Darf man ein Regierungsmitglied so harsch beleidigen? Ja!, dachte sich im ersten Moment Deutschlands Chef-Satiriker Jan Böhmermann. Nur um dann drei Tage später zurückzurudern und sich zu entschuldigen. Was ihn dazu gebracht haben mag ...

Für Jan Böhmermann schien am Freitag klar: Bundesinnenminister Horst Seehofer ist ein Opa, der sich ficken soll. Anders konnte man seinen Tweet mit dem unverblümten Imperativ "Fick dich, Opa!" kaum verstehen.

Aber was hatte Deutschlands Chef-Satiriker veranlasst, so krass zu eskalieren?

Es war Horst Seehofers Aussage am Donnerstag zum Polizei-Skandal in Nordrhein-Westfalen: "Ich bin überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit unserer Polizistinnen und Polizisten solche Machenschaften ablehnen und zweifelsfrei zu unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung stehen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". In NRW waren rund 30 Polizisten suspendiert worden, nachdem sie sich in Neonazi-Chat-Gruppen ausgetauscht hatten.

Seehofer lehnte mit diesem Kommentar eine Studie zu Rassismus bei der Polizei weiter ab. Der CSU-Politiker zeigte sich im Interview der "BILD am Sonntag" aber offen für eine breiter angelegte Studie, die sich mit Rassismus in der Gesellschaft befasst. Zu den Vorfällen in NRW sagte er: "Das war ein Schlag in die Magengrube".

Für Jan Böhmermann schien es ein Schlag in die Magengrube, dass Seehofer trotz des Skandals in NRW bei seiner Aussage blieb, keine Studie zu Rechtsextremismus in der Polizei in Auftrag geben zu wollen. Und das Unverständnis sowie die Wut waren offenbar so groß, dass der Satiriker der Kragen platzte.

Horst Seehofer

Später löschte er den "Fick dich"-Tweet und entschuldigte sich mit folgenden Worten: "Ich möchte mich hier nochmal – explizit nicht als Kunstfigur, sondern als Polizistensohn – beim Bundesinnenminister entschuldigen! (...) Die Beleidigung des Ministers war ein bedauerlicher Einzelfall und ich werde alles dafür tun, dass sie sich nicht wiederholt."

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Ein ZDF-Sprecher teilte am Sonntag mit, die Wortwahl von Böhmermanns Tweets sei "indiskutabel" gewesen. "Jan Böhmermann hat die, wie er selbst sagt, 'schlimmen Worte', die er auf seinem privaten Account gepostet hatte, gelöscht und sich dafür entschuldigt."

Böhmermann geriet vielleicht selbst ins Fadenkreuz rechtsextremer Polizisten

Aber es war sicher nicht nur Seehofers Uneinsichtigkeit in Sachen Rechtsextremismus-Studie. Höchstwahrscheinlich war Böhmermann bei dem Thema auch deshalb so dünnhäutig, weil am Donnerstag auch herauskam, dass von einem Berliner Polizeicomputer illegal Daten des ZDF-Moderators abgerufen worden waren. Wenige Tage später tauchte seine Privatadresse in einem Drohschreiben mit dem Absender "NSU-2.0" auf, wie die "Frankfurter Rundschau" berichtete.

Solche anonymen, rechtsextremen Drohungen bekommen Frauen wie die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız, die Künstlerin İdil Baydar oder die hessische Linkenpolitikerin Janine Wissler seit zwei Jahren, wie die "Süddeutsche Zeitung" feststellte. Auch "taz"-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah bekam solch ein Schreiben nach ihrem umstrittenen "Polizei-Müll"-Text. Und immer gehen solchen Briefen unbegründete Datenabfragen von Polizeicomputern voraus. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – beziehungsweise auf den Gedanken kommt, es könnten Neonazi-Polizisten hinter "NSU-2.0" stecken.

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Böhmermann hat also ein ganz persönliches Interesse daran, dass das Ausmaß des Rechtsextremismus in der deutschen Polizei untersucht wird. Dennoch hat offenbar auch er sofort bemerkt: Mit "Fick dich, Opa!" kommt er da auch nicht weiter.

ml

  • Quelle:
  • Noizz.de