Nazis kloppen, chillen im Görli und ganz, ganz viele Wortspiele. In der Filmadaption zu "Die Känguru-Chroniken" nach Marc-Uwe Klngs gleichnamigen Bestseller kommen auch Nicht-Känguru-Kenner auf ihre Kosten. Und als Fan verlässt man den Kinosaal mit einem lachenden und einen weinenden Auge.

Witzig oder nicht witzig. Zwei ganz einfache Kategorien, in die sich eigentlich alles einordnen lässt. Nazis im Parlament? Nicht witzig. Eine Kissenschlacht? Witzig. Ein gentrifizierter Kiez? Eher nicht witzig. Eine Hausparty veranstalten, ohne seinen Mitbewohner davon irgendwas zu sagen? Sehr witzig. Naja, und so weiter. Ein ziemlich einfaches Prinzip – das sich durchaus auch auf Filmkritiken wie diese hier anwenden lassen könnte.

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"Die Känguru-Chroniken", Dani Levys Verfilmung, die auf den gleichnamigen Bestseller von Marc-Uwe Kling basiert, verdient das Prädikat witzig. Nicht ganz so witzig war hingegen vielleicht die Promo im Vorfeld des Films, aber dazu kommen wir später. Das einfache "witzig" oder eben "nicht-witzig"-Schema stammte auch aus Klings Trilogie rund um seine WG mit einem sprechenden, kommunistischen Känguru. Für all jene, die nicht zu den Millionen Lesern des Bestsellers gehören, hier mal eine kurze Aufklärung, worum es hierbei eigentlich geht. Denn ja, zugegeben, eine WG mit einem sprechenden Koala … ehm pardon, Känguru, das klingt schon etwas seltsam-kurios.

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Marc-Uwe Kling ist ein Kleinkünstler, Liedermacher und naja, versucht irgendwie die Zeit rumzuschlagen und mit brotloser Kunst etwas Geld zu verdienen. So würde das zumindest das Känguru beschreiben. Denn das taucht urplötzlich in Marc-Uwes Kreuzberger Wohnung auf, um sich – so banal wie es ist – Eier für Eierkuchen auszuleihen. Es ist der Beginn einer wunderbaren, auf Hassliebe basierenden WG.

Woher das Känguru kommt? Angeblich waren seine Eltern Teil des Vietcongs – daher die Sache mit dem Kommunismus – irgendwann mal war es in einer Band namens "Die kranken Schwestern" und bereitet jetzt eben einfach die kommunistische Revolution im Untergrund vor. Und irgendwie ist Marc-Uwe in all das hineingerutscht.

Hier gibt’s einen ersten Einblick in den Streifen:

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Diese fantasievolle, politisch satirische Textsammlung des Berliner Autors hat mittlerweile Kultstatus – auch für mich zählen alle drei bzw. vier Teile der Känguru-Reihe zu den witzigsten Stücken Satire, die ich jemals gelesen habe. Weil sie treffsicher ziemlich viel über unseren Alltag und unsere Gesellschaft aussagen, ohne Plattitüden auskommen und eine Art Humor bedienen, die fernab aller Mario Barths oder Dieter Nuhrs dieser Kabarettbühnen liegt. Sagen wir es mal so: Greta Thunberg würde sich mit dem Asozialen Netzwerks des Kängurus sehr wohl verbünden, im Gegensatz zu den anderen beiden genannten Personen.

Nun also widmet sich Regisseur Dani Levy also einer eigentlich unmögliche Aufgabe. Kann man den ersten Teil der Känguru-Schriften überhaupt verfilmen, ohne dass es einem kapitalistischen Akt gleichkommt? Schließlich kokettiert der Autor in seinen Werken selbst oft genug mit der Tatsache, dass die Abenteuer des Kängurus und seinem Mitbewohner eigentlich unverfilmbar sind. Und wenn, dann müsste es schon ein gemäßigter, sozialdemokratischer Koala sein. Denn der käme – wohl aufgrund von Flauschigkeit und politischer Einstellung – viel besser beim deutschen Mainstream-Publikum an. Und auch ich war skeptisch und stellte mir die Frage: Muss das sein? Auch wenn man sich als Känguru-Fan eine Verfilmung im tiefsten Inneren natürlich sehr herbeigesehnt hat.

Das Känguru und der Kleinkünstler vereint im Kino

Szene aus den "Känguru-Chroniken"

Levy lässt das Känguru Känguru sein und löst sich ein wenig vom originalen Roman und seinen vielen Meta-Insidern. Das ist gut für Leute, die wiedererwartend den Stoff eben nicht kennen, und ein bisschen Schade für alle Nerds. Aber nun ja, man muss Opfer für das große Ganze bringen. So auch die Handlung: Die wurde auf Leinwandtaugliche 93 Minuten getrimmt – was dem Witz nicht schadet.

Alle Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen oder Parteien sind natürlich reiiiiiin zufällig

Dimitrij Schaad spielt Marc-Uwe, das Känguru sich selbst, will aber nicht sprechen, weswegen der echte Marc-Uwe als hervorragender Stimmenimitator, diesen Job wenigstens übernehmen darf – neben der Drehbuch-Adaption. Der etwas lustlose Kleinkünstler mit Migräne-Hintergrund, lebt also mit dem Känguru zusammen, soweit so gut. Doch das Kreuzberger-WG-Idyll ist bedroht: Der rechtspopulistischer Immobilienhai und Parteibonze Jörn Dwigs (Henry Hübchen) bedroht mit einem gigantischen Bauprojekt die Idylle des Kiezes.

Das findet das Känguru natürlich gar nicht gut und auch nicht Marc-Uwe, auch wenn der ein bisschen mehr mit seinen autoritätenhörigen Alman-Wurzeln zu kämpfen hat. Aber alles kann man eben auch nicht hinnehmen. Deswegen haben sie einen todessicheren Plan ausgeheckt: ein großer Anti-Terror-Anschlag. Wer mehr sehn will, muss den Film selbst sehen.

Szene aus den "Känguru-Chroniken"

Nationalistische Tendenzen, Gentrifizierung und Zusammenhalt

Das sind die drei großen Themen die in den "Känguru-Chroniken" charmant witzig abgehandelt werden, auf so zugängliche Weise, dass dann vielleicht auch unsere Eltern und der spießige Cousin aus der Provinz endlich verstehen, wieso Deutschland im Jahr 2020 doch nicht so heile Welt ist und das ein "Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen …" eigentlich eine ganz blöde Floskel ist. Umso beeindruckender, dass die Grundidee und viele satirische Einlagen von Kling bereits zwischen 2008 und 2014 erarbeitet wurden.

Dabei wird die Kinoversion des Kängurus niemals zu klamaukig – denn auch das hätte bei ikonisch-kultigen Charakteren wie der Kneipen-Instanz Herta oder den vielleicht etwas zu angepassten Kindern türkischer Migranten, Friedrich-Wilhelm und Otto von, passieren können. Tut es aber nicht, weil sowohl Dani Levy als auch Marc-Uwe Kling es verstehen, klug und im richtigen Maße zu inszenieren, Metaebenen hin oder her.

Und jetzt nochmal zu der Sache mit dem Kommerz …

Szene aus den "Känguru-Chroniken"

Es ist natürlich schwer, eigentlich sogar hart – du weißt schon: "Das Leben ist hart, aber ich bin Herta" … sorry Insider, alle Känguru-Fans werden das verstehen – den Erwartungen an etwas so Kultigem gerecht zu werden. Man kann eigentlich nur verlieren. Erstaunlicherweise tut das der Film an sich gar nicht so sehr. Als eingefleischten Kängurufan, stört einen vielleicht vielmehr der Umgang mit der Verfilmung an sich. Ja, wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der wir alle auch Geld verdienen müssen. Das weißt du, das weiß ich, das weiß Marc-Uwe Kling, das weiß auch das Känguru.

Im Vorfeld habe sich Marc-Uwe Kling sehr viele Gedanken dazu gemacht, welche Produktionsfirma dieses Projekt auch wirklich umsetzen könne, sagte er im Vorfeld einer Pressevorführung des Films in Berlin – natürlich mit etwas Ironie. Am Ende fiel die Wahl auf X-Filme. Die macht natürlich ihren Job: Den Film promoten und interessant machen. Allerdings fällt es schwer zu glauben, dass ein kommunistisches Känguru die Werbekeule schwingt, Gastbeiträge für die Wochenzeitung Zeit schreibt, die dann online hinter der Paywall verschwinden und sogar Fernsehwerbung für den Kinofilm macht. Das alles ist natürlich gewohnt charmant-witzig, ich könnte mir alles davon reinziehen.

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Vor allem in Berlin kann man Marc-Uwes Känguru im Moment nicht entkommen: Werbeplakate für den Kinofilm finden sich in allen U-Bahnhöfen, dazu werben einzelne Hörbuchanbieter mit den Chroniken und auch Buchhandelsriese Thalia hat eine Känguru-Offensive gestartet.

Aber irgendwie eckt das auch mit den eigenen Prinzipen an und dem, wofür die Känguru-Chroniken eigentlich stehen. Es ist nicht-witzig. Denn eigentlich wünscht sich das Känguru, auch in seinem Kampf gegen Jörn Dwigs nichts sehnlicher, als dass der ganze Neid-Kram, kommerzielle Hyper-Leistungsgesellschafts-Scheiß und alle anderen Unterschiedlichmachereien aufhören. Insofern ist die Kampagne rund um eine große Kinoproduktion ziemlich paradox.

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Aber nun ja, wir wissen auch:Am besten bekämpft man seinen Feind aus dem Inneren heraus

Insofern kann man das Känguru auf der großen Leinwand auch als den größten Coup des Beutelträgers aller Zeiten sehen. Einen kongenialen Anti-Terroranschlag auf der Meta-Metaebene. Aber auch das ist natürlich reine Interpretationsfreiheit hiesiger Autorin. Und wir alle wissen natürlich: Mit Freiheiten umzugehen ist schwer. Ich gönn mir jetzt eine Schnapspraline.

Ach, PS: Hätte ich fast ganz vergessen. Am allerbesten, wirklich, ist Helge Schneider als TV-Fitnesstrainer in dem Film!!! Echt jetzt. Und ach ja: Der Pinguin kommt auch vor. Wo? Musst du selber sehen. Ich kann ja nicht alles verraten. Und Marc-Uwe hat einen Cameo-Auftritt! Zusammen mit der Soundtrack-stiftenden Band AG Zukunft!

PPS: Klings dystopischer Roman "QualityLand" über eine voll-digitalisierte und von K.I. dominierte Gesellschaft hat zwar nichts mit dem Känguru zu tun, wurde aber bereits in 24 Sprachen übersetzt. Eine Serienadaption auf HBO ist außerdem in Arbeit. Ich melde mich dann damit zurück. Over and out.

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"Die Känguru-Chroniken" nach dem gleichnamigen Bestseller von Marc-Uwe Kling kannst du ab sofort im Kino deines Vertrauens sehen. Ohne 3D-Szenen. Versteht sich.

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  • Quelle:
  • Noizz.de