In Deutschland läuft der Film unter dem Titel "Mignonnes". Darin wird die Geschichte der 11-jährigen Amy aus dem Senegal erzählt, die sich einer Tanzgruppe in Paris anschließt. Kritiker*innen finden, der Film verharmlose die Sexualisierung von Kindern, Verschwörungstheoretiker glauben, Netflix will Kinder manipulieren.

Wir leben in wirklich seltsamen Zeiten. Sie sind so seltsam, dass ein eigentlich fesselnd erzähltes Coming-of-Age-Drama, das den Konflikt unserer oft hypersexualisierten Gesellschaft erzählt, missbraucht wird, um Verschwörungstheoretiker*innen eine Bühne zu geben. Es geht um den Film "Cuties". Schon im Januar lief der Streifen von Maïmouna Doucourén unter dem Originaltitel "Mignonnes" auf dem renommierten Sundance Festival. Am 19. August kam er in die französischen Kinos, seit Anfang September ist er zum Streamen auf Netflix verfügbar.

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Die Story von "Cuties", zu deutsch "Die Süßen", ist schnell erzählt: Die 11-jährige Amy ist mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder gerade erst aus ihrer Heimat im Senegal nach Paris gezogen. Ziemlich viel Veränderung und Culture-Clash für ein pubertierendes Mädchen – fast schon vorprogrammiert, dass Amy gegen ihre konservativen Familientraditionen rebelliert.

Sie findet neue Freundinnen in einer freigeistigen Tanzgruppe, von der sie sehr fasziniert ist. Ihre neue Clique ist, nun ja, sagen wir es mal so: ziemlich weit für ihr Alter und schon verdammt sexualisiert. Sie tragen knappe, enge Outfits, schminken sich und betonen alle weiblichen Attribute, die ein Früh-Teenager-Body haben kann. Das führt natürlich zum Konflikt mit dem Weltbild von Amys Mutter, die im Senegal groß geworden ist.

Hier gibt es den Trailer zu "Cuties":

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Wer nach dem Trailer einen mutigen Film erwartet, der zeigt, wie man sich fühlt, wenn man zwischen zwei extremen Kulturen lebt, ist wohl ein Schritt weiter als viele im Netz. Auf Social Media verbreitete sich, kurz nach dem der Trailer zu "Cuties" veröffentlicht wurde, ein regelrechter Shitstorm. Der Film lebe vor, dass es okay sei, wenn Kinder sich schon in jungen Jahren sexy anziehen und sich so auch zu einem Sexobjekt machen würden. Netflix heizte die Debatte an, indem es mit einem Filmplakat-Motiv warb, dass die Hauptdarsteller*innen, drei Mädchen, stark geschminkt mit engen Outfits und Shoppingtüten zeigte. In der Türkei wurde der Film verboten.

Einige User*innen fanden in dem Film der Regisseurin Maïmouna Doucouré das Futter für eine tolle Verschwörungstheorie: Der Streamingdienst Netflix nutze Streifen wie "Cuties" dazu, um Kinder zu indoktrinieren, sich möglichst sexuell freizügig zu geben und so Kinderpornografie gesellschaftsfähig zu machen. Ein Skandal! Unter dem Hashtag "#SaveTheChildren" – übrigens auch der Name einer seit 1919 weltweit agierenden Hilfsorganisation – verbreitete sich der Unsinn auf Twitter, Instagram und Co.

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Auch Fox News macht mit bei der Verschwörungstheorie gegen Netflix

Insbesondere konservative US-Nutzer*innen fühlten sich durch den französischen Film angegriffen und empörten sich. Sie rufen dazu auf, Netflix zu boykottieren. Um noch einen drauf zu setzen, starteten sie eine virale Kampagne, um auf Filmbewertunsgportalen wie "Rotten Tomatoes", "Internet Movie Data Base" oder Google den Film möglichst wenig gute Kritiken zukommen zu lassen.

Auch der Trumps Lieblings-Fernsehsender "Fox News" steigt drauf ein und sendet einfach mal live die Einordnung von Moderator Tammy Bruce, dass sich Jeffrey Epstein vielleicht gar nicht umgebracht habe, sondern als Netflix-Berater arbeite.

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Aber damit nicht genug, die "Cuties"-Gegner haben sogar eine offizielle Petition gestartet, die fordert, dass Netflix den Film aus dem Programm nimmt. Um ihre Betonung zu unterstreichen, wollen die mehr als 600.000 Unterzeichner dieser absurden Petition ihr Netflix-Abo beenden. Okay, sollen sie doch. Ihr Problem.

Ende vergangener Woche, als der Film neu auf Netflix war, trendete der Hashtag "#CancelNetflix" auf Platz eins bei Twitter in den USA. Viele Tweets zeigten eine Tanzszene, in der Amy und ihre Freundinnen eine sexy Show-Choreo aufführen in türkisschimmernden Kostümen, einem Zweiteiler aus kurzen, engen Shorts und schulterfreien Croptop, dazu ein aufwendiges Make-up.

Das Problem: Die Verschwörungstheoretiker*innen zeigten nur den Ausschnitt der Szene, der die Mädchen eben so zeigte, wie sie sich selber sehen wollten: sexy und schon erwachsen wie ihre Vorbilder aus der Popkultur. Was die Verschwörungs-Anhänger*innen nicht zeigten: den Kontext der Szene. Während der Choreografie hört Amy plötzlich auf zu tanzen und bricht in Tränen aus. Sie rennt von der Bühne und geht nach Hause zu ihrer Mutter, der sie sich in die Arme wirft.

Sexualisierung von Kindern? Netflix verteidigt sich

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Netflix musste auf die ziemlich verdrehte Debatte über das eigentlich toll erzählte Coming-of-Age-Drama reagieren und drehte ein Interview mit Regisseurin Maïmouna Doucourés, das auf YouTube veröffentlicht wurde. Darin erklärt die französische Filmemacherin, die selbst aus dem Senegal stammt und deren eigenes Leben zwischen zwei Kulturräumen den Film maßgeblich inspiriert hat, warum sie "Cuties" gedreht habe.

Darin entschuldigt sich Netflix dafür, dass der Film eventuell für Irritationen gesorgt habe. Inzwischen läuft der Film in den USA nur in Begleitung dieses einordnenden Kommentars – was schon ziemlich absurd wirkt. Haben wir verlernt, nachzudenken? Viel mehr verwundert es doch, dass außer Amys Mutter alle anderen Erziehungsberechtigten in dem Film anscheinend null Interesse daran haben, was ihre Töchter so in der Freizeit treiben oder sie sogar noch in ihrem sexy Look unterstützen. Darüber diskutieren die #pizzagate-Anhänger allerdings nicht. In dem Interview sagt Doucouré:

Amy sucht durch ihr hyper-sexuelles Verhalten die Freiheit. Aber ist das echte Freiheit? Speziell für ein Kind? Natürlich nicht.

Diesen Kontrast zeigt der Film, ja sogar der Trailer, schon ziemlich eindeutig. Natürlich werden Amy und ihre neuen Freundinnen manchmal auf unerträgliche Weise viel zu erwachsen und sexy in Szene gesetzt. Aber genau dieses unangenehme Gefühl will der Film auch erreichen. Doucouré Klarstellung ist eigentlich überflüssig und nimmt diesem Kunstwerk sogar ein bisschen von seiner Kraft, die es eigentlich entfalten kann.

"Cuties" beziehungsweise "Mignonnes" ist seit dem 9. September auf Netflix verfügbar.

Quelle: Noizz.de