Feministisch lesen über Sex, Schminken, Gesellschaft und Philosophie.

#metoo, Emma Watson und trendige Print-Shirts haben den Feminismus in den Mainstream gebracht. Die Definition der Bewegung ist aber äußerst subjektiv. Und viele Fragen bleiben offen: Was ist Feminismus? Wann bin ich Feministin? Ist es feministisch, wenn sich Emma Watson nackt fotografieren lässt? Wenn Jennifer Lawrence zitternd, im knappen Kleid, zwischen warm angezogenen Männern steht? Was haben Vergewaltigungen mit all dem zu tun? Und was bringt es, darüber nachzudenken?  Aber auch Begriffe wie „Patriarchat“ sind erklärungswürdig. Auch die Fragen, wieso es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt und ob Frauen wirklich systematisch unterdrückt werden. Sind wir vielleicht selbst Schuld daran? Und wie hat sich die Stellung der Frau bis heute entwickelt?  

Zum Weltfrauentag am 8. März haben wir für euch eine Liste von Büchern zusammengestellt, die nicht nur diesen Fragen auf den Grund gehen, sondern die jede/r, wie wir finden gelesen haben sollte.   

1. Margarete Stokowski Untenrum frei

In diesem Buch geht es darum, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. Margarete Stokowski schreibt über das erste Mal schminken, über Tabus in der Sexualität, über Gewalt und Vergewaltigung und Magersucht. Die kleinen, persönlichen Geschichten ermöglichen den Blick auf ein großes Ganzes, auf eine Gesellschaft, in der Geschlechtergerechtigkeit noch lange nicht erreicht ist.  

Warum lesen?  Wie der Titel erahnen lässt: Dieses Buch macht frei. Denn Margarete Stokowski fasst Gedanken in Worte, mit denen sie vielen Frauen aus der Seele sprechen dürfte, etwa mit Sätzen wie diesen: „Ich habe das Gefühl, es ist meine heilige Pflicht, dafür zu sorgen, dass niemand meine Körperhaare sehen kann, vor allem die in den Achselhöhlen“ 

Wie liest sich das Buch? Margarete Stokowski Sprache ist direkt und unverblümt, sie schreibt im Gegensatz zu vielen anderen Feministinnen weder akademisch noch philosophisch, sondern verständlich und nahbar.  

Typisches Zitat:  „Untenrum frei zu sein bedeutet Freiheit im sexuellen Sinne. Es bedeutet zu wissen, was uns gefällt und was wir uns wünschen und es bedeutet, dass die Freiheit der anderen respektiert bleibt. Obenrum frei zu sein bedeutet Freiheit im politischen Sinne: frei von einengenden Rollenbildern, Normen und Mythen.“

2. Mary Beard Frauen und Macht

Mary Beard ist Historikerin und erklärt in Frauen und Macht die patriarchale Gesellschaft anhand von Literatur, Kunst und Mythologie. Doch auch um aktuell in Machtpositionen tätige Frauen, um deren Image und politische Fragen wie Lohnungleichheit dreht sich dieses Buch.

Warum lesen? Die Rolle von Sexismus in künstlerischen Werken zu kennen, hilft, das patriarchale Weltbild zu verstehen. Die Abschnitte über Frauen in Machtpositionen verdeutlichen, welche Rolle ein unweibliches Äußeres bei derartigen Tätigkeiten spielt und warum dies keine nachhaltige Strategie gegen Sexismus und Geschlechterungerechtigkeit ist. In Großbritannien landete Mary Beard mit diesem Buch auf Platz eins der Bestsellerliste. 

Wie liest sich das Buch?  Als schwere Kost ist Frauen und Macht sicher nicht zu bezeichnen. Wer sich so gar nicht für die Interpretation von künstlerischen Werken interessiert, wird beim Lesen aber an seine Grenzen kommen. Die aktuellen Bezüge erleichtern das Lesen.  

Typisches Zitat: „Jene, denen es gelingt, sich Gehör zu verschaffen, bedienen sich, so wie Maesia auf dem römischen Forum oder 'Elizabeth' in Tilbury, sehr häufig einer Version der 'androgynen' Strategie, indem sie Teile der männlichen Rhetorik bewusst nachahmen.“ 

3. Svenja Flaßpöhler - Die potente Frau   

Svenja Flaßpöhler beschreibt in Die potente Frau eine alternative Strömung des Feminismus. Anstatt Geschlechtergerechtigkeit nur zu fordern, sollen Frauen sie selbstbestimmt leben. Den „Hashtag-Feminismus“ (etwa Bewegungen wie #metoo) kritisiert sie, da er das patriarchale Weltbild nur bestätige. 

Warum lesen? Obgleich es sehr fragwürdig ist, im Zusammenhang mit Gewalt von einer selbstverschuldeten Opferrolle zu sprechen: Gleichberechtigung nicht nur einzufordern, sondern auch dafür zu arbeiten, etwa durch selbst angeregte Gehaltsverhandlungen, ist ein sinnvoller Gedanke. 

"Die potente Frau" von Svenja Flaßpöhler Foto: www.ullstein-buchverlage.de

Wie liest sich das Buch? Abgesehen von hin und wieder auftauchenden Fremdwörtern  (nolens volens, Essenzialisierung, leibesphänomenologisch), handelt es sich bei Die potente Frau um ein leicht lesbares und verständliches Essay. 

Typisches Zitat: „Der zuverlässigere Schutz vor Gewalt, den das neue Gesetz gewährleisten soll, wird nolens volens mit dem Preis einer paternalistischen Einmischung des Staates ins Private erkauft. So hat die Gesetzesverschärfung Einfluss darauf, wie wir Sex zukünftig verstehen und praktizieren werden. “

4. Laurie Penny – Fleischmarkt

Laurie Penny schreibt über den weiblichen Körper im Kapitalismus. Das Buch dreht sich sowohl um Schönheitsideale als auch um Haus- und Sexarbeit sowie Transsexualität. Es verdeutlicht, wie Frauenkörper entmachtet und kontrolliert werden.  

Warum lesen? Laurie Penny erklärt den Leserinnen schwarz auf weiß, inwiefern sie mit ihrem Körper und ihrer Arbeitskraft gesellschaftlichen Zwängen unterliegen. Darüber hinaus formuliert sie Lösungsstrategien, die die Leserin auf ihre persönliche Situation übertragen kann.

Wie liest sich das Buch? Die deutsche Übersetzung von Fleischmarkt enthält vergleichsweise lange Sätze, die den Lesefluss erschweren. Sprache und Wortwahl sind jedoch leicht verständlich und der Inhalt so interessant, dass es keine große Herausforderung ist, weiterzulesen. 

Typisches Zitat: 

Von der Arbeitszeit, die für den Kauf und den strategischen Einsatz von Kleidung, Frisur und Schönheitsprodukten aufgewendet wird, über die tatsächliche Arbeit bei Diät und Fitness, bis zur Erschaffung und Erhaltung der sexuellen Rolle – die Selbstverdinglichung ist vor allem anderen zunächst einmal Arbeit

5. Simone de Beauvoir - Das andere Geschlecht

„Das andere Geschlecht“ dreht sich um das Bild der Frau in verschiedenen Bereichen. Im Kapitel über Biologie beschreibt Simone de Beauvoir die Sexualität der Frau sowie das Thema Fortpflanzung. Bezüglich der Psychologie ist die weibliche Identität das Thema, bezüglich der Soziologie die Lebensbedingungen der Frau. 

 Warum lesen? Das andere Geschlecht gilt als das Standardwerk des Feminismus. 

Wie liest sich das Buch? Um ehrlich zu sein: Das andere Geschlecht ist ziemlich schwer zu lesen. Simone de Beauvoir benutzt eine sehr akademische und philosophische Sprache. Nicht selten ist es nötig, einen Absatz erneut zu lesen. Und das Werk besteht aus insgesamt 900 Seiten. 

Typisches Zitat (zumindest unter den leicht verständlichen Sätzen): „Die Frau erhebt nicht den Anspruch, Subjekt zu sein, weil ihr die konkreten Möglichkeiten dazu fehlen, weil sie ihre Bindung an den Mann als notwendig empfindet, ohne deren Reziprozität zu setzen, und weil sie sich oft in ihrer Rolle als Andere gefällt.“

6. Chimamada Ngozi Adichie – Mehr Feminismus!

Dieses Büchlein beschreibt mit einem Manifest und vier Kurzgeschichten auf den Punkt, wieso sich Feminismus weltweit lohnt. Chimamanda Ngozi Adichie ist eine brilliante Schriftstellerin, die haargenau und mit viel Humor erklärt, wieso Stereotypen über Feminist*innen  quatsch sind und wo sich das Patriarchat überall ausgebreitet hat (Spoiler: überall). Das tut sie an Beispielen in der afrikanischen Kultur, was auch eine ziemliche Bereicherung ist. 

Warum lesen? Ein Standardwerk für alle, die eine simple, aber genaue Erklärung für die dringende Not einer feministischen Gesellschaft brauchen. Es geht um Geschlechterrollen, die offenbar in der ganzen Welt krampfhaft aufrechterhalten werden und um schmerzhafte, jahrhundertealte Klischees. Um Frauen, die es besser wissen als die Männer in ihrem Leben, aber trotzdem ignoriert werden, oder auch um den gesellschaftlichen Zwang zu heiraten, der in Afrika immer noch sehr präsent ist. 

Wie liest sich das Buch? Schnell! Das Werk hat etwas mehr als 100 Seiten. Adichie nutzt eine sehr nachvollziehbare Sprache. So kannst du Mehr Feminismus! besonders denjenigen in die Hand drücken, denen die Bewegung zu akademisch oder zu theoretisch geworden ist. Und wenn nicht, ihren TED-Talk gibt es online nachzuhören – oder einfach direkt hier:

Typisches Zitat: „Irgendwann war ich eine glückliche afrikanische Feministin, die Männer nicht hasst und Lippenstift und hohe Absätze zum eigenen Vergnügen und nicht zum Vergnügen der Männer trägt.“

7. Pénélope Bagieu – Unerschrocken

Die aus zwei Bänden bestehende Graphic-Novel-Reihe Unerschrocken zeigt die Leben und Errungenschaften außergewöhnlicher Frauen, die aus unterschiedlichsten Gründen es nicht in die Geschichtsbücher oder überhaupt an die Öffentlichkeit geschafft haben. Oder kennst du Nellie Bly, immerhin die erste Investigativ-Journalistin überhaupt, oder die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim (nicht zu verwechseln mit ihrem bösen Onkel), oder die Schauspielerin Hedy Lamarr, die zwar für ihre Hollywood-Karriere, aber nicht für ihre bahnbrechende Radar-Technologie-Erfindung bekannt ist?  

Wie liest sich das Buch? Unerschrocken können Frauen und Mädchen jeden Alters lesen, denn die wunderschön illustrierten Geschichten erzählen sehr unterhaltsam und anschaulich die unterschiedlichen Biografien der unbekannten, aber einflussreichen Frauen.  

Warum lesen? Um ein größeres Bewusstsein für Frauen in der Geschichte zu haben! Schließlich haben Frauen genauso großartige Dinge erreicht wie Männer. Nur wurde ihnen das Errungene oft nicht öffentlich zugeschrieben – oder ein nahestehender Mann hat sich gleich den ganzen Ruhm abgestaubt. Wenn du deine kleine Schwester/Tochter/sonstiges Mädchen übrigens mit noch mehr feministischer Literatur für Kinder beschenken und beeinflussen willst, empfehlen wir Goodnight Stories for Rebel Girls von Elena Favilli und Francesca Cavallo, die ein ähnliches Ziel verfolgen wie Unerschrocken – erstaunlichen Frauen, die in der männlich dominierten Geschichte untergegangen sind, eine Bühne zu geben.  

Typisches Zitat: „Anfangs hält man sie wahlweise für verrückt oder schwachsinnig, aber das ist Temple (Grandin, Tierdolmetscherin) schon gewohnt.“  

8. Rebecca Solnit – Wenn Männer mir die Welt erklären

Die erfolgreiche Buchautorin Rebecca Solnit ist diejenige, die den Begriff Mansplaining in die Gesellschaft gebracht hat. Zwar hat die Autorin das Wort nicht selbst definiert, in ihrem Essayband „Wenn Männer mir die Welt “ schildert sie aber in der ersten Geschichte genau das, was Frauen ständig passiert: Ein Mann möchte Solnit mit einem Buch beeindrucken, lässt sie aber nicht zu Wort kommen – bis sich herausstellt, dass sie selbst das Buch geschrieben hat.    

Solnits Buch "Wenn Männer mir die Welt erklären" Foto: Getty Images

Wie liest sich das Buch? Wenn Männer mir die Welt erklären ist sehr ernsthaft, aber es geht schließlich um nichts anderes als die Gleichberechtigung. Die sieben Texte ziehen sich manchmal, aber um sich sinnvoll mit Gewalt gegen Frauen oder Frauenvorbildern zu beschäftigen, braucht es auch eine gewisse Tiefe.  

Warum lesen? Allein die erste Geschichte sollten alle Frauen mal gelesen haben, um zu verstehen, dass Mansplaining Realität und Alltag ist. Auch die anderen Texte sind stark, haben aber durchaus einen akademischen Anspruch. Mit den Fakten, die Solnit ihr Buch anreichert, kannst du dann aber wirklich jede Feminismus-Debatte mit einem unwissenden, aber lauten Mann gewinnen.  

Typisches Zitat: „Er schult uns in Selbstzweifel und Selbstbeschränkung, während er zugleich das durch nichts gestützte überzogene Selbstvertrauen der Männer stärkt.“  

9.  Liv Strömquist – Der Ursprung der Welt/Der Ursprung der Liebe/I'm Every Woman

Liv Strömqusit ist kein Mensch, der Tatsachen nett und sachlich beschreibt. Die schwedische Politikwissenschaftlerin lässt in ihren feministischen Comics viel lieber Wut über die komplette patriarchale Gesellschaftsgeschichte raus. Mit ihren humorvollen, aber gleichzeitig bitterernsten Bilderzählungen beschreibt sie in drei Bänden die Geschichte der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts, der Frau in Beziehungen und der Frau, die hinter dem Erfolg eines Mannes steht.  

Wie liest sich das Buch? Klingt erstmal sehr nach BHs anzünden (was übrigens nie stattgefunden hat), aber hast du schon mal über Ärzte im 19. Jahrhundert gehört, die Frauen ihre Klitoris entfernt haben, weil sie den klitoralen Orgasmus als satanistisch verurteilt haben? Die Wut ist also berechtigt.  

Warum lesen? Strömquist schafft es, viele komplexe Inhalte aus der Geschichte, Kultur und Psychologie mit kompakten Erzählungen verständnisvoll darzulegen. Man muss sich ein wenig reinfuchsen – die Comics haben einen spezifischen Humor und es ist auch von Vorteil, wenn das nicht das erste feministische Werk ist, mit dem du in Berührung kommst. Für Leser*innen, die sich mit dem akademischen, philosophischen Feminismus befassen wollen, sind die Bände ein großartiger Einstieg.  

Typisches Zitat: „Herzlich Willkommen zum Ranking der unsäglichsten Lover der Weltgeschichte!” (aus “I’m Every Woman”) 

Quelle: Noizz.de