Die Verfilmung des Buches ist eine ganz neue Ebene.

Fatih Akin hat den letzten Roman von Heinz Strunk verfilmt. Der Goldene Handschuh lief bei der diesjährigen Berlinale. Seinen Namen haben Film und Buch von der Kneipe, in der sozusagen das Grauen seinen Lauf nimmt.

Im Film geht es um Fritz Honka, einen Typen, der am liebsten „Fako“ trinkt (Fanta-Korn, aber so gemischt, dass die Fanta eher einen winzigen Hauch von Orange versprüht), irgendeinem bedeutungslosen Job nachgeht und im Goldenen Handschuh nicht nur Unmengen trinkt, sondern auch seine Opfer abschleppt. Diese lockt er in seine stinkende, kleine Wohnung, wo er sie erniedrigt, vergewaltigt und ermordet. Danach zerteilt Honka die Toten und versteckt sie in ebenjener Wohnung. Wenn der Geruch der verwesenden Leichenteile zu krass wird, verteilt Honka unzählige Klosteine.

Erschreckend reales Portrait eines realen Mörders

Fritz Honka hat in den 70ern tatsächlich in Hamburg gelebt und auf bestialische Art und Weise vier Frauen ermordet. Autor Heinz Strunk hat sich seiner Geschichte angenommen und in seinem Buch erzählt. Allein das ist schon alles recht harter Tobak.

Nun kommt Fatih Akin ins Spiel: In einem Interview erzählte er, dass er sich beim Erscheinen (2016) und Lesen des Buches sofort die Rechte sichern musste. Nun hat er, selbst Hamburger Jung, die Geschichte über den Mörder von der Reeperbahn verfilmt. Er hat das Lokal Zum Goldenen Handschuh nachgebaut, hat die Polizeifotos der Originalwohnung Honkas nutzen dürfen und bei Cast und Maske sehr auf das von Strunk beschriebene Milieu geachtet.

Honka wird vom 23-jährigen Jonas Dassler gespielt – der in drei Stunden Maske bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird. Kritiker loben seine Darstellung des Mörders. Beim Film selbst ist man sich nicht so einig: Die Rezensionen in einschlägigen Magazinen wissen nicht so recht, ob sie Fatihs neustes Werk nun gut oder schlecht finden sollen. Der Konsens ist irgendwo in der Mitte.

Und dann merkt man ganz schnell: Das ist wie Brechreiz

Ich wusste im Vorfeld, dass der Film nichts für schwache Nerven ist – das habe ich in sämtlichen Stimmen zum Film gelesen. Die Tatsache, dass ich nicht Mal den Trailer in einem Rutsch schauen konnte, war natürlich auch ein Indiz. Aber ich dachte: Es ist ein Fatih-Akin-Film – der wird schon gut sein. Und weil der Film sicherlich gut ist, kann man über so manche harte Szenen sicherlich hinweg schauen.

Ein Trugschluss: Ich habe nach wenigen Minuten das Kino verlassen müssen. Dabei sieht man gar nicht so wahnsinnig viel. Aber das Geräusch des trockenen Sägens der Knochen, die Honka zerteilt, quälen meine inneren Assoziationen zur Genüge. Mir wird augenblicklich schlecht. Als ich dann an rohes Fleisch und Knackwürstchen denke (einige Szenen des Trailers spielen sich in einer Metzgerei ab), ist es vorbei.

Ich habe nach der Vorführung mit Kolleginnen gesprochen und erfahren: Es wird auch im weiteren Verlauf des Films nicht besser. Aber gut: Grausamer Typ, grausamer Film. Nach eigenen Angaben hat Akin versucht, möglichst nah an der Realität zu bleiben. Scheint ihm gelungen zu sein.

Ganz sicher kein Ted-Bundy-Effekt

Serienmörder faszinieren derzeit die Kino- und Netflix-Welt. Zum amerikanischen Serienmörder Ted Bundy gibt es derzeit eine Netflix-Doku und einen demnächst erscheinenden Film mit Zac Efron in der Hauptrolle.

Ted Bundy war allerdings ein gutaussehender Charmeur, und Efron musste für die Rolle recht wenig an seinem Äußeren ändern. Honkas Äußeres war ziemlich abstoßend – genau wie seine gesamte Existenz aus Suff, animalischem Trieb und Verwesung. Bei Bundy wurden die Stimmen laut, man würde hier die mordende Bestie zu einem Schönling verharmlosen. Das passiert bei Honka ganz sicher nicht.

Im Gegenteil: Wer Strunks Bücher (etwa Fleisch ist mein Gemüse, 2004) kennt, der weiß um seine Lust, sich eingehend mit den Abgründen des Menschseins zu beschäftigen. Und seine Leser folgen ihm – denn meistens hat es seinen Reiz, sich in verabscheuungswürdige Psychen hineinzudenken. Natürlich immer mit der Sicherheit, schnell wieder ins eigene Ich zurückzukehren.

Allerdings kann ich dieses Mal nicht so weit gehen: Ich traue mich nicht raus, traue mich nicht an die Bilder Akins, die er von diesem entmenschten, grausamen Mörder zeichnet. Ich bleibe lieber in meinem eigenen Kopf. Hat ja manchmal auch genug Schrecken.

Quelle: Noizz.de