es: Wahrheit ist anstrengend und schmerzhaft. Und vermutlich wird sie auch genau deshalb gerne mal verklärt oder gar nicht betrachtet.

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Sich selbst zur Zielscheibe machen

Das, was die vier Autor*innen von "Liebe, Körper, Wut & Nazis" machen, ist unendliches Schmoren im eigenen Saft quasi bis der letzte Tropfen verdampft ist. Gut, machen wir ja alle ständig, in Zeiten, in denen propagiert wird, wie wichtig Selfcare, Achtsamkeit und die eigenen Bedürfnisse sind. Egozentrismus halt. Aber hier, in "Liebe, Körper, Wut & Nazis" wird das Ganze manchmal auch ein bisschen pervertiert. Man geht, wie gesagt, an die Schmerzgrenze.

Das Ding ist: Das Ganze bleibt recht konsequenzlos. Es ergibt sich wenig daraus, dass sich hier die Autoren dazu bekennen, halt weiße Cis-Männer und deshalb privilegiert zu sein. Die Frage ist nur: Muss es weitergehen als das? Immerhin wird hier ja schon ordentlich Erde aufgewühlt – und diese zu ordnen oder wieder hübsch umzugraben, ist vielleicht gar nicht unbedingt das Ziel. Vielleicht muss man auch einfach mal die Unordnung ertragen.

Wer da Bock drauf hat, bekommt auf gut 200 Seiten Nabelschau von Mittdreißiger Kulturschreibenden-Bubble vorgesetzt. Also eine Menge Selbstzerfressenheit, Diskurse, die Frage, was Freundschaften eigentlich bedeuten und ganz grandiose Erkenntnisse wie: "Wer zwischen 16 und 20 nicht klarkommt, hat einfach mega die Scheißkarten für den Rest des Lebens." Man kann außerdem dabei zusehen, wie versucht wird, zu erklären, inwiefern das Berghain Balsam auf den Wunden einer gescheiterten Mutter-Sohn-Beziehung sein kann, und wir erfahren, was eigentlich Streichelzoo-Nazitum ist.

Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner, Mads Pankow: Liebe‚ Körper, Wut & Nazis. Wie wir beschlossen, uns alles zu sagen.Tropen Verlag, 208 Seiten, 20 Euro

Am 14. September findet im Berliner ://about blank die Buchpremiere statt – natürlich mit Corona-Hygienekonzept. Da kann man sich die vier Wahrheitsliebenden auch live lesend geben.

  • Quelle:
  • Noizz.de