Wie etwas verstehen, was kein Mensch je verstehen will?

Ob "Criminal Minds", "Navcy CIS", "The Blacklist" oder "Cold Case"– ich stehe auf Serien, wo Ermittler, Profiler und Forensiker dem Bösen auf der Spur sind.

Ich kann mich komplett darin verlieren, wenn sie versuchen, sich in die Gehirne ihrer Gegner hineinzudenken. Wenn sie am Tatort in die Rolle des Psychopathen schlüpfen, um seine nächsten Schritte zu erraten. Wie sie es mit diesen ausgefeilten Profiling-Techniken schaffen, den oft hochintelligenten Tätern doch noch zuvor zu kommen und sie zu stoppen.

Ich habe großen Respekt davor, dass sie sich dafür auch anhören, was diese Menschen ihren unzähligen Opfern angetan haben – oft bis ins grausamste Detail.

Doch was heute im Profiling und beim FBI der Status Quo ist, war bis 1972 noch ein Tabu. Niemand wollte sich wirklich mit dem Bösen auseinandersetzen. Die Special Agents waren froh, wenn sie die Täter im Knast hatten. Sie stempelten sie als Spinner ab, als Abschaum. Sie mochten Beziehungstaten aus Eifersucht und Gier, Angst oder Rache noch im Ansatz verstehen. Doch manche Motive überstiegen den logischen Menschenverstand.

Erst 1972 wurde die "Behavioural Science Unit" des FBI gegründet, die erste Einheit ihrer Art. Dort nahm das Profiling, wie wir es heute kennen, seinen Anfang: Die dortigen Ermittler sprachen mit den einzigen Menschen, die derart kranke Taten verstehen konnten – mit Serienmördern. Diese echte Einheit und das Buch "Mindhunter: Inside the FBI’s Elite Serial Crime Unit" von FBI-Agent John. E. Douglas inspirierten Regisseur David Fincher ("Fight Club") zu der Netflix-Serie "Mindhunter".

"How do we get ahead of crazy if we don’t know how crazy thinks?"

Also: "Wie wollen wir den Verrückten zuvor kommen, wenn wir nicht wissen, was die Verrückten denken?" Das ist die Frage, die der Special Agent Bill seinem Vorgesetzten stellt, als dieser sich weigert, eine neue Methode der Strafverfolgung auszuprobieren: Interviews mit dem schlimmsten Straftätern der US-Geschichte. In der Serie "Mindhunter" klappern zwei FBI-Agenten verschiedene Hochsicherheitsgefängnisse in den Staaten ab, um mit brutalen Serienmördern und Vergewaltigern zu sprechen.

Menschen, die es niemals mehr aus dem Knast schaffen werden. Menschen, die anderen Menschen unvorstellbar schlimme Dinge angetan haben. Menschen, die es angemacht hat, ihre Opfer zu quälen. Menschen, die damals in den Augen der Masse keine Menschen mehr sind.

Doch der junge Holden Ford (Jonathan Groff) begreift, dass diese Monster ein unermessliches Wissen haben dürften, was in den Köpfen all derjenigen vorgeht, die das FBI noch nicht festgenommen hat. Gegen den Widerstand seiner Behörde und zusammen mit seinem erfahrenen Kollegen Bill Tench (Holt McCallany) startet er eine Undercover-Einheit.

Die Serie macht mir klar: Die sichere Welt, in der wir heute leben, verdanken wir auch diesen Pionieren der Kriminalgeschichte. Und "Mindhunter" erinnert uns daran.

Doch nicht nur die Einheit gab es so ähnlich mal wirklich, auch einige der Serientäter hat es wirklich gegeben. Das macht die Serie so beklemmend. Gleich in der ersten Folge treffen wir auf Edmund "Ed" Kemper – einen Mörder und Leichenschänder. Der Schauspieler Cameron Britton sieht dem echten Mörder erschreckend ähnlich, spielt seine perfide Art meisterhaft nach.

Normalerweise fixt mich die erste Folge einer Serie nie an. Zu viele Szenen erscheinen mir künstlich oder gar überflüssig. Zeitschinderei, damit die Macher ja auf ihre 45 Minuten kommen. Nicht so bei "Mindhunter". Die erste Episode ist sogar eine Stunde lang. Doch das merke ich nicht.

Ich hocke auf dem Sofa und traue mich gar nicht mehr, meine Chips zu essen. Denn jeder Satz, den der Serientäter zu dem FBI-Agent sagt, ist ein Schock. Er ist nicht der Einzige. Er sagt, da draußen gibt es noch viele seiner Art.

Derart hochspannende, originalgetreue Serien gibt es echt selten.

>> Endlich offiziell: An diesem Tag kannst du die 2. Staffel "Mindhunter" auf Netflix suchten

Quelle: Noizz.de