Interview mit Mark Hamill: „Mein Haus steckt nicht voller ,Star Wars‘-Kram“

Manuel Lorenz

Redaktionsleiter NOIZZ.de
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Wir haben mit dem Kult-Schauspieler über „Die letzten Jedi“, „Star Wars“-Action-Figuren und seine Rolle als Joker gesprochen.

NOIZZ: Herr Hamill, zur Zeit rennen alle in die Kinos, um „Star Wars: „Die letzten Jedi“ zu schauen. Sie spielen wieder Luke Skywalker – jene Figur, die Sie vor 40 Jahren über Nacht weltberühmt gemacht hat. Meine ersten persönlichen „Star Wars“-Erinnerungen sind nicht die Filme, sondern das Spielzeug. Als Kind besaßen meine Schwester und ich nämlich ein paar Action-Figuren – einen Ewok, einen Han Solo im Schneeanzug und ein Wampa, das kaputt ging, weil wir damit gebadet haben. Wie viele Luke Skywalkers haben Sie zuhause? Oder spielen Sie lieber mit Chewbacca?

Mark Hamill: Ich sammle kein „Star Wars“, aber mein Sohn Nathan. Er wurde geboren, als wir gerade „Das Imperium schlägt zurück“ gedreht haben. Bei „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ war er also ein Kleinkind – und ein großer „Star Wars“-Fan! Also hab ich George (Lucas) gefragt: „Kannst du mich auf eine Liste packen, sodass ich all diese Merch-Artikel krieg?“ Ich dachte an ein T-Shirt und an die Filmmusik. Ich ahnte nicht, dass ich schon bald eine elektrische Zahnbürste werden würde und Superhelden-Unterwäsche und ein Schlafsack und all der Quatsch. Aber ich liebe all das! Ich weiß noch, wie ich zu Harrison (Ford) sagte: „Schau mal, mein Gesicht ist auf einem C3PO-Müsli! Du kannst es ausschneiden und tragen!“ – „Whatever ...“ Ihm war das egal.

Luke-Skywalker-Unterwäsche von Underoos Foto: theswca.com

Und Ihr Sohn Nathan?

Hamill: Er war noch ein Baby, als die Boxen ankamen – große Kartons mit der Aufschrift „Kenner“ (Anm. d. Red.: die Firma, die die „Star Wars“-Figuren herstellte). Er konnte also „Mommy“ sagen und „like“, aber – ich schwöre bei Gott! – sein drittes Wort war „Kenner“! Wir haben die Kartons dann natürlich geöffnet. Und ich weiß, dass sie viel wert gewesen wären, wenn ich sie zehn, fünfzehn Jahre lang auf dem Dachboden verstaut hätte. Aber was für ein Vater wär' ich gewesen, wenn ich gesagt hätte: „Nein, lass sie uns für deine Studiengebühren wegpacken!“ Heute schaut er in die Sammlerkataloge und sagt: „Original verpackt ist Prinzessin Leia 1400 Dollar wert. Warum hast du mir erlaubt, ihr einen Sinéad-O’Connor-Haarschnitt zu verpassen?!“ Und ich: „Das war doch deine Idee! Als erstes hast du ihr die Haare geöffnet …“, deshalb ist sie nämlich so wertvoll: Wenn man ihr einmal die Schnecken-Frisur löst, kriegt man sie nie wieder zusammen. Nathan trimmte ihr also die Haare, machte ihr zunächst einen Shag, dann eine Dorothy-Hamill-Frisur, und ziemlich bald hatte sie eine Glatze.

Worauf sind Sie als Kind abgefahren?

Hamill: Die Beatles waren mein „Star Wars“. Ich war elf, ich liebte ihre Musik, und sie waren so lustig – so exotisch! Ich kam nicht dahinter, was für einen Akzent sie hatten. Ich hätte sie zwar nicht gestalkt oder ihnen vor ihrem Haus aufgelauert, aber ich wollte alles über sie wissen. Sie faszinierten mich auch jenseits der Musik. Ich kann den obsessiven Charakter von Fantum also nachvollziehen.

Für „Star Wars“-Fans haben Sie die Abkürzung UPFs erfunden: Ultra Passionate Fans (Super leidenschaftliche Fans).

Hamill: Ja, die können sehr überschwänglich sein. Ich merke das im Alltag ja nicht. Mein Haus steckt nicht voller „Star Wars“-Kram. Man würde nicht glauben, dass ich irgendwas mit diesen Filmen zu tun hab. Und dann bist du auf einer dieser Conventions und trittst vor 2000 Leuten auf. Oh my Gosh. Ein Satz, den du dort vermeiden solltest: „Es ist nur ein Film.“ OH MY GOD! Als hätte ich auf den Papst gespuckt! Die Leute schrien laut auf vor Empörung! Und ich: „Beruhigt euch! Wisst ihr denn nicht, wen ich gerade zitiert habe?“ Schweigen. „George Lucas!“ Er hat das gesagt! Wirklich! Mehrfach! „Es ist nur ein Film!“ Ich schätze nur, ER kommt damit durch. ICH nicht. Ich werde das nie wieder sagen.

Als man Sie nach all den Jahren gefragt hat, ob Sie noch mal den Luke machen würden: Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Hamill: Ein Teil von mir sagte: Ja! Das wär lustig! Ein anderer Teil von mir wurde panisch. Ich dachte: „Star Wars“ hatte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Wie hoch sind die Chancen, dass wir die Fans wieder glücklich machen können? Reunions enttäuschen doch eigentlich immer. Dann dachte ich: Oh je, wenn ich’s nicht mache, bin ich der meistgehasste Mann des Fantums! Wütende Fans werden mir vor meinem Haus auflauern wie die Dorfbewohner in „Frankenstein“ – bloß mit Lichtschwertern statt mit Fackeln. Es war, als ob ich gezwungen worden wäre, als ob ich gar keine Wahl gehabt hätte. Ich musste es quasi tun! Ich sagte zu Regisseur Rian Johnson: „Das ist mir fast eine Nummer zu groß.“ Ich hatte gerade „Brigsby Bear“ gedreht, einen kleinen Film über einen Jungen, der gekidnappt wurde und von einer 80er-Jahre-TV-Show besessen ist. Ich spiele seinen Vater, in einem Haus, in einem Vorort, Menschen fahren Autos – es herrscht Normalität! Bei „Star Wars“ ist alles monumental. Ein einzelnes Filmset würde ausreichen, um 50 „Brigsby Bears“ zu finanzieren. Ich sagte: „Rian, ich habe große Angst.“

Luke Skywalker in „Star Wars: Die letzten Jedi“ Foto: Promo
Filmposter von „Star Wars: Die letzten Jedi“ Foto: Promo

Und damals? Sie waren 25, als der erste „Star Wars“-Film rauskam.

Hamill: Wir hatten das alles ja nicht geahnt. Ich weiß noch, wie ich damals sagte: „Der Film spielt 30 Millionen ein – wie ,Planet der Affen‘ mit Charlton Heston.“ Und dann ging er total durch die Decke. Als der Film in die Kinos kam, war ich gerade mit Carrie (Fisher) und Harrison (Ford) auf Promo-Tour durch Kanada. Zurück in Chicago, wartete am Flughafen bereits ein riesiger Menschenauflauf. Ich sagte: „Ich glaub, da war ein Promi an Bord.“ Ich dachte an jemanden wie Mick Jagger. Als wir dem Ausgang näher kamen, sagte ich: „Carrie! Da hat sich jemand wie du angezogen, mit plüschigen Kopfhörern, und …“ … Kinder hatten sich als Luke Skywalker verkleidet ...

Das tun Kinder jetzt seit 40 Jahren. Was bedeutet es Ihnen, Luke Skywalker zu sein?

Hamill: Es ist schön, Teil von etwas zu sein, an dem sich die ganze Familie erfreut. Das ist eins der dankbarsten Dinge: Dass die Fans der ersten Stunde, die „Star Wars“ als Kinder geliebt haben, jetzt erwachsen sind und eigene Kinder haben. Ich wollte meinen Kindern ja auch zeigen, was ich liebte – „A Hard Day’s Night“, die „Marx Brothers“-Filme und „Laurel und Hardy“. „Star Wars“ ist ja optimistisch, positiv. Ich hab die Geschichte immer eher als Märchen verstanden denn als echte Science Fiction. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, dachte ich: Das ist mehr „Der Zauberer von Oz“ als „Alarm im Weltall“! Was herausragte, war der Humor. Science Fiction ist ja meistens sehr trocken. „2011: Odyssee im Weltraum“ ist zwar ein absoluter Klassiker, aber sicherlich kein Witzgewitter. „Star Wars“ hingegen: großartig! Roboter streiten sich darum, wer schuld ist, und beschweren sich darüber, wie sehr sie Raumfahrt hassen.

Was viele nicht wissen: Sie sind nicht nur „Star Wars“. Seit 1992 leihen Sie einer Comic-Figur Ihre Stimme: dem Joker, Batmans größtem Feind. Wie hat er Ihnen dabei geholfen, sich von Luke Skywalker zu emanzipieren?

Hamill: Er ist das genaue Gegenteil von Luke – und das genieße ich! Ich wollte ja immer ein Charakterdarsteller sein, aber ich musste dazu an den Broadway, weil sie mir im Kino und im Fernsehen solche Rollen nicht geben wollten. Das Großartige am Joker war, dass ich nicht mit den Augen gecastet wurde, sondern mit den Ohren. Und weil man mich nicht sehen kann, mache ich Sachen, die ich vor der Kamera nie bringen würde. Als Comic-Fan kann ich Ihnen kaum sagen, wie dankbar ich dafür bin und wie viel Spaß es mir macht, den Joker sprechen zu dürfen. Er wird niemals alt, weil er verrückt ist, und weil er verrückt ist, ist er unberechenbar, und weil er unberechenbar ist, ist er niemals langweilig. Und immer, wenn ich denke, das war’s jetzt mit ihm, ich sollte etwas anderes machen, bittet man mich, zurückzukommen. Und es ist halt wie in „Brokeback Mountain“: „Du kannst damit einfach nicht Schluss machen.“

Können Sie den Joker hier und jetzt für mich noch einmal nachmachen?

Hamill: (Krächzt.) „The Joker is back!“ Wenn du deine Stimme nicht aufwärmst, ist es, wie im Winter dein Auto zu starten – du würgst den Motor ab. Wenn ich also zur Arbeit fahre, zu einer Batman-Aufnahme, mache ich unterwegs „Hääähähähäää“! Jemand der allein im Auto sitzt und umnachtet lacht? Interessiert in Los Angeles niemanden! Wir sind das Land der Früchte und Nüsse – der „nuts“, was auch „Verrückte“ heißt!

Muss man wie Sie ein Comic-Fan sein, um eine Comic-Figur sprechen zu können?

Hamill: Nein. Kevin Conroy war mein Lieblings-Batman, und er hat in seinem ganzen Leben kein einziges Comic-Heft gelesen. Viele Schauspieler haben nie Comics konsumiert – ich hingegen hab sie immer geliebt. Mein einziges Problem war, dass ich dachte: Der Joker ist vielleicht zu anspruchsvoll für mich. Vielleicht sollte ich Clayface oder Two-Face spielen, eine der Figuren, die noch keiner kennt. Und bevor ich noch irgendwas eingesprochen hatte, versuchte ein Schauspielkollege, mich rauszubringen. „Mutig von dir.“ – „Was?“ – „Na ja, ich persönlich würde Jack Nicholson in nichts nacheifern wollen …“ – „Nein! Warum hast du das gesagt! Daran hatt’ ich überhaupt nicht gedacht!“ Ich war mir sicher: Ich werde alle enttäuschen. Weil jeder weiß, wie der Joker klingt.

Und? Wie klingt der Joker?

Hamill: Mein Joker entstammt dem Comic alter Schule, wo er wirklich genießt, was er tut. Er ist dabei geradezu fröhlich. Was mir geholfen hat, ihn zu verstehen, war eine Folge, in der er denkt, dass jemand Batman getötet hat. Er ist mürrisch und schlürft in Pantoffeln durchs Haus. Er will nicht mehr rausgehen und Verbrechen begehen. Harley Quinn, die gleichzeitig Jokers Feindin und Geliebte ist, sagt: „Komm schon! Lass uns eine Bank überfallen!“ Und er dreht sich zu dir und sagt: „Ich weiß nicht. Ohne Batman hat Verbrechen keine Pointe.“ Wow. So denkt er. Er ist einfach meschugge! Es ist eine Freude, sich hinter das Lenkrad dieses verrückten Autos zu klemmen.

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