Der Vierteiler liegt seit einigen Tagen in der Mediathek herum.

Seit Jahren fragen wir Deutschen uns: Warum schaffen die Dänen es, so verdammt gute TV-Serien zu machen und wir nicht? Und bei jeder neuen deutschen Serie hoffen wir, dass es diesmal was wird.

Dass dies grundsätzlich möglich ist, haben in der Vergangenheit Serien wie „Im Angesicht des Verbrechens“ und – zugegebenermaßen in enger Zusammenarbeit mit dänischen Fernsehleuten – „The Team“ gezeigt. Und auch gegenwärtige Produktionen lassen hoffen: Mit den beiden Berlin-Knallern „4 Blocks“ und „Babylon Berlin“ erscheinen im Pay-TV gerade Machwerke, die sich international nicht zu verstecken brauchen.

[Mehr dazu: Mit „4 Blocks“ kriegen wir endlich eine TV-Serie über Araber-Clans in Neukölln]

Vor einer Woche startete im Ersten wieder eine Mini-Serie, von der es im Vorfeld leicht nervös hieß: Das könnte das nächste (wenigstens ein bisschen) große deutsche Fernseh-Ding werden – „Das Verschwinden“ von Heimatfilmer Hans-Christian Schmid (ab jetzt in der ARD-Mediathek abrufbar).

Die eine Hauptrolle spielt darin Julia Jentsch, die andere die Droge Crystal Meth, die nicht zuletzt durch die amerikanische Kult-Serie „Breaking Bad“ bekannt geworden ist. Gar nicht so unschlau, positioniert man sich so doch zumindest thematisch in Netflix-Nachbarschaft. Ob das junge Zuschauer schon überzeugt, jeden Monat 17,50 Euro GEZ-Gebühren zu zahlen? (Ein Netflix-Abo kostet derzeit 7,99 Euro pro Monat.)

Vorneweg: Die Antwort fällt mehrdeutig aus.

Was den Plot angeht, ist „Das Verschwinden“ schon allein durch das Thema Crystal Meth auf die ostbayerische Provinz festgelegt. Die Substanz erreicht Deutschland großteils aus Tschechien – nicht umsonst hat die Uni-Stadt Bayreuth in Druffi-Kreisen den Namen „Kristall-City“, und das Fichtelgebirge heißt auch „Crystalgebirge“.

Jene Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, in der die Story spielt, orientiert sich eher an David Lynchs legendärer Serie „Twin Peaks“ und hört auf den Namen Forstenau.

Dort wollen drei gerade erwachsen gewordene Frauen jene Teufelsdroge nicht mehr nur beim Feiern konsumieren, sondern auch im großen Stil verkaufen. Und schon nimmt das Drama seinen Lauf.

Eines der Mädchen, Janine Grabowski (Elisa Schlott), verschwindet über Nacht. Und ihre Mutter Michelle (Julia Jentsch) fängt an, sie verzweifelt überall zu suchen. Die Serie nutzt die Gelegenheit, um dabei ihrerseits einen Blick in die betroffenen Familien und die Kleinstadtverhältnisse zu werfen. Und plötzlich geht's gar nicht mehr so sehr um Drogen und eine junge verschwundene Frau, sondern um Lügen und Abhängigkeiten.

Und das macht die Serie ziemlich gut.

Wer je in einer Kleinstadt gelebt hat, wird das meiste wiedererkennen. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die zwar miteinander verkehren, aber gänzlich andere Leben führen – definiert durch feine Unterschiede. Den Filz, die kurzen Dienstwege. Die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit – selbst gegen den einzigen Dönermann im Ort. Taten, die niemals verjähren.

Aber kaum hat man sich beim Gedanken ertappt „Boah, gar nicht mal so schlecht!“, fangen die Menschen miteinander an zu sprechen, wie Menschen einfach nicht miteinander sprechen. Sind Szenen klischeehaft und unrealistisch. Wird übererzählt, damit auch bloß kein einziger Zuschauer eine Situation missversteht – schließlich haben ja alle GEZ gezahlt und also ein Anrecht aufs Verstehen.

Summa summarum: Auch diese deutsche Mini-Serie wird den Mief des „Tatort“ nicht los.

Dennoch. Sie ist nicht schlecht und zeigt einen Trend, den DIE ZEIT kürzlich auch in der Literatur ausgemacht hat: Die Provinz rückt ins Zentrum – auch wenn „4 Blocks“ und „Babylon Berlin“ diese These wuchtig konterkarieren. Aber irgendwie scheint uns die Pampa zur Zeit die deutschen Probleme besser zu zeigen als die internationale Großstadt – ein Satz, der CDU-Mann und Hipster-Hasser Jens Spahn gefallen würde.

Nur das Ende von „Das Verschwinden“ enttäuscht. Nach 6-stündigem Bingewatching kommt es ein wenig lapidar daher. Immerhin hätte man es so nicht erwartet.

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Die vier 90-minütigen Folgen von „Das Verschwinden“ findest du in der ARD-Mediathek.

Quelle: Noizz.de