Die Zahl der Corona-Pornos und Suchanfragen nach Begriffen wie "Covid" nimmt auf Pornoportalen immer weiter zu. Wir haben einen Sexualtherapeuten gefragt, warum zur Hölle Leute gerade so auf Corona-Pornos abfahren.

Regel 34 des Internets: "Alles, was existiert, findet sich auch in Pornos wieder. Wenn es noch keine Pornos dazu gibt, dann wird es in Zukunft welche geben." Man hätte glauben können, dass diese Regel beim Coronavirus ihre Grenzen findet – dann hätte man mit dem Glauben aber ziemlich falschgelegen. Denn auf Pornhub, xHamster und Co. stapeln sich die Kuriositäten bereits: Darsteller mit Mundschutz, in kompletten Schutzanzügen, 'Patienten' im Krankenkittel und Quarantäne-Szenarien. Glaubt ihr nicht? Überzeugt euch selbst (Dieser Link ist Ü18 und NSFW!). Damit bleibt "Rule 34" selbst ihre eigene Ausnahme.

Neue "Pornhub"-Statistiken zeigen, dass Suchanfragen mit "Coronavirus" und "Corona-Virus" am 25. Januar zuerst auftauchten und seitdem immer beliebter wurden. In den letzten 30 Tagen wurden mehr als 9,1 Millionen Suchanfragen registriert, die entweder "Corona" oder "Covid" enthielten. Am häufigsten wurde nach diesen Begriffen am 5. März gesucht – und zwar 1,5 Millionen mal. Uff.

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Was ist da los? Corona-Pornos ganz nach dem Motto: Wenn schon Social-Distancing, dann muss man sich selbst eben ganz nahekommen? Wir wollten es genau wissen und haben bei Sexualtherapeut Dr. Michael Petery nachgefragt.

Sexualtherapeut Dr. Michael Petery zu der Beliebtheit von Corona-Pornos

NOIZZ: Wie kann die wachsende Beliebtheit von Corona-Pornos psychologisch erklärt werden?

Dr. Michael Petery: Worum es in solchen Pornos geht, ist das Spiel mit der Angst. Wir alle wissen nicht, was uns mit Corona noch erwartet. Und natürlich ist die Angst vor dem Tod das Maximale, was es an Angst überhaupt gibt. Da liegt dann auch die Nähe zur Sexualität. Ein sehr starkes Gefühl kann auch ein anderes triggern. Die SM-Szene kennt das schon lange. Und jede Domina versteht es, Gefühle von Angst oder Scham zur Steigerung der Lust ihrer Klienten einzusetzen.

Ob das bei Corona-Pornos mit Atemmasken wirklich funktioniert, ist eine andere Frage. Ich persönlich finde, das entwickelt eher eine Art von unfreiwilliger Komik, wenn sich Leute in grotesk aufgeblähten Schutzanzügen vögeln. Aber es ist ja auch mal ganz befreiend, in diesen Zeiten über Corona lachen zu können. Lachen kann ja ein hervorragendes Mittel sein, um mit eigenen Ängsten umzugehen.

NOIZZ: Gibt es tatsächlich Menschen, die einen Fetisch für Krankheiten haben?

Petery: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Aber ich denke, es gibt doch nur sehr wenige Menschen, die tatsächlich durch eine Schniefnase und einen Hustenanfall erregt werden. Auch im Bereich des Klinik- und Latexschwestern-Sex werden kaum jemals konkrete Krankheiten gezeigt. Da geht es doch viel mehr um Gefühle von Macht und Ohnmacht, um Verführung und um Umsorgtwerden.

NOIZZ: Werden Menschen, die diese Pornos konsumieren, in der Realität auch von Mundschutz und Co. oder gar Kranken sexuell angezogen?

Petery: Mit Sicherheit nicht. Die Welt der Pornografie ist eine Traumwelt für Erwachsene - und auch Horrorträume gehören manchmal dazu. Ein psychisch gesunder Pornokonsument weiß, dass das nicht die Wirklichkeit ist. Aber das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Schließlich will auch nicht jeder Zuschauer, der sich im Kino einen Kriegsfilm anschaut, am liebsten sofort eingezogen und aufs Schlachtfeld geschickt werden.

NOIZZ: Kann es sein, dass Menschen diese Fantasie in irgendeiner Form real ausleben – oder von diesen Pornos jetzt dazu inspiriert werden?

Petery: Kann schon sein, dass das vorkommt. Und wenn es den Leuten Spaß macht: Warum auch nicht? Ich denke, dass es auf Dauer allerdings durchaus interessantere Fantasien gibt.

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NOIZZ: Welche positiven aber auch negativen Auswirkungen kann der Konsum dieser Pornos haben? Einige Produzenten behaupten beispielsweise, sie würden mit den Pornos Aufklärungsarbeit betreiben.

Petery: Naja, den Aufklärungswert in Bezug auf die Krankheit würde ich eher weniger hoch ansetzen. Die eigentlichen Probleme, mit denen Leute in diesen Tagen in meine Praxis für Sexualtherapie kommen, liegen nicht im Fetischbereich. Da geht es viel eher darum, dass sich die Corona-Angst insgesamt als Schatten auf das Privatleben legt. Ich denke, das Thema Depression ist derzeit weit aktueller als das Thema ungewöhnliche Fetische.

Negative Wirkung könnten solche Pornos insbesondere für Menschen haben, bei denen sich im Kopf ohnehin schon alles um innere Ängste dreht. Da wäre es deutlich besser, sich wenigsten beim Pornokonsum den Genuss nicht durch Corona-Angst verderben zu lassen.

NOIZZ: Ist es ungewöhnlich, dass sich derart weitreichende Ereignisse in den sexuellen Fantasien der Menschen widerspiegeln?

Petery: Absolut nicht. In die Sexualität fließen alle Erlebnisse ein, die uns besonders beschäftigen. Und wahrscheinlich gibt es tatsächlich so etwas wie 'Sex in den Zeiten des Corona-Virus'. Aber wenn ich ein solches Buch schreiben würde, dann wird es wahrscheinlich weniger um Fetische gehen, sondern mehr um Lebensfreude und Lebensangst, um die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu sexuellem Genuss überhaupt.

NOIZZ: Viele der Corona-Pornos wurden mit asiatischen Darstellern gedreht. Wieso bedient man sich in Pornos so gerne an Klischees?

Petery: Das ist wohl etwas ziemlich Menschliches. Ängste funktionieren immer am besten mit Klischeevorstellungen. Und wer einen Coronaporno dreht, will ja schockieren.

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Quelle: Noizz.de