Billie Eilish ist ihr größter Fan und Eminem wird auf ihrem Debütalbum zum Featuregast – und von ihrer Präsenz in den Schatten gestellt wird. So fühlt und hört sich Jessie Reyez' "Before Love Came To Kill Us" an.

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"Before Love Came To Kill Us" – so lautet der Titel des neuen Albums von Jessie Reyez. Die kanadische Musikerin hatte bisher bei der breiten Masse vor allem durch ihre Feature-Auftritte von sich reden gemacht. Da war der Hit "Promises" mit Sam Smith, dem sie ihr Kichern geliehen hat, ein Auftritt in Beyonces "Lion King" und Eminem, der die talentierte Frau sogar ein bisschen mehr zu Wort kommen ließ und zwei Songs mit ihr aufnahm. Nun erscheint nach zwei EPs ihr Debütalbum.

Der Titel von Jessie Reyez Debutalbum ist eine Warnung

Wer bei dem Titel mit den Augen rollt und an schlechte pseudo-deepe Slam-Poesie denkt, der wird schon mit Zeile eins in die Schranken gewiesen: "I should’ve fucked your friends!" Jessie Reyez Texte sind nichts für weiche Nerven. Genauso wenig wie ihre harsche Stimme, die nicht versucht schön zu sein, sondern die sich ganz dem ehrlichen Gefühl ergibt. Heulen ist nun mal nicht immer schön und Leiden bringt sie nicht zur Vibrato-Königsdisziplin, sondern dazu ihre Stimme weit über das Limit zu drücken.

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"Before Love came to kill us" ist dementsprechend keine Metapher, es ist eine Warnung, denn es wird hier über die toxischen Beziehungen, über Leid, über Abhängigkeiten, Schmerz und den Tod gesungen. Es ist eine Warnung und jeder der sie nicht ernst nimmt, wird nach nur wenigen Zeilen vor dem Album fliehen, auch wenn es da wahrscheinlich schon zu spät ist, sich dieser Stimmgewalt zu entziehen. Es erwarten einen 14 Songs, die voller Liebe die eigene Sterblichkeit ersehnen und sich voller Hingabe dem Leid ergeben, um endlich zu heilen.

Kolumbianische Einflüsse

Das Album zeigt deutlicher als je zuvor die kolumbianischen Wurzeln der Musikerin und so gibt es leichte Einschübe von Merenge und Bambuco, ein Polka-ähnlicher Stil, der oft mit Gitarre begleitet wird, mit Mehrstimmigkeiten und Echos spielt und in einem schweren 3/4-Takt notiert ist. Der "New York Times" erzählte sie: "Es ist in meinem Gesicht, es ist in meinem Blut, es ist in meinem dunklen Haar, es ist in meiner braunen Haut. Es ist in der Art und Weise, wie sich meine Seele erhebt, wenn ich 'Kolumbien' höre. Es ist die Art und Weise, wie ich meine Mutter umarme. Meine Eltern haben mich absichtlich mit unseren Wurzeln, unserem Blut, verbunden gehalten." Und so ist es nur logisch, dass auch der spanisch-sprachige Song "La Memoria" auf ganzer Linie überzeugt. Sie löst sich in den Sirenen-artigen Backingvocals auf, kommt wieder empor und der Song bewegt sich zielsicher in Wellen auf den Hörer zu, bis das Meer aus Tausend Stimmen um einen tobt.

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Zwischen den lauten, rotzigen Songs der Selbstermächtigung, Befreiung, die mit diesem wunderbaren Fünkchen Rache gespickt sind, nach dem wir uns heimlich sehnen, bringt Jessy Reyez auf zarte Töne in diesem Album unter, wie schon die Single-Ballade "Love in the Dark" bewies. "Intruders" erklingt, trotz der starken Drums so soft und lullt einen ein. Das Cover beschreibt ziemlich optimal den Sound dieser ruhigeren Momente: irgendwie analog, leicht krisselig, warme Töne, Dämmerung aber mit einem harschen Blitz ausgeleuchtet. Und dann kommt "Coffin".

Wenn Eminem zum Feature Gast wird

Es kommt unerwartete, dass die Zusammenarbeit mit der Rap-Legende Eminem nun in dieser Form in eine zweite Runde geht. Dabei ist es nicht wirklich Mr. Slim Shady himself, der diesen Song zum messerscharfen Highlight der Platte macht, denn Jessie Reyez behält in dieser Kollaboration mit führenden Hand das Zepter für sich. Es ist vielleicht die größte Hook, die Jessie bislang abgeliefert hat, und es scheint so absurd, dass dieses Liebeslied so zynisch aber real über Suizid spricht.

In einem Beitrag zu ihrem Debütalbum auf Instagram sagte Reyez: "Die ganze Prämisse bei der Erstellung dieses Albums war es, etwas zu machen, das die Leute über ihre Sterblichkeit nachdenken lässt. Jetzt scheint es wie ein Titelsong für das, was gerade passiert, zu sein." Und diese Prämisse bringt auch den Rapper zu einer neuen Facette, denn so emotional – abgesehen von seiner Favorite-Emotion Wut – hat man Eminem selten erlebt und auch er scheint ziemlich fertig von den Worten, die eben nur Jessie Reyez wählt.

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Die Intensität lässt nicht nach, ob in der fast Lizzo-artigen Power-Hymne "Dope" oder dem Song "Kill us", der schließlich titelgebend wurde, obwohl eben diese Worte unterschwellig in jedem Song vermittelt werden. "Ich hatte während ["Kill us"] immer noch Schmerzen, aber ich heilte eine Wunde. "Kiddo" und "Being Human in Public" waren so, als ob ich gerade erstochen worden wäre, aber dieses Album bin ich, der die Wunde nähte. Es blutet, aber es ist genäht", erzählte Reyez im Interview mit "Noisey". Überall stecken die 100 Prozent der Radikalität dieses Debüt-Albums und dessen Konzept.

Am Ende steht der Song, mit dem Jessie Reyez startete: "Figures". Ein brutaler Song, so simpel, dass er ganz deutlich macht, dass es einzig und allein der Vibe ist, der hier dieses große kolumbianische R'n'B-Rap-Gemisch zusammenhält. Es ist ihre Stimme, ihr Ausdruck und diese bahnbrechende Intensität, der einen packt und zum Rand aller Emotionen drängt. Am Ende hat es Jessie Reyez geschafft, mit ihren liebeserfüllten Klagen den Tod in die Mitte ihrer Kunst zu holen und ihn als Bedrohung, Freund, als Sehnsucht und Erlösung und als unabdingbarer Begleiter zu inszenieren. Der Popmusik setzt damit eine Qualität bei, die selbst die ehrlichsten und größten Protagonist*innen zumeist scheuen und die von den großen Drama der Hochkultur zeugt.

Quelle: Noizz.de