Das Reeperbahn Festival fand dieses Jahr statt – trotz Corona. Es war ein Experiment, für alle Beteiligten. Ob es geglückt ist, ist schwer zu sagen. Bedeutsam war es dennoch.

Eigentlich ist das Reeperbahn Festival immer unser persönlicher Abschluss der Festival-Saison und auch ein bisschen Highlight: Man tingelt durch die Hamburger Clubs, steht dicht gedrängt im winzig kleinen Nochtspeicher, quetscht sich in den Garten des Molotow und trifft Menschen, mit denen man viel zu viel Bier trinkt. Also alles Dinge, die man in Zeiten der Corona-Pandemie auf keinen Fall machen sollte. Das Reeperbahn-Festival lebt von Nähe – wie soll es also funktionieren, das Festival zu veranstalten und dabei Coronavorkehrungen einzuhalten? Und vor allem: Selbst wenn man das hinbekommt, was bleibt dann noch vom Festivalfeeling?

Reeperbahn Festival und Corona – Signale senden

Eine halbe Millionen Euro hat die Stadt Hamburg für das Festival locker gemacht – zusätzlich zu sonstigen Förderungen und Zuschüssen. Dr. Carsten Brosda, Kultursenator der Stadt Hamburg, erklärt im Gespräch, dass es hierbei um unterschiedliche Signale ging. Es sollte gezeigt werden, dass Kultur wichtig ist, dass die Veranstaltungsbranche unterstützt wird, aber es wäre auch darum gegangen, den Besuchenden zu zeigen, dass es in unsicheren Corona-Zeiten möglich ist, Spaß auf einem Festival zu haben und Livemusik zu erleben.

Und die Veranstalter*innen des Reeperbahn blieben nicht nur theoretisch bei ihrem Vorhaben, sie zogen es durch: Egal, welchen Teil des Geländes man betrat, man musste sich mit dem Handy ein- und auschecken. Man wurde von den Mitarbeiter*innen an seinen festgelegten Platz vor der Bühne gebracht, bis dahin herrschte überall Maskenpflicht. Vermutlich war nirgends die Dichte an Desinfektionsmittelspendern so hoch wie an diesem Wochenende in Hamburg. Wenn sich – wie auf Großveranstaltungen manchmal üblich – irgendwo auf dem Gelände eine größere Traube von Menschen knubbelte, wurde sie durch die Mitarbeiter*innen rasch aufgelöst.

Im Imperial Theater werden Reihen frei gelassen und zur Distanz gemahnt.

In den bestuhlten, geschlossenen Venues wie der St. Michealiskirche oder dem Imperial Theater wurden ganze Reihen zwischen den Gästen freigelassen, am Spielbudenplatz draußen oder vor der Hauptbühne stand man an festen Spots in Reih und Glied.

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Live-Auftritte ganz ohne Ausrasten?

Soweit, so coronafreundlich. Nur: Wie ist das als Musiker*in, auf der Bühne abzugehen und vor sich eine Handvoll Leute zu sehen, die sich maximal um die eigene Achse drehen dürfen? Beim Drangsal-Gig etwa wurde das besonders deutlich: Der Berliner Musiker ist nicht gerade für seine ruhigen Schmusenummern bekannt. Irgendwie fehlte es natürlich, sich ordentlich zu seinen Gitarrenriffs zu bewegen. Künstler Gisbert zu Knyphausen schlug bei seinem völlig bezaubernden Konzert mit Kai Schumacher im "Michel" vor, das Publikum könne doch Schilder hochhalten: "Eskalation könnte da drauf stehen oder so. Dann wissen wir hier vorne auf der Bühne auch Bescheid."

Lie Ning sorgte für Atmosphäre während seines Konzerts.

Natürlich berühren einen die Konzerte dennoch. Und das liegt nicht nur daran, dass man so lange auf sie verzichten musste. Als Lie Ning seine Soul-Nummern mit honigsüßer Stimme vortrug, kam unweigerlich die Gänsehaut. Er schien glücklich, endlich wieder performen zu können. Ebenso erging es Jazz-Hip-Hop-Powerhouse Akua Naru, die ordentlich Gas gab und immer wieder betonte, dass sie auf der Anreise habe unzählige Coronatests machen müssen.

Akua Naru lieferte im Festival Village auf der Stage ab.

Alles ein bisschen verhaltener

Statt der sonst 50.000 Besucher*innen und der 1.000 Konzerte waren es dieses Mal nur etwa 2.500 Besucher*innen, die sich an den vier Tagen auf 140 Konzerte verteilten. Wollte man ein Konzert unbedingt sehen, musste man mindestens eine Stunde vor Ort zu sein – Spontanität war nicht sehr ratsam. Der Spielbudenplatz, eigentlich herrscht hier immer reges Treiben, ist dieses Jahr kleiner, kulinarisch beschränkte es sich auch auf das Wesentliche.

Insgesamt kam das Gefühl eines Festivals schon irgendwie auf – aber so, als führe man permanent mit angezogener Handbremse. Am Ende hatte man einen sehr guten Eindruck davon, wie es eigentlich immer war, wie es sein könnte oder wie es am besten sein sollte: Das Reeperbahn Festival 2020 war ein Konjunktiv. Es hätte, könnte, sollte so schön sein, war es aber nicht ganz.

Tatsächlich stellt sich dennoch die Frage, was dieses Experiment, dieses Wagnis bedeutet. Denn die Macher*innen des Reeperbahn statuieren ein Exempel. Sie suchen nach Antworten, die vielleicht für die gesamte internationale Branche von Bedeutung sein können: Wir wissen nicht, wie es im nächsten Jahr aussehen wird. Wird Corona im Sommer 2021 kein Thema mehr sein? Werden wir einen Impfstoff gefunden haben? Oder ist das hier, auf dem Reeperbahn Festival, "the new normal des Festival-Betriebes", wie es Festivalchef Alexander Schulz im Gespräch nennt.

Aber selbst wenn die Pandemie tatsächlich im nächsten Jahr Geschichte ist: Was mag uns die Zukunft bringen? Wer weiß: Vielleicht überrascht uns in ein paar Jahren die nächste Pandemie. Dann haben wir Erfahrungen und Werte des Reeperbahn Festivals, auf die wir zurückgreifen können – und das ist viel Wert.

Angezogene Handbremse und new normal hin oder her: Besser als nur zu Hause vor dem Stream zu sitzen, war es allemal. Und das Fischbrötchen auf den Landungsbrücken, das schmeckt immer noch genauso gut wie vor Corona.

Alle einmal auf Abstand bitte.
Alles ein bisschen "luftiger", dieses Jahr.
Im Grünspahn hält man Social Distancing vor der Bühne ein.
Währenddessen auf der Bühne des Grünspahn: Die Band International Music. Die Boys thematisierten Corona bei ihrem Auftritt weniger – und ließen einen kurz die Situation der Welt vergessen.
Maskenpflicht und Einchecken am Handy – läuft.
  • Quelle:
  • Noizz.de