Die 29-Jährige spielt im neuen Thriller „Abgeschnitten“ eine Comiczeichnerin, die in ein Horror-Szenario gelangt.

Jasna Fritzi Bauer wirkt angeschlagen. So angeschlagen, dass ich mich nicht traue, sie zu fragen, was denn los sei. Erkältung? Schlaflosigkeit? Party? Ich tippe auf Letzteres, und es gefällt mir, das Rätsel ungelöst zu lassen.

Party-Angeschlagenheit holt Schauspieler aus der hehren Sphäre des Olymps herunter in unser verkatertes Zuschauerleben – ganz anders als der glattgebügelte, saubergesaugte Rote Teppich.

Jasna trägt ein verwaschenes, weißes T-Shirt mit einem Prada-Logo, hinter dessen Buchstaben die Spice Girls tanzen. Wahrscheinlich ist es ein Humana-Fundstück; es zeigt: Seine Trägerin wohnt in Berlin.

Ehrlich gesagt habe ich Jasna Fritzi Bauer immer nur im Fernsehen gesehen, aber noch nie im Theater. Dabei war sie drei Jahre lang festes Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, und in Berlin hätte ich sie in den vergangenen Jahren auch schon ein paar Mal sehen können – 2017 sogar noch in Frank Castorfs Volksbühne.

Stattdessen habe ich mich mit der „Jerks“-Fritzi-Bauer begnügt, was mir allerdings reichte, um mir ihren bemerkenswerten Namen zu merken. Wie auch nicht: Er ist wie ein Dreiklang, der zwei As auf zwei Is folgen lässt, um dann ein Statement zu setzen, das in der Mitte aus drei Vokalen besteht. „Jasna“ klingt exotisch, „Fritzi“ frech, „Bauer“ bodenständig, normal. Keine schlechte Kombination für Erfolg im Showgeschäft.

Jetzt also zum ersten Mal JFB live. Einnehmend, ansteckend. Wie sie den Tee in ihrer Tasse umrührt – man möchte sich direkt auch einen bestellen.

Aber zur Sache: Ihr neuer Kinofilm „Abgeschnitten“. Ein Thriller von Bestseller-Autor Sebastian Fitzek als Vorlage, der Tschiller-„Tatort“-Erfinder Christian Alvart als Regisseur, die erste deutsche Schauspieler-Riege vor der Kamera – nämlich Moritz Bleibtreu, Fahri Yardim und Lars Eidinger. Und eben Jasna.

NOIZZ: Wir Zuschauer sind manchmal verwirrt, wenn wir Schauspieler zuletzt noch in einer klamaukigen Rolle gesehen haben und ihnen im nächsten Augenblick beim Morden zuschauen müssen – oder wenn sie quasi immer dieselbe Rolle spielen. Dann verfließen sie im Gedächtnis zu ein und derselben Person. Das ist mir bei „Abgeschnitten“ besonders aufgefallen. Bei Moritz Bleibtreu warte ich zum Beispiel immer darauf, dass er gleich einen Joint durchzieht, so wie in der Kult gewordenen Kifferkomödie „Lammbock“. In Fahri Yardims Gesicht sehe ich – wegen der Tschiller-„Tatorte“ – immer auch Til Schweiger. Geht dir das als Schauspielerin auch so? Also quasi auf der anderen Seite des Bildschirms?

Jasna Fritzi Bauer: Nein. Aber ich hab mir genau dieselbe Frage mal bei diesen ganzen Hollywood-Stars gestellt. Warum gehst du in einen Film mit Leonardo DiCaprio? Weil Leonardo DiCaprio mitspielt. Aber wie schafft er’s, dass ich nicht die ganze Zeit denkst: Leonardo DiCaprio! Das ist halt ein ganz anderes System als hier, solche Stars haben wir hier ja gar nicht. Und dann sieht man Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen und Fahri Yardim und verbindet sie immer mit ihrer Kult-Rolle – egal, was sie gerade spielen.

Was mich selbst betrifft: Ich komm nicht durcheinander. Ich hab am Theater auch acht verschiedene Stücke gespielt. Und dann fragen mich Leute: Verwechselst du da nicht mal den Text? Und ich: Ja, wenn ich sehr verwirrt bin! Aber es ist ja einfach ein anderes Stück oder ein anderer Film. Und ich trete da ja mit meinem Körper, meinem Gesicht, meiner Mimik an, und versuche, mit meinen Möglichkeiten meine Rolle zu erfüllen.

Fahri Yardim und Jasna Fritzi Bauer in „Abgeschnitten“ Foto: Warner Bros.

Gerade mit Fahri Yardim hast du zuletzt ziemlich oft zusammengespielt  – „Jerks“, „Dogs of Berlin“ …

Jasna: Ja, ich hatte mein Fahri-Jahr (lacht)!

… In „Abgeschnitten“ habt ihr ja eher krasse Szenen zusammen. Ihr metzelt gemeinsam an einer Leiche rum, du ziehst ihn, der gerade am Verbluten ist, in einen Lastenaufzug. Erleichtert oder erschwert eine gemeinsame Filmvergangenheit das Zusammenspiel?

Jasna: Ich find’s schön, weil man sich schon kennt und so eine andere Vertrauensbasis hat. Man weiß zum Beispiel, was der andere braucht. Es gibt beim Dreh ja verschiedene Menschen: Der eine macht Witze in der Pause, der andere muss sich konzentrieren …

Was ist Fahri für ein Typ?

Jasna: Er macht eher Witze in der Pause.

Wie oft hast du bei euren gemeinsamen Szenen an „Jerks“ gedacht?

Jasna: Gar nicht. Aber ich bepiss mich so oder so vor Lachen. Bei „Jerks“ stand ich nur da und hab mich totgelacht. Einer meiner Tricks war es, mich hinter Christian Ulmen zu verstecken.

Eine der ekligsten Szenen im Film dauert mehrere Minuten und wird in jederlei Hinsicht voll ausgekostet: Du und Fahri seziert ein Mordopfer, schneidet ihm ein Überraschungsei aus dem Hals. Im Kino wird das Ganze durch Metzelgeräusche und interessierte Kameraeinstellungen verstärkt. Wie übel wurde dir da beim Dreh?

Jasna: Am Anfang fand ich’s mittelgeil, dann war’s egal, weil’s ja kein richtiger Mensch war, sondern eine Silikonpuppe. Aber trotzdem: Die haben das schon echt gut gebaut, mit den ganzen verschiedenen Schichten … Ich hatte einen Rechtsmediziner dabei, der mir erklärt hat, wie es funktioniert, und dann haben wir einen Dummy aufgeschnitten.

Du hast zuerst die Hautschicht, dann eine Fettschicht, dann Blutgefäße, dann Muskeln, dann Knochen und dann, erst dann, kommst du in den Körper. Was ich viel ekelhafter fand: als Fahri die Haut am Handschuh kleben hat …

Wenn in der Leichenhalle das Licht ausgeht ... Foto: Warner Bros.

Ach, das war Haut? Okay … Schon mal in der „Körperwelten“-Ausstellung gewesen?

Jasna: Ja, mehrfach! Zum ersten Mal mit meiner Mama. Da war ich 13, durfte extra Schule schwänzen, und wir sind nach Frankfurt gefahren. Geil. Ich war da letzten Sommer erst wieder …

Und?

Jasna: Ich find’s absurd, weil man kein Verhältnis dazu hat, dass das richtige Körper sind. Chirurgen sind ja an etwas dran, was lebt. Bei einer Leiche ist einfach nichts mehr da. Was auch immer unser Menschsein ausmacht, es ist dann weg.

Was war die ekligste Szene, die du je gedreht hast?

Jasna: Eklig ist immer physische Gewalt. Wenn jemand ich körperlich angreift. Oder du eingesperrt bist. Obwohl ja alles abgesprochen ist, ist man machtlos. Ich grusel mich auch sehr schnell, und was ich in „Abgeschnitten“ wirklich gruselig fand: als in der Leichenhalle das Licht ausgeht. Wir haben das in einer Fabrikhalle gedreht, und du weißt, da stehen 40 Leute um dich herum. Aber trotzdem: Das Licht geht an und aus und an und aus. Und ich: Bitte nicht! Bitte nicht! Bitte nicht! …

Jasna alias Linda in der Leichenhalle Foto: Warner Bros.

Wo liegen deine Grenzen, was das Spielen von Horror bzw. Gewalt angeht: Wie weit würdest du da gehen? Lars Eidinger vergewaltigt und mordet in „Abgeschnitten“ ja äußerst lustvoll.

Jasna: Ich hab da keine Grenze. Man spielt’s ja. Man muss halt Vertrauen zueinander haben, weil es schwere Szenen sind. Nach Prügelszenen frag ich immer sofort: Ist alles in Ordnung?

Apropos Lars Eidinger: Es gibt wahrscheinlich niemanden, der Wörter wie „kleine Nutte“ und „Hör auf zu jammern!“ genau so psycho aussprechen kann wie er – außer vielleicht Falco in seinem Skandal-Song „Jeanny“, aber Falco ist ja bekanntermaßen tot. Dennoch: Wenn Eidinger krank geworden wäre, wer hätte einen ebenso überzeugenden Psycho spielen können?

Jasna: Ich glaube, dass das viele Leute könnten, sie aber nicht die Chance dazu bekommen. Peter Schneider zum Beispiel – den kennen jetzt viele aus der Netflix-Serie „Dark“. Der hat mal einen „Tatort“ gemacht, wo er seinen eigenen Zwilling gespielt hat. Psycho! So was macht ja auch Bock. So einen Psychopathen zu spielen, ist ja geil.

Lars Eidinger alias Jan Erik Sadler in „Abgeschnitten“ Foto: Warner Bros.

Bist du jemand, der Gefallen findet an der künstlerischen Zurschaustellung von Gewalt? Oder anders gefragt: Schaust du gerne Horrorfilme oder explizite Psychothriller?

Jasna: Nein. (Lacht.)

Letztes Jahr war ja großes Horrorfilm-Jahr – „Es“, „Get Out“ …

Jasna: Keinen einzigen davon gesehen. Ich grusel mich nicht in dem Moment, wo ich’s sehe, sondern erst danach, wenn ich alleine zuhause bin und die Tür knarren höre. Christian Alvart, der Regisseur von „Abgeschnitten“, hat mich gezwungen, mit ihm als Vorbereitung „The Shining“ zu gucken. Und er meinte so: Der ist überhaupt nicht schlimm! Und dann geht der Film zuende und Jack Nicholson wird zum Geist. Und Christian: Siehste, überhaupt nicht schlimm. Und ich: Das find ich am allerallerschlimmsten! Weil’s nicht aufhört! …

Du spielst auffällig oft in Buchadaptionen mit: „Abgeschnitten“ basiert auf einem Bestseller von Sebastian Fitzek, „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann hat seinerzeit den Literaturbetrieb polarisiert, „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace ist auf Deutsch ein 1500-Seiten-Knaller. Liest du das alles eigentlich immer?

Jasna: Nee. Bei „Axolotl“ hab ich Helene gefragt, und sie meinte, nee, weil der Film eh anders sei als das Buch. Und bei Fitzek bin ich gar nicht auf die Idee gekommen. Ich weiß nicht, warum.

Lieber Netflix?

Jasna: Ja.

Welche Serie aktuell?

Jasna: Ich hab gerade „Haus des Geldes“ fertig geguckt.

Deine Lieblingsserie?

Jasna: „Friends“.

Und von den letzten Netflix-Produktionen?

Jasna: „Dark“ und „Haus des Geldes“ fand ich schon ziemlich super. Und ich mag die ganz kleinen Indie-Sachen: „The End of the F***ing World“, „Marcella“ ... Ich find’s gut, dass man jetzt die Chance hat, Serien aus ganz vielen Ländern zu sehen, andere Schauspieler, nicht nur die amerikanischen oder deutschen, dass sich alles mischt.

Und bald bist du selbst bei Netflix zu sehen: in der deutschen Clan-Serie „Dogs of Berlin“. Wie fühlt sich das an?

Jasna: Ich hab da jetzt nicht so ’krasse Rolle, aber die Dreharbeiten waren cool. War ja fast wieder dieselbe Besetzung wie bei „Abgeschnitten“: Fahri Yardim spielt mit, Christian Alvart führt Regie. Und sehr viele tolle Schauspieler, die sonst nicht so vorkommen in Deutschland. Mal sehen, ob ich in der zweiten Staffel auch dabei bin!

„Abgeschnitten“ läuft seit dem 11. Oktober 2018 in den Kinos.

Quelle: Noizz.de