Ja, voll was Besonderes, echt.

Taylor Swift hat einen Song veröffentlicht und das Internet so: kotz.

Wie kann sie es wagen? Alles geklaut und der Rest ist nicht gut. Die Hauptkritikpunkte gehen ungefähr so:

  • Sie hat von Beyoncés „Lemonade“ geklaut.
  • Sie hat von Right Said Fred geklaut.Sie hat von Minderheiten geklaut.
  • Das ist nicht feministisch genug.
  • Das ist nicht mein Feminismus.
  • Das ist alles nichts Neues.
  • Das ist alles viel zu anders.
  • Das ist alles nur geklaut.
  • E-yo, e-yo!

Oh, der Ohrwurm tut mir leid. Hier, Song und Video von Taylor Swift, um die geht’s ja eigentlich:

Was wir gerade gesehen haben: all die kleinen Streits und Feindschäftchen, die Swift in den vergangenen Jahren so hatte. Wir sehen Schlangen, weil ihr Ex Calvin Harris sie einmal so nannte, später sprang Kim Kardashian auf.

Wir sehen Swift als Katy-Perry-Lookalike beim Autounfall, die zwei können sich nun gar nicht leiden. Dann ist da noch die „Oh My God“-schockierte Swift; ihr wisst schon, die die ständig mit offenem Mund fotografiert wurde. Wer noch nie eine lahme Schulter von den vielen Duckface-von-oben-Selfies hatte, der werfe bitte den ersten Sneaker.

Noch ein Beispiel? Bitte: In der Badewanne (zweite Szene) liegt ein Ein-Dollar-Schein. Die bekam sie von einem Typen, den sie verklagt hatte, nachdem er sie begrapscht hatte. Das Gericht gab ihr recht und sie bekam einen Dollar zugesprochen. Als symbolisches Zeichen dafür, dass er verdammtnochmal nicht das Recht dazu hatte.

Taylor Swifts Musik beschäftigt sich übrigens öfters mit dem, was die Öffentlichkeit in ihr sieht und wie Menschen meinen, über sie verfügen zu können. Beispiel Männer: Der Song „Blank Space“ überzeichnet ihre Dates. Als sie ihn schrieb, war sie 24 Jahre alt und hatte Dates und mit verschiedenen Männern hinter sich. Und schwups meinte das halbe Internet wieder, dass seien viel zu viele Dates und viel zu viele Männer.

Aber, mal interessehalber: Wenn ihr einen Song schreiben würdet, worüber denn eigentlich?

Musik über das eigene Leben ist doch dieses „real“, das alle immer wollen, oder habe ich da etwas verpasst? Jetzt ist es auch wieder nicht richtig.

Swift wird für ihre Freunde angefeindet, für ihre Freundinnen und sogar dafür, dass der Begriff „Squad“ – wie sie ihre Freundesgruppe nennt – ein Kampfbegriff von Minderheiten sei.

Sie wird kritisiert, wenn sie etwas nicht tut. Bei bestimmten Demos nicht auftaucht oder die US-Wahl nicht kommentiert.

Sie wird kritisiert, wenn sie etwas tut. Ihre Kleider sind falsch, ihre Musik sowieso und dass sie damit gutes Geld verdient scheint auch irgendwie verwerflich zu sein.

Ich warte gerade darauf, dass die arme Frau in der Öffentlichkeit hustet und einen Shitstorm dafür kassiert, weil sie mit dieser unbedachten Tat das Leiden von Lungenkrebs-Patienten marginalisieren würde.

Eine Autorin forderte sogar, dass Swifts „Reputation“-Album eine Entschuldigung sein müsse, „andernfalls bin ich nicht interessiert“. Entschuldigung? Frauen müssen sich nicht entschuldigungen. Nicht dafür, sich verändert zu haben. Nicht dafür, sich nicht verändert zu haben. Und auf keinen Fall dafür, dass irgendjemand sie doof findet.

Taylor Swift ist heute 27 Jahre alt und steht am Ende des Look-What-Videos auf den Schultern all der Taylors, die sie früher einmal war. „The old Taylor can’t come to the phone right now. Why? … ’Cause she’s dead!“

Voll schräg? Ach bitte. Frauen unserer Zeit können jederzeit ihr altes Ich begraben und ihr neues feiern. Das zu kritisieren ist ungefähr so interessant wie eine Debatte um die richtige Waschmittelmarke. Kann man machen, aber ist halt nicht geil.

Wir stehen alle auf den Schultern jener Ichs, die wir früher einmal waren. Man nennt das Lebenserfahrung. Und wie jede von uns möchte TS in der Schlussszene gern die alten Taylors hinter sich lassen. Lebenserfahrung endet übrigens auch nicht mit 27, also stellt euch lieber noch auf zwei-drei weitere Taylors ein. Wer das nicht verstehen kann, der hole bitte sein Duckface, die pinke Sonnenbrille und das „Robbbiiieee!“-Kreischen der Nuller-Jahre an der Persönlichkeits-Ausgabe ab.

PS: Liebe Hater, Taylor war schon vor Jahren mit euch fertig. Und in diesem Video sehen wir ganz viele Leute, die ganz viele Sachen viel besser können als Taylor Swift.

Aber sie singt den Song.

Quelle: Noizz.de