Bei "Gewitter im Kopf" geht's um Tourette, bei "Leeroy will's wissen" um das Leben im Rollstuhl – beides mit Millionen-fachem Klick-Erfolg.

Wenn Gisela sich meldet, dann kann das schon mal irritieren. "Hitler!", schreit sie sehr gerne, genauso wie "Pommes!". Einfach so, mitten in den Alltag hinein. Gisela ist der willkürlich gewählte Spitzname für das Tourette-Syndrom von Jan Zimmermann. Gemeinsam mit seinem Freund Tim Lehmann betreibt er den YouTube-Kanal "Gewitter im Kopf". 1,59 Millionen Abonnenten hat der Kanal inzwischen und insgesamt mehr als 88 Millionen Aufrufe.

Darin zeigen beide auf recht humoristische Weise Jans Alltag mit dem Tourette-Syndrom und Epilepsie. Das Tourette hat er seit er klein ist. die aktuelle starke Ausprägung, die sogenannte Koprolalie, bei der man willkürlich beleidigt und Laute ausstößt, seitdem er etwa 18 ist.

Wenn man mit Jan redet, ist er sehr ruhig, antwortet durchdacht – alles ganz normal soweit. Bis dann eben Gisela einen Strich durch die Rechnung macht. Wer ein Gespräch mit Jan führt, muss sich auf Unterbrechungen einstellen, die einem dann aber gar nicht so störend vorkommen, wie man sich das vielleicht vorstellt. Weil Gisela eben wirklich das komplette Gegenteil von Jan ist. "Tourette ist eine Krankheit, die nach Aufmerksamkeit sucht", versucht Jan mir bei unserem Treffen in Berlin zu erklären. Das auf YouTube zu packen, kam ihm eigentlich nicht in den Sinn. Erst sein Freund Tim habe ihn dazu überreden können. Das erste Video, das so wirklich viral ging, trug den simplen Titel "Tourette im Zoo #Teil1".

Das Thema Inklusion zieht bei YouTube

"Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette" war der in diesem Jahr der am schnellsten wachsende neue Kanal – erst im Februar 2019 haben die beiden ihr erstes Video hochgeladen und Interesse für ein Thema geweckt, das sonst tabuisiert oder vielmehr ignoriert wird. "Ich musste so oft anderen an der Kasse im Supermarkt oder in der U-Bahn erklären, dass Jan nichts dafür kann, dass es eine Erkrankung ist", sagt Tim. Die meisten hätten dann positiv reagiert, aber oft eben auch gesagt: Ah, wusste ich nicht. "Das kann ja nicht sein. Ich fand, da musste sich was ändern", sagt Tim, der Jan seit Schulzeiten kennt. "Auf Instagram oder Snapchat zu gehen, kam mir eigentlich nicht in den Sinn. Mit YouTube erreichst du am einfachsten viele Menschen."

"Gewitter im Kopf" ist vielleicht einer der erfolgreichsten YouTube-Kanälen, die sich dem Thema Behinderung und Inklusion angenommen haben, aber bei Weitem nicht der Einzige. Es tut sich was – und anders als auf TikTok, das unlängst in die Schlagzeilen geriet, weil es Inhalte von Menschen mit Behinderung weniger sichtbar machte, geht die Google-Plattform ziemlich offen mit dem Thema um. Denn auch YouTube weiß: Auf der Videoplattform zählt längst mehr als Musik, Comedy und Ulk. Der in Deutschland erfolgreichste Clip 2019 war ein politischer: Rezo und "Die Zerstörung der CDU" mit mehr als 16 Millionen Aufrufe.

Rezo hat einiges verändert und gezeigt, dass auch junge Menschen eine ernste Stimme haben und den Diskurs eingehen wollen. YouTube selbst ordnet solche Videos, genauso wie die Vlogs von "Gewitter im Kopf", in die Kategorie Wissen ein. Laut YouTube selbst definieren fast 90 Prozent der Nutzer die Plattform als einen Ort, um Neues zu lernen. Die Suchanfrage "How to ..." ist seit mehreren Jahr unangefochten auf der Spitze.

Noch ein Beispiel: "Leeroy will's wissen!"

Auch für Leeroy Matata ist es essentiell, anderen Menschen neue Dinge näher zu bringen. In seinem Kanal "Lerroy will's wissen!" trifft er immer wieder auf Menschen, die man so nicht unbedingt mit seinem Alltag verbindet oder denen man einfach so auf der Straße Fragen stellen würde, geschweige den Smalltalk führen würde: Nazi-Aussteiger, Pädophile, Cam-Girls oder jemanden, der an Schizophrenie leidet. Bevor er mit dem Fragenhagel loslegt, ordnet er die Faktenlage für die Zuschauer ein.

Seine Themen recherchiert er selber und auch seine Gesprächspartner melden sich häufig ganz von alleine auf Instagram bei ihm. "Zum Glück gibt es niemanden in meinem Umfeld, der mit Pädophilen, Nazi-Aussteigern und allen möglichen Leuten gleichzeitig vernetzt ist.” Er habe keine Redaktion, die ihn dabei unterstütze, und das sei auch gut so: "Ich trage ja auch die Verantwortung dafür, dass ein Gespräch gut läuft, dass der Partner sich wohl fühlt. Das geht meiner Meinung nach nur mit der eigenen Vorbereitung.”

Tabuthemen gibt es so erstmal für ihn nicht, wichtig sei ihm aber, dass jeder die richtige Intention habe: "Jedes dieser Videos hat eine Message. Wenn ich jetzt zum Beispiel jemanden habe, der bekennend rechtsextrem ist und dafür einsteht und auch dafür Werbung machen will, dann werde ich dem wohl keine Plattform bieten in der Form", sagt Leeroy. Jemand, der Aussteiger ist und von seiner Vergangenheit erzähle, sei für ihn aber ein wichtiger Gesprächspartner – weil er zum Nachdenken anregt.

Das Ziel: Auf Probleme aufmerksam machen, den Horizont erweitern

Das wollen in gewisser Weise ja auch Jan und Tim mit ihrem Channel über das Leben mit Tourette-Syndrom erreichen. Der Name für den Kanal kam übrigens von Jans Berufsschullehrerin, die die Symptome seiner Tourette und Epilepsie passend mit dem bildhaften Ausdruck "Gewitter im Kopf" beschrieb. Die Ausbildung zum Physiotherapeuten musste Jan aber leider abbrechen. Auch Tim, der eigentlich eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert, pausiert gerade – die YouTuber-Karriere nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch.

Bei Leeroy läuft es da auch ganz gut: Woche für Woche schauen rund 769.00 Abonnenten bei seinem Zweit-Channel vorbei, den er gemeinsam mit seinem Bruder und seinem besten Freund betreibt. "Ich hab überhaupt nicht damit gerechnet, dass der Kanal so erfolgreich wird", sagt mir Leeroy, als ich ihn im YouTube Lab beim Jahresrückblick 2019 treffe. Angefangen hat der ehemalige Profi-Rollstuhlbasketballer mit seinem Lifestyle-Kanal, der einfach so heißt, wie er sich auf YouTube eben nennt: Leeroy Matata. Geboren wurde er als Marcel Gerber, hat kamerunische Wurzeln und sitzt seit seinen Kindestagen im Rollstuhl, weil er an juveniler Osteoporose leidet, die bei ihm 65 Knochenbrüche verursachte.

"Natürlich habe ich durch meine eigene Geschichte einen anderen Zugang. Ich kann auf Augenhöhe begegnen, wenn es darum geht, Schicksalsschläge erlebt zu haben", sagt Leeroy. Auf seinem anderen Kanal zeigt er mehr von seinem Alltag im Rollstuhl, wie er mit seiner Freundin reist und was für ihn Inklusion bedeutet. “Wenn du mich fragst, welcher Channel mir wichtiger ist, kann ich das gar nicht so genau sagen", sagt er. Beide Projekte bedeuten ihm wirklich viel, weil jeder seine Stärken hätte. “Ich versuche auf beiden Kanälen immer aktiv zu sein, weil es auch total verschiedene Communities sind, die mir da zu schauen”, erklärt er.

Es gibt aber auch Kritik – inklusive Hate-Speech

Das Feedback der Community sei aber immer ziemlich positiv. Allerdings nicht immer. "Natürlich bekomme ich auch Hate-Nachrichten. Da fallen dann ganz böse Wörter wegen Hautfarbe und Rollstuhl – darauf werde ich oft reduziert", sagt er. Beim ersten Mal sei das schon sehr hart gewesen, aber er habe gelernt, damit umzugehen. Deswegen ist es ihm besonders wichtig, dass auch in den Kommentaren unter seinen Videos niemand verunglimpft wird – auch nicht seine Interviewpartner. "Ich möchte Einblicke geben und helfen, zu verstehen. Niemand sollte vorschnell abgestempelt werden, sagt Leeroy. Deswegen seien die Begegnungen im Video immer wieder sehr beeindruckend. "Ich lerne, Menschen eine zweite Chance zu geben."

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Bei "Team Pommes", wie sie sich die Fans von "Gewitter im Kopf" nennen – weil Gisela das so oft sagt –, überwiegt ebenfalls das positive Feedback. "Wir haben schon viele Nachrichten bekommen, dass Menschen jetzt viel besser damit umgehen können, wenn sie jemanden mit Tourette treffen", sagt Tim stolz. Allerdings gab es auch bei den beiden schon Kritiker. Gerade weil sie das heikle Thema oft eher witzig anpacken, warfen ihnen einige Menschen vor, alles nur zu spielen. Sogar die Betroffenenorganisation "Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V". und der Interessenverband "Tic & Tourette Syndrom e.V." fanden ihre Videos am Anfang nicht zu gut.

Sie würden die Krankheit ins Lächerliche ziehen. "Mittlerweile haben die ihre Meinung aber geändert", erzählt mir Jan. Nach einer Befragung anderer Betroffenen bewerten beide Organisationen die Videos positiver. Ihren Channel wollen die beiden auf jeden Fall fortsetzen, vielleicht mehr andere Betroffene treffen und zu Wort kommen lassen und auch reisen, denn das stellt einen mit Tourette nochmal vor völlig andere Herausforderungen – etwa, wenn Gisela am Flughafen auf einmal "Allahu Akbar!" schreit.

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"Wenn ich Englisch spreche, habe ich so gut wie keine verbalen Tics. nur so internationale Wörter wie 'Hitler' melden sich dann bei Gisela zu Wort. Auch wenn ich Fahrrad fahre, passiert nichts", verrät Jan mir seine Tricks. Im Interview hat mich Gisela übrigens ziemlich in Ruhe gelassen. Das Gezupfe und Anrempeln bekam meistens Tim ab, der direkt neben Jan saß. Ich bekam nur einmal einen Zuruf von Gisela – ob ich "olle Schabracke", denn auch für alles genug Geld bekäme.

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Quelle: Noizz.de