Die Netflix-Doku zeigt: Immer wenn es nicht hätte schlimmer kommen können, kam es schlimmer.

Vor zwei Jahren gingen die Veranstalter des ersten (und wohl letzten) Fyre Festivals auf den Bahamas vor die Hunde. Der Grund: Sie versprachen ihrer steinreichen Zielgruppe für Ticketpreise bis zu 13.000 US-Dollar ein Event der Superlative. Luxus-Unterkünfte, fettes Catering, bombastisches Line-up – und all das auf Pablo Escobars einstiger Privatinsel.

Besonders schmackhaft machte man der Zielgruppe das Festival mit einer ausgefeilten Marketingstrategie. In deren Zentrum: ein sagenhafter Trailer, in dem Models wie Kendall Jenner und Bella Hadid das Fyre Festival schon einmal Probe feiern. Am Strand. Im Bikini.

Am Ende war so gut wie nichts fertig, als die Gäste aus aller Welt eintrudelten. Aus den luxuriösen Apartments wurden Zelte. Aus großartigem Essen wurde ein labbriges Käse-Sandwich. Keine Beleuchtung. Keine Acts. Die Macher des Fyre Festivals hatten sich hart verkalkuliert. Mittlerweile sitzt der Fyre-Media-Gründer Billy McFarland eine sechsjährige Haftstrafe wegen Betrugs ab.

Auf welch dramatische Weise sich die Betrugs-Arie hochschaukelte, wussten aber wohl nur diejenigen, die am Fyre Festival mitwirkten. Bis vor wenigen Tagen: Seit dem 18. Januar liegt der Niedergang des vermeintlichen Megaevents in Form einer Dokumentation auf den Netflix’schen Servern, für alle zugänglich.

Wir haben die sieben Momente zusammengetragen, die diese Doku so spannend und gleichzeitig unaushaltbar machen.

Erstens: Die Pablo-Escobar-Insel ist gestrichen

Die Veranstalter priesen das Fyre Festival medienwirksam mit einem Haufen Models in Bikinis an – und die Massen kamen. Die Tickets gingen unter den Rich Kids weg wie warme Semmel. Bis zum Festival selbst blieben von dort an allerdings nur noch wenige Monate.

Bereits im Werbetrailer groß angekündigt: die atemberaubende Location. Das Festival sollte auf der ehemaligen Privatinsel von Drogenkönig Pablo Escobar stattfinden. Das Problem: Der Inselbesitzer war so was nicht einverstanden damit, dass sein Grund und Boden mit dem Namen des Druglords in Verbindung gebracht werden würde. Eine der Voraussetzungen für die Nutzung der Insel war, dass die Location NICHT als Pablo Escobars Rückzugsort engepriesen wurde. Imagegründe.

Allerdings taten McFarland und Co. genau das. Vom einen auf den anderen Tag stand das Team – mit ohnehin schon wenig Zeitbudget – vor einer noch viel größeren Aufgabe: eine neue Insel finden!

Zweitens: Neue Location, größere Probleme

Eine neue Insel wurde zwar gefunden. Sämtliche Probleme lösten sich dadurch allerdings nicht in Luft auf. Im Gegenteil.

Auf der Website wurden Illustrationen von weitläufigen Apartments mit Meerblick zur Schau gestellt. Die galt es auch, auf der neuen Insel Exuma zu finden. Das große Problem: Am Wochenende des Festivals fand auf der Insel eine riesige Wettkampfveranstaltung statt. Die ohnehin schon begrenzte Infrastruktur der Gemeinde war an diesem Wochenende also noch eingeschränkter – Unterkünfte waren ohnehin schon Mangelware. Dann sollten noch etliche Festivalbesucher hinzukommen. Chaos vorprogrammiert.

Das Resultat: Es waren weder genügen Villen für die Influencer, denen man eine kostenlose Unterkunft versprach, vorhanden. Noch gab es Appartements für die Normalo-Besucher. Die Lösung: Katastrophenhilfe-Zelte, die auf einem Gelände nah am Wasser aufgestellt wurden.

Drittens: Der Social-Media-Backlash

Während Billy McFarland und sein Team versuchten das Festival trotz etlicher Pannen zusammenzukloppen, braute sich Unbehagen unter den künftigen Besuchern zusammen. Seit der Veröffentlichung des Trailers waren etliche Wochen vergangen. Bis zum Event sollte es nicht mehr lange dauern. Neues Material oder Updates von der Event-Location gab es allerdings nicht zu sehen.

Eine Welle des Misstrauens breitete sich vor allem via Twitter aus. User wurden laut, forderten aktuelle Bilder vom Festivalgelände. Zu allem Überfluss machte das Fyre-Team selbst an dieser Stelle nicht reinen Tisch. Tausende Kommentare wurden gelöscht oder mit einem Help-Link vertröstet.

Obwohl es zu diesem Zeitpunkt sogar schon Twitter-Accounts gab, die sich ausschließlich mit dem möglichen Betrug der Veranstalter beschäftigte, waren die Stimmen der Vorfreude weiterhin lauter. Die Reißleine sollte noch lange nicht gezogen werden.

Viertens: Dem Zollbeamten einen blasen

Aber Hey, was ist ein Katastrophen-Festival ohne unzureichende Wasserversorgung? Auch dieses grundlegende Bedürfnis der zu erwartenden Besuchern drohte unerfüllt zu bleiben. Denn kurz vor Start des Festivals benachrichtigte der Zoll die Festival-Veranstalter, dass sie die bestellten „Evian“-Wasserflaschen nicht freigeben würden, wenn die Veranstalter nicht 175.000 Dollar an den Zoll zahlen würden.

Daraufhin wurde der Festival-Produzent Andy King, der zufällig Schwul war, gebeten, „etwas fürs Team zu tun“ und zum Zollbeamten zu fahren - um ihn einen zu blasen.

Andy King, der brave Mitarbeiter des Jahres, fuhr nach Hause, spülte nochmal seinen Mund mit Mundwasser, und fuhr dann tatsächlich los zum Zollbeamten, um ihm einen Blowjob anzubieten im Austausch für die Container voller Wasserflaschen.

Zum Glück hatte der Zollbeamte ein Herz, und versprach Andy King, das Wasser auch ohne Blowjob freizugeben. Noch einmal Glück gehabt, Andy.

Fünftens: Das Wetter

Eigentlich könnte man sich bei jedem neuen Skandal des Fyre-Festival-Fiaskos denken: Was solls. Die Party-Meute wird auf einer Insel in den Bahamas stecken, was könnte jemals so schlimm sein, dass selbst das kristallklare Wasser und strahlender Sonnenschein nicht zum Festival erscheinen sollten?

Doch selbst diesen Abzug musste das Fyre-Festival in Kauf nehmen. Denn als das Festival endlich passieren sollte, erlebte die Insel auf den Bahamas einen ordentlichen Schub von Regen, Grauen Wolken, und aggressiven Windböen.

Nun war eigentlich alles Futsch. Keine Escobar-Insel, keine Unterkünfte und kein heiles Image auf Social-Media. Der damals 23-jährige Booker Samuel Krost sagte schließlich alle Acts ab. Und der Wahnsinn vor Ort trieb sich dem Höhepunkt zu.

Sechstens: Der Betrug nach dem Betrug

Doch die Fehlentscheidungen während der Planung und „Ausführung“ des Festivals hörten nicht nach Ende des Festivals auf. Nach dem Festival, nachdem alle wussten, dass das Fyre-Festival nichts weiter als eine gehypter Betrug war - da entschied sich Billy McFarland, die Fyre-Festival-Gänger noch ein letztes Mal hinters Licht zu führen.

Er benutzte alte Mailing-Listen des Fyre-Festivals, um den ehemaligen Kunden exklusive Karten für heißbegehrte Events zu verkaufen. Damit machte er weiterhin Geld, noch während laufende Ermittlungen den Fyre-Festival-Betrug untersuchten. Selbst darauf fielen Leute noch rein.

Siebtens: Die Omi

Der schmerzlichste Teil der Doku kommt jedoch kurz vor Ende. Die Doku zeigt ein ungeschnittenes Interview mit einer Bahamas-Omi, die ein Restaurant auf den Bahamas besitzt. Sie erzählt vor laufender Kamera, dass sie für das Fyre-Festival ihr gesamtes  Erspartes in ihr Restaurant investierte. Ihr wurde versprochen, dass wenn alles gut läuft, sie für die nächsten fünf Jahre das Geschäft ihres Lebens mit dem Fyre-Festival machen würde.

50.000 Dollar gingen ihr wegen den privilegierten, größenwahnsinnigen Veranstaltern verloren. Und das ist wahrlich herzzerreißend.

Das Fyre-Festival kostete allen Beteiligten Geld, Stolz und Vertrauenswürdigkeit. Doch schlussendlich waren die, die am meisten daran gelitten haben, nicht die reichen jungen Leute, die sich ein sündhaft teures Ticket für die „Party ihres Lebens“ gekauft haben. Es waren die einheimischen Aufbauer des Festivals, die nicht bezahlt wurden, und Tag und Nacht für ein Festival gearbeitet haben, was nie stattfand.

Quelle: Noizz.de