Wenn man Daniel Donskoy mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es "putzmunter". Als Schauspieler kennt man den 30-Jährigen aus Serien wie "Tatort", "Sankt Maik" und "The Crown". Auch als Musiker ist Daniel am Start: In seinen neuen Songs geht es um Gesellschaftskritik und Freiheit. Im Gespräch mit NOIZZ erzählt der Künstler, wie er durch psychoaktive Trips seine Ängste loslassen konnte, warum Verschwörungstheorien durch die Digitalisierung freien Lauf bekommen und wie russische Partys seine Musik beeinflusst haben.

Charismatisch, aufgeschlossen und beschwingt: Selbst wenn man ihn gerade zum ersten Mal kennenlernt, mit Daniel Donskoy zu sprechen, ist so, als hätte man sich mit einem alten Kumpel zum Käffchen verabredet.

Als ich den Schauspieler und Musiker im Telefon-Interview begegne, ist der Schauspieler und Musiker nach eigener Einschätzung ganz "aufgeregt". Am nächsten Tag plant er einen 24 Stunden langen Livestream mit Gästen aus der ganzen Welt, um seinen neuen Song "24" zu promoten.

"Ich habe zwei Rechner, Handy und iPad am Start, damit alles funktioniert", erzählt mir Daniel. Einen All-Nighter durchzuführen sei für den 30-Jährigen kein Problem, im Studio sei das "ganz normal". "Aber wenn Leute einem dabei 24 Stunden lang zu gucken – kann es auch strange werden", sagt er und lacht.

Als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Sowjetunion ist Daniel in Russland geboren und in Berlin aufgewachsen. Im Alter von zwölf Jahren zog er mit seiner Mutter nach Israel, für ein Biologie-Studium kehrt er später zurück nach Deutschland. Das Studium brach Daniel aber bald ab: Nicht die Wissenschaft, sondern Performance begeisterte ihn. Er ging nach Großbritannien und absolvierte in London eine Schauspiel-Ausbildung. Zwischen mehreren Kulturen und Ländern zu pendeln, hat den Künstler stark geprägt. "Ich weiß nicht, wo ich herkomme. Aber ich weiß, wo ich lebe", erklärt Donskoy in einem Instagram-Video.

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Obwohl er erst 30 Jahre alt ist, hat Daniel bereits in mehreren deutschen und internationalen Produktionen mitgewirkt. Bekannt wurde der Darsteller durch seine Hauptrolle als dubioser Pfaffe in der RTL-Sendung "Sankt Maik". Jetzt ist der rothaarige Schauspieler in der 4. Staffel der britischen Serie "The Crown" als Reitlehrer von Prinzessin Diana zu sehen.

Für die meisten wäre eine Schauspielkarriere bereits eine Auslastung, irgendwie findet Daniel aber noch die Zeit, sich musikalisch auszudrücken. Mit Straßenmusik fing er an, daraufhin folgten letztes Jahr die ersten Singles. Jetzt veröffentlicht der Künstler neue Musik, die Single "24" ist bereits raus. Seine zwei Leitfäden im Leben und in der Kunst: Gesellschaftskritik und Freiheit. Diese Themen bewegen Daniel auch im Gespräch mit NOIZZ. Über Ängste, psychoaktive Drogen und politischen Aktivismus.

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Daniel Donskoy im NOIZZ-Interview

NOIZZ: Du bist ein sprachliches Multitalent und sprichst fließend Russisch, Deutsch, Hebräisch und Englisch. Wirst du als Schauspieler oft gebeten, verschiedene Akzente zu intonieren?

Daniel: Die erste Serie, die ich in England gedreht habe, war "Victoria". Da sollte ich mit russischem Akzent spielen. Das war lustig, denn ich bin in Deutschland mit vielen Menschen aufgewachsen, die einen russischen Akzent hatten. Nun musste ich plötzlich jemanden darstellen, der Englisch mit russischem Akzent spricht. Ich wollte das aber nicht so machen wie diese schlechten Ami-Bösewichte. Man fällt dann oft in Stereotype rein.

Ich musste auch einmal mit einem deutschen Akzent in der englischen Serie “Detectorists” sprechen. Ich habe erst ganz normal gesprochen, da kam einer vom BBC und meinte: “Daniel, wir brauchen wirklich einen Deutschen.” Ich habe dann einen stereotypischen deutschen Akzent nachgeahmt, und er meinte: "Yes, man!" Manchmal, wenn die einen Akzent wollen, musst du halt wirklich auf die Kacke hauen. (lacht)

NOIZZ: Als Gerichtsmediziner Nick Schmitz warst du bereits des Öfteren im "Tatort" zu sehen. Was war die merkwürdigste Requisite, die du bei den Dreharbeiten einer Krimiserie gesehen hast oder benutzen durftest?

Daniel: Die "spookigste" Requisite war beim ersten "Tatort", den ich in Niedersachsen gedreht habe. Es ging um eine Kinderleiche, und wir hatten eine Puppe, die richtig gruselig war, weil die total echt aussah. Alle wussten, dass es nur eine Requisite ist, aber als wir die Puppe aufgedeckt haben, hat uns allen der Atem gestockt. Für die Pathologie-Szenen drehen wir in der echten Kriminalpathologie, das heißt, es werden auch Leichen reingeschoben, während du gerade filmst. Das ist schon manchmal crazy. Und der Geruch ist krass. Das ist ein sehr verrücktes Gefühl, wenn du weißt, dass hinter dir 100 Tote in Leichenkühlzellen liegen.

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Psychoaktive Trips, Wachträume und Bewusstseinserweiterung

NOIZZ: Bei so etwas würde mir sofort Angst und Bange werden. Wie gehst du mit Angst im alltäglichen Leben um?

Daniel: Ich will nicht behaupten, dass ich ein komplett angstfreier Mensch bin, aber ich versuche alles, um mich von Ängsten loszulösen. Freiheit ist das Leitthema meines Lebens – ich habe keinen festen Wohnsitz, und wohne gefühlt in drei verschiedenen Ländern parallel –, und es gibt verschiedene Methoden, mit denen man sich von seiner Angst befreien kann. Bei mir waren das zum Teil auch psychoaktive Trips. Das erste mal, als ich Pilze konsumiert habe, hatte ich einen harten Wachtraum, in dem ich durch das Universum geflogen bin. Dann kamen meine ganzen Ängste auf mich zu, zum Beispiel die Frage, ob es richtig war, Künstler zu werden.

In diesem Trip konnten mir meine Ängste aber gar nichts antun, weil ich mir gesagt habe: “Gehe deinen Weg und gehe ihn mit hundertprozentiger Sicherheit." Wenn du dich selber im Spiegel angucken und sagen kannst, “Ich habe niemandem wehgetan, ich bin im Idealfall eine Bereicherung für die Menschen in meinem Umfeld”, dann kannst du anfangen, Stück für Stück deine Ängste abzulegen.

Unsere Gesellschaft ist sehr von Angst getrieben. Deswegen rate ich Menschen auch immer, sie sollen in sich hineinschauen. Ich meine jetzt nicht, jeder sollte Pilze nehmen (lacht). Aber jeder sollte sich Zeit nehmen, um sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Für manche ist das Meditation, für andere ist das Yoga, Kunst oder Sex – was auch immer einen Zustand von Erfüllung bringt.

Daniel Donskoy hat Erfahrungen als Model

NOIZZ: Auch in der Musik wird dieser Zusammenhang zwischen psychoaktiven Drogen, Angst und dem Ego-Tod oft thematisiert.

Daniel: Nicht umsonst wurde an diesen ganzen Substanzen geforscht. Viele davon, zum Beispiel LSD, waren ursprünglich als Medizin und nicht als Partydrogen gedacht, weil sie unser Bewusstsein bereichern können. Zumindest wenn man psychisch stabil ist und sie einen nicht umhauen – natürlich können solche Substanzen auch Nebenwirkungen haben.

Aber eine Bewusstseinserweiterung rate ich jedem Menschen. Wie die aussieht, ist jedem Menschen freigestellt. Es ist so essenziell, dass man sich mal loslässt und wenn man nur für ein paar Tage in die Natur rausfährt. Wir werden den ganzen Tag mit Nachrichten voll geballert. Seit acht Monaten hören wir jeden Tag “Corona, Corona, Corona”. Natürlich hat man da Angst. Aber diese eine Lebensweise, an der wir immer festhalten, ist vielleicht nicht die einzige. Das merkt man erst, wenn man aufhört, Angst vor Veränderung zu haben.

Gegen Verschwörungstheorien und Antisemitismus hilft nur Kommunikation

NOIZZ: Du sprichst das Thema Corona an. Zurzeit scheinen viele Corona-Verschwörungstheorien an Popularität zu gewinnen, von denen die meisten anti-semitisch und judenfeindlich sind. Als Jude, der zwischen Berlin und Israel aufgewachsen ist, wie schätzt du die Situation ein?

Daniel: Das ist ein bisschen crazy, weil solche Verschwörungstheorien jetzt manchmal von Leuten kommen, von denen man es nicht erwartet. Vor Kurzem habe ich mich mit einem Freund aus London über die Tweets von Wiley unterhalten, in denen er Juden mit dem KKK verglichen hat. Das hatte zwar null mit Corona zu tun, aber du hast gemerkt, dass Menschen leider oft auf das zurückgreifen, was irgendwo abgespeichert ist, wenn sie Angst haben. Dann kommt wieder raus, dass Antisemitismus und Fremdenhass immer noch in der Gesellschaft verankert sind. Jeder hat mal von den Rothschilds gehört, und dann kommt plötzlich: “Stimmt, die jüdische Elite kontrolliert sowieso alles und die Medien.” Das ist schon beängstigend. Ich versuche, mich aber nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen. Ich bin Jude. Wenn ihr Fragen habt, her damit. Ich zumindest habe kein Konto bei den Rothschilds (lacht). Noch nicht, und meine Hörner und den Pferdefuß kann ich auch ganz gut kaschieren.

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NOIZZ: Wie gehst du mit anderen Menschen um, die an Verschwörungstheorien glauben oder Fremdenhass schüren?

Daniel: Ich versuche, ein offener Mensch zu sein, der immer in Dialog gehen kann. Ich versuche, die Leute nicht direkt als Antisemiten oder als Nazis anzusehen, sondern sie zu fragen: “Worauf basiert dein Knowledge? Wer ist diese jüdische Elite? Zähl' mal auf." Ganz oft kommt dann nichts. Bei manchen kommt aber was, die sagen dann, zum Beispiel: “Kuck dir mal die Immobilienelite in New York an.” Stimmt, da gibt es große jüdische Immobilienmakler. Wenn man sich das Ganze aber geschichtlich anguckt, merkt man, wo diese ganzen Vorurteile kommen; wie die Juden bereits im Mittelalter fast nur im Bankwesen tätig sein durften und dadurch mit Geld in Verbindung gebracht wurden.

Wenn ich also merke, dass jemand zuhören kann, versuche ich, seine Ansichten zu verändern. Denn einfach zu sagen “Fick dich, du Antisemit”, kann man machen, das bringt aber nur noch mehr Hass. Ich komme anderen lieber mit Aufklärung entgegen. Das ist vielleicht naiv, aber durch die "Black Lives Matter"-Bewegung haben wir gesehen, dass nur Kommunikation hilft, um Vorurteile wegzunehmen.

NOIZZ: "Black Lives Matter", "Fridays for Future" – 2020 scheint ein politisch aktives Jahr zu sein. Glaubst du, dass offener Dialog immer mehr möglich wird?

Daniel: Dadurch, dass wir uns wegen Corona nicht mehr so oft sehen, passieren die meisten dieser Dialoge online. Ich würde sagen, dass in den “woke”-Gesellschaftskreisen Deutschlands der Dialog viel offener geworden ist. Meine Befürchtung ist aber, dass sich die Gesellschaft gerade trennt und die Leute, die wir eigentlich erreichen wollen, bei Attila Hildmann in der fucking Telegram-Gruppe rumhängen. Diese krasse Digitalisierung, die dieses Jahr stattgefunden hat, ist auch eine Art Trennung.

Dialog funktioniert am besten “face to face”. Man muss sich spüren, man muss sich fühlen. Das ist schwierig online. Das sieht man allein schon in den USA. Noch ein Großteil der Bevölkerung ist von Trump überzeugt. Ein Mensch, der gesagt hat: “Grab them by the pussy”, dass Schwule scheiße seien und es kein Rassismus-Problem in Amerika gäbe. Ein Mensch, der mit den Pro-Lifers flirtet. Da muss man sich die Frage stellen: Ist mein Blickwinkel als liberaler Mensch so verengt, weil ich glaube, dass alle meine Freunde liberal wählen? Vielleicht hat dein Onkel aber die AFD gewählt, mit dem musst du reden. Deinen Onkel siehst du aber gerade nicht, der hängt auf der Querdenker-Demo rum. Durch diese physische Separation sind wir dabei, noch weiter auseinanderzudriften.

NOIZZ: Hast du auf Instagram deswegen auch all deine Posts gelöscht, außer denen zu deiner Musik?

Daniel: Das kam durch das ganze Jahr. Ich habe gemerkt, die Leute sind verwirrt, weil sie den ganzen Tag so viel Sachen zu sehen kriegen. Alles, was ich auf meiner Instagram erzähle, erzähle ich aus meinem Leben. Ich bin total der Jetzt-Mensch. Mir geht es jetzt gerade um meine Musik, deswegen wollte ich auch nur die Musik zeigen. Denn dazu kann ich am besten und am offensten reden. Ich will, dass meine Follower wissen, dass sie "real shit" kriegen. Lustigerweise wollen sie manchmal den "real shit" gar nicht haben (lacht), sondern ein Bild oben ohne.

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"Du fühlst dich nackig": Warum Straßenmusik die ehrlichste Musikform ist

NOIZZ: Für dich ist Musik unheimlich persönliches. Deine Familie ist sehr musikalisch, außerdem bist du mit Musik aus verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Wie beeinflussen diese Erfahrung deine Musik?

Daniel: Meine Oma war meine erste Klavierlehrerin. Mein Vater hat, als ich Kind war, immer Jamiroquai gehört und war voll der Gospel-Fan. Und meine Mama hat immer russische Musik gehört. Police und Queen liefen bei uns ständig. Außerdem waren bei uns zu Hause oft russische Partys von den ganzen russischen Einwanderern. Dann waren wir plötzlich in Israel, und ich habe orientalische Klänge gehört. Diese Erfahrungen haben mir total die Freiheit gegeben, weil ich mich in keiner dieser Musikkulturen irgendwie fremd fühle. Ich habe mich auch bewusst entschlossen, Genre-frei zu bleiben, ohne Label zu arbeiten, weil ich genau die Musik machen wollte, wie sie jetzt ist. Es ist eine Veränderung zu der Musik, die ich letztes Jahr gemachte habe. Aber ohne künstlerische Weiterentwicklung kommt kreativer Tod.

>> So war der NOIZZ-Street-Gig mit "Sankt Maik"-Star Daniel Donskoy

NOIZZ: Du hast mit Straßenmusik angefangen und letztes Jahr zusammen mit NOIZZ einen Street-Gig in Berlin veranstaltet. Was gefällt dir an Straßenmusik und wie schränkt Corona die derzeitige Straßenmusik-Szene ein?

Daniel: Vor zwei Wochen war ich in einer Fußgängerzone in Gloucestershire. Ich hatte seit Monaten keine Straßenmusik mehr gehört, weil in Deutschland gefühlt irgendwie keiner mehr auf der Straße spielt. Aber dort in Gloucestershire war ein etwa fünfzehnjähriger rothaariger Junge, der einfach Adele geballert hat. Das war so krass, mir sind wirklich fast die Tränen gekommen. Auf der Straße singen, ist einfach das Ehrlichste, was du machen kannst. Du fühlst dich nackig: Du stellst dich da hin und singst für Leute, die dich eigentlich gar nicht hören wollen. Du kannst sie aber auf deine Seite kriegen, es ist eben wie ein Spiel. Es ist der beste Weg, um rauszufinden, ob deine Musik Leute berührt. Wenn du hundertprozentig ehrliche Emotionen in deine Performance gibst, wirst du Menschen erreichen.

  • Quelle:
  • NOIZZ