Am Samstag, den 31. Oktober, findet in China das Finale der "League of Legends"-Weltmeisterschaft 2020 statt. Gegenüber stehen sich China und Südkorea, Suning gegen Damwon. Warum asiatische Länder immer noch die Elite des E-Sport sind und Europa und die USA Jahr für Jahr kläglich an die Wand gespielt werden.

2011 lief die erste Pro-Season für das Online-Game League of Legends (LoL) aus und wurde im Juni von der ersten offiziellen Weltmeisterschaft gekrönt. Zum ersten und letzten Mal sollte hier mit den Europäern von Fnatic ein nicht-asiatisches Team den Cup nach Hause holen, und das ganz allein aus dem Grund, weil damals noch keine asiatischen Teams teilnehmen durften.

Das änderte sich prompt im Folgejahr 2012, als Teams aus Südkorea, Taiwan und China nicht nur eingeladen waren, sondern – zur Überraschung der verdutzten US-Amerikaner – direkt klarmachten, wie man richtig Computer spielt.

Seit diesem kleinen Turnier vor kaum 50 Zuschauern ist viel passiert. E-Sport hat sein kauziges Nerd-Image überholt und ist heute ein Genre im Unterhaltungs-Sektor, das auf Twitch und Co. Milliarden von Streams generiert, einen immer angeseheneren Berufszweig darstellt und eigene Superstars produziert. Die großen Turniere füllen ganze Stadien mit Zuschauer*innen, die Spieler an der Spitze sind Multimillionäre.

Asien dominiert. Ein Rückblick auf 10 Jahre LoL

Mit dem kommenden Finale am Samstag, bei dem sich China und Südkorea gegenüberstehen, blickt LoL nicht nur auf diese Entwicklung der letzten Dekade zurück, sondern auch auf eine sportliche Vorherrschaft durch asiatische Teams, die die anfangs noch so selbstbewussten Amis bei internationalen Events Mal für Mal deklassierten.

Abgesehen von Fnatics Sieg in Season 1 gewann fünf Mal Südkorea, zwei Mal China, und ein Mal Taiwan den wichtigsten Cup im Spiel, der genau wie die Champions League beim Fußball funktioniert: Die besten Teams der großen Ligen (Nordamerika, Europa, China, Südkorea, Taiwan) treffen jährlich aufeinander, um sich als Beste unter den Besten zu behaupten.

So sah das Halbfinale der Weltmeisterschaft 2019 aus. Für die finalen Spiele werden ganze Stadien gefüllt

Während frustrierte Amerikaner dieses Jahr (mal wieder) nicht bis über die Gruppenphase hinauskamen und sich (mal wieder) in einer (jährlichen) Existenzkrise befinden, musste auch Europas große Hoffnung G2 nach dem Halbfinale gegen den Turnierfavoriten aus Südkorea in den Flieger Richtung Berlin steigen, wo die Europäische Liga sitzt.

Zehn Jahre LoL, deren Fazit kein Einzelfall des Spiels, sondern beispielhaft für den kompletten E-Sports-Sektor steht: Die USA sind bestenfalls Zweitligisten, eher schlechter, Europa ist ganz in Ordnung und teilweise sogar richtig gut, aber im Olymp sitzen alleine China und Südkorea. Woran liegt das?

"League of Legends"-Profi sein: Gaming-Kultur im Jahr 2020

Im Großen und Ganzen machen es die Nationen gleich: Die Spieler leben die komplette Saison zusammen unter einem Dach im Gaming House. Je nach Größe des Staffs gehören zum Team noch ein Head-Coach, ein Assistent-Coach, ein Strategie-Coach und ein Psychologe, der den Spielern hilft, sich vor Burn-out zu schützen und die richtige Mentalität zu entwickeln, damit sie über viele Jahre und auch in Extremsituationen auf dem höchsten Level performen können.

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Täglich finden "Scrims" statt, verabredete Übungsspiele gegen andere Teams. Dazu gehören Nachbesprechungen, Auswertungen, Analysen sowie Sessions, in denen neue Strategien diskutiert werden. Also ein praktischer Teil und ein theoretischer.

Zum Team-Training kommt noch das individuelle Training hinzu. Jeder Spieler übt für sich im offenen Server und versucht, sich an die Spitze zu spielen. Die meisten Teams gehen mittlerweile auch ins Gym und leben nach professionellen Ernährungsplänen ihrer Hausköch*innen. Das gesamte Leben dreht sich um die eine Frage: Wie kann man noch besser werden? Ein ewiger Wettkampf mit sich selbst und gegen andere, der auch das Leben von Profisportlern klassischer Sportarten verblassen lässt.

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Denn wo ein Fußballer nach zwei Stunden Training seinem Körper die wohlverdiente Pause gibt und geben muss, kann der LoL-Profi ja noch mal kurz einen neuen Champ – digitale Spielfiguren – ausprobieren, ein paar Spiele reinschieben und Matchups üben (welcher Champ ist gut gegen wen?), Theorien entwickeln, lernen. Bei LoL sind die besten Spieler immer die, die aktuell am meisten über das Spiel wissen und daraus die intelligentesten Schlüsse ziehen. Geschwindigkeit (Actions per Minute, APM) und Genauigkeit an Tastatur und Maus reichen nicht, du musst auch das beste Gehirn haben.

Wenn das überall gleich abläuft, warum gewinnen trotzdem immer die asiatischen Teams?

Faker von SKT, der vermutlich beste E-Sportler aller Zeiten
Der Chinese Uzi gilt neben Faker als bester LoL-Spieler aller Zeiten. Mit 23 Jahren musste er in Rente gehen - wegen chronischen Verletzungen im ganzen Körper. Er hat vom Spielen die Handgelenke eines alten Manns.

Es liegt im Detail. Amis bekommen (mit Abstand) am meisten Geld und haben zudem die lascheste Struktur und die größten individuellen Freiheiten. Südkoreaner zum Beispiel dürfen klassischerweise keine Partner*innen haben, wenn sie Profi sein wollen. In den USA wohnen viele Profis mit ihrer Freundin zusammen.

Wer in Südkorea schlecht performt, fliegt raus. Ganz einfach. Wer ein bestimmtes Alter erreicht, zum Beispiel Anfang bis Mitte 20, muss um so besser spielen, um sein "altes" Alter auszugleichen, das für schlechtere Reaktion steht. In der zweiten Liga, die für Nachwuchstalente gedacht ist, werden nur hungrige Teenager unter Vertrag genommen. In den USA bekommen selbst Ex-Profis in Rente noch Angebote, in Academy-Teams zu spielen.

Wenn chinesische und asiatische Profis im offenen Server spielen, geben sie alles. Die Spitze zu erreichen gilt als unfassbar prestigevoll und ist ein Garant dafür, unter Vertrag genommen zu werden. Auf dem Server der USA spielen halbherzige Profis zusammen mit toxischen Trolls, alle beschweren sich über die Qualität der Spiele, keiner ändert etwas – weder die Spieler, noch Entwickler Riot Games, die mit einem Umzug der Serverrechner für einen kleineren "Ping" sorgen könnten, ein Indikator dafür, mit wie viel Verzögerung auf dem Bildschirm das passiert, was man als Spieler in die Tasten haut.

Däne Caps ist der GOAT des Westen. Er hat bereits 7 Mal die europäische Liga gewonnen und stand zwei Mal im Worlds-Finale. Caps ist 20 Jahre alt.

Und dann das Geld. Amis kriegen auch dann Kohle, wenn sie verlieren. Sie unterzeichnen Jahresdeals von teilweise über einer Millionen Dollar und cashen unabhängig von ihrer Performance ab. Gerade in Südkorea kannst du nur dann wirklich viel verdienen, wenn du gewinnst und die Preisgelder einstreichst. Das macht hungrig.

China hat eine ähnlich wettbewerbs- und leistungsorientierte Spielkultur wie Südkorea, lockt mittlerweile aber auch mit richtig dicken Verträgen und zieht so etliche südkoreanische Superstars in seine Liga. Der "Chinese Super Server" gilt als schwierigster Server überhaupt und die chinesische Liga seit zwei Jahren als stärkste der Welt, der aktuell allein ein einziges südkoreanisches Team gewachsen scheint.

G2, das beste und verrückteste europäische Team aller Zeiten

Tja, und Europa hat mit Fnatic und G2 zwei Juwelen, die als Zugpferde der Liga seit Jahren die Hoffnungsträger sind, sich als dritter Konkurrent zwischen Südkorea und China zu manifestieren. Vor allem G2 gilt als stärkstes europäisches Team aller Zeiten, deren einzigartiger Spielstil oft mit Jazz-Improvisationen verglichen wird und die durch diesen wilden und virtuosen Stil zum internationalen Fan-Favorite geworden sind.

Und so krönen sich China und Südkorea am kommenden Samstag nicht nur gegenseitig erneut zur Elite des Genres, sondern rahmen den Status Quo des Spiels auch für den Startschuss in die neue Dekade in aller Deutlichkeit und zum Leidwesen der USA ein, die als Entwicklernation das Spiels sogar als Erste gespielt und auch die erste Profikultur am Laufen hatten – ein Vorsprung, den Südkorea im Handumdrehen eingeholt hat.

Währenddessen werden auf dem Spielfertransfermarkt in den USA bereits alle Hände und Fühler ausgestreckt, um die kläglich gescheiterten Teams neu aufzustellen und nächstes Jahr endlich Vergeltung fordern zu können. In Europa entspannen sich die fünf Virtuosen von G2 und der ganze Westen betet, dass das einzigartig charismatische und begabte Team noch eine weitere Season in gleicher Besetzung bleibt, weil es auf unserer Seite des Erdballs womöglich nie wieder einen vergleichbaren Hoffnungsträger geben wird.

Das Finale der amerikanischen Liga (LCS) im Sommer 2019

Das Finale der Weltmeisterschaft zwischen dem chinesischen Underdog Suning und dem südkoreanischen Turnierfavoriten Damwon wird Samstag ab 12 Uhr live auf YouTube und Twitch übertragen. Wegen Corona müssen Spieler und Fans schmerzlich auf die Atmosphäre eines ausverkauften Stadiums verzichten, aber das Spektakel eines E-Sports-Weltmeisterschafts-Finales des größten Computerspiels der Gegenwart sollte man trotzdem auf jeden Fall gesehen haben.

  • Quelle:
  • NOIZZ