Disney wollte, dass ich „Chaos im Netz“ synchronisiere – ich scheiterte an einem Räusperer

Manuel Lorenz

Editorial Director NOIZZ
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Im neuen Kinofilm „Chaos im Netz“ könnt ihr mich ab jetzt trotzdem hören.

Nennt mich spießig, aber ich bin kein Trickfilm-Fan. Klar habe ich als Kind und Jugendlicher von Disneys Dschungelbuch über Toy Story hin zu Serien wie Looney Tunes und Simpsons alles geschaut, was im Fernseher so lief. Aber als ich mein Abi-Zeugnis in den Händen hielt, dachte ich: Jetzt bin ich erwachsen. Und dazu gehörte für mich, keine Basecaps mehr zu tragen – und keine Trickfilme mehr zu schauen.

(Ja, ich kenne Jesu Worte, dass wir nicht ins Himmelreich kommen, wenn wir nicht so werden wie die Kinder. Aber erstens sind die Höllenbewohner eh viel spannender; und zweitens steht genauso in der Bibel, dass alles seine Zeit hat. Und für mich war die Zeit der Basecaps und Trickfilme eben meine Kindheit und Jugend. Ausnahmen bestätigen die Regel ...)

Natürlich bin ich trotz meiner Trickfilm-Aversion weich geworden wie Pu der Bär, als Disney mich per E-Mail fragte, ob ich in der deutschen Fassung des Animationsfilms Chaos im Netz mitmachen will – zusammen mit anderen Journalisten als Synchronstimme in ein paar Gruppenszenen. Ich fand den Titel doof, wusste vom Vorgänger nichts (Ralph reichts – ja, ohne Apostroph), fühlte mich aber dermaßen geschmeichelt, ausgewählt worden zu sein, dass ich prompt zusagte.

(Ehrlich gesagt träumte ich sofort von einer Synchronsprechkarriere, vergaß augenblicklich das Wort „Gruppenszenen“, malte mir aus, wie ich vors Mikrofon treten und glorreich brillieren würde. Ich dachte, mein Augenblick sei endlich gekommen.)

Ich recherchierte. Ralph reichts, der Vorgänger von Chaos im Netz, klang eigentlich nach einem coolen Film. Es geht darin um die Videospielfigur Randale-Ralph, einen Bösewicht aus dem fiktiven 8-Bit-Arcade-Game Fix-It Felix Jr. Er erlebt Abenteuer in allerlei Computerspielen, trifft Prinzessin Vanellope und ... wenn der Arcade-Automat nicht kaputt gegangen ist, dann leben sie dort wohl noch heute. Also irgendwie so was wie alle Nintendo-Spiele einmal in den Thermomix und Animationssoße drüber. Das catchte mich als alten Konsolen-Jockey, der ich als Teenie war, natürlich instantly.

In Chaos im Netz kriegt der Arcade-Automat, in dem Randale-Ralph und Vanellope leben, Internet-Anschluss, was für die beiden dasselbe bedeutet wie für Nordkoreaner ein Around-the-World-Ticket. Sprich: Explosive Horizonterweiterung. Amazon, Google, Dropbox und Co. (Im Film heißen die Online-Riesen Amazing, Gügle, Bunkbox et cetera.) Die beiden treffen aufs halbe Disneyland – und da mittlerweile fast alles zu Disney gehört, treffen sie auf so gut wie alles: auf Marvel-Superhelden, Star-Wars-Figuren und – eine der lustigsten Stellen des Films – insgesamt 13 Prinzessinnen.

Das alles sollte ich jetzt also synchronisieren.

Denn: Während ich vor mich hin recherchierte, vergaß ich gänzlich, dass es bei der Synchronisierung immer noch um Gruppenszenen ging. In meiner Wahrnehmung war ich schon zum einzigen Synchronsprecher des gesamten Films avanciert.

Ein Monat später im ehrwürdigen Tonstudio Film & Fernseh Synchron im alten West-Berlin. Hier werden ständig große Filme verdeutscht – aktuell zum Beispiel Creed II und Glass. Im Studio C angekommen, merke ich schnell, dass ich nicht alleine bin. Mehr als ein Dutzend weitere Kollegen sind zu dem Termin gekommen. Ein Potpourri der Medienmarken. Pro7 ist da, der RBB, die Nerd-Plattform IGN, Microsoft News, ein YouTuber – und ich.

Ich (rechts) mit Journalisten-Kollegen von IGN und Microsoft News Foto: Noizz.de

Bevor es losgeht, erklärt der Regisseur, welche Wörter wir nicht benutzen dürfen: „Gott“, „Teufel“, „Scheiße, „Fuck“. Chaos im Netz ist nämlich ja eine US-Produktion. Und das Land, das Anstoß nimmt an Nippeln antiker Statuen, findet es natürlich eher unlustig, wenn in einem potentiellen Kinderfilm getrashtalkt wird wie auf der Rütli-Schule. Wobei klassisches Fluchen – wie sich zeigen wird – für uns das geringste Problem darstellt. Die größere Herausforderung ist es, auch nur einen einzigen Take aufzunehmen, ohne dass irgendwem ein „Oh, Gott!“ rausrutscht.

Aber der Reihe nach.

Wir werden in zwei Sechser-Gruppen aufgeteilt – immer Frauen und Männer gemischt. Dann wird uns die Szene erklärt, die es zu synchronisieren gilt, sie wird uns auf dem Flatscreen gezeigt, und schon geht’s los. Was für uns bedeutet: improvisieren! Denn Text existiert für die Gruppenszenen nicht.

Wow! Meistens fällt mir nichts wirklich Gutes ein – ganz im Gegensatz zu meinen Kollegen, die nebenberuflich offenbar an Impro-Theatern angestellt sind. Vor allem der YouTuber ist mega kreativ. Und: Er hat die perfekte Trickfilm-Stimme. Kindisch, überdreht … Er macht das verdammt gut. Besser als ich. Ich bin neidisch. Ich hasse ihn. Mein Traum von der Synchronsprech-Karriere weicht langsam aber sicher der harten Wirklichkeit.

Der Regisseur sagt: „Jetzt passiert gleich etwas Großes. Ihr fragt euch, was es wohl sein könnte.“ Ich ringe nach Worten. In meinem Kopf herrscht Leere. In einer anderen Szene imitieren wir Torjubel. „Jaaaaaaa!“ Selbst das scheint mir nicht so recht zu gelingen. Zum Glück bemerkt niemand meine Unfähigkeit.

So sehen unsere Gruppenaufnahmen aus – ich (vorne links) mache gute Miene zum bösen Spiel Foto: Noizz.de

Pause. Vor dem Studio C der FFS sitzt ein Profi-Synchronsprecher. Er wartet darauf, dass er rankommt. Für welchen Film, verrät er nicht. Er sieht aus wie Mike Ehrmantraut aus Breaking Bad und hat eine göttlich verruchte Stimme. Wir fragen ihn aus. Wir sind leicht zu beeindrucken. Er muss nur zwei TV-Serien nennen, in dem seine Stimme zu hören ist – Game of Thrones und House of Cards –, und schon sind wir alle aus dem Häuschen.

Und dann dürfen wir doch noch eine Einzelszene einsprechen. Wobei das Wort „Einzel“ schon darauf hinweist, dass von „wir“ nicht die Rede sein kann. Der Regisseur spricht die Männer an: „Wer will?“ Ich! Ich! Endlich! Die Chance! Aber der YouTuber ist schneller, ist lauter, sagt mit seiner Trickfilm-Stimme „Ich!“ und steht schon vor dem Mikrofon. Es geht darum, peinlich berührt zu hüsteln, und zwar in Form eines Trippel-Räusperers. Er probiert es einmal, er probiert es zweimal, aber punktet mit seinem Räusperer nicht. Ich triumphiere. Lauere. Bin wieder zu langsam. Ein anderer Typ ist vor mir dran. Aber auch er enttäuscht den Regisseur.

Jetzt ich. Jetzt ist mein Augenblick gekommen. Ich hab früher in Bands gesungen, ich hab eine gute Stimme, weiß es, bin vor dem Mikro, vor Publikum, sicher. Ich werde den Räusperer des Jahrhunderts produzieren. So einen Räusperer hat die Welt noch nicht gehört.

Hier geht's gleich um alles Foto: Noizz.de

Alles ist plötzlich mucksmäuschenstill. Es ist, als ob alle Hoffnung auf mir liegt, als ob mit meinem Räuspern der Trickfilm steht und fällt. Mein Puls geht schneller, ich werde nervös. Wie albern. Hier geht’s doch um nichts. Oder doch?

Der erste Versuch ist ein Rohrkrepierer. Er verheddert sich zwischen Rachen und Gaumen. „Okay, noch mal“, sag ich nonchalant. Jetzt weiß ich, wie’s geht. Jetzt wird’s funktionieren.

Der zweite Versuch – ich hüstel perfekt. Ich merk's schon, während ich Rachen-Gas geb'. Yes! Treffer! Was für ein Gefühl. Wie ein gestandener 360 Kickflip. „Genau so! Aber wir waren noch nicht live“, sagt der Regisseur, und ich sterbe innerlich. Scheiße. Den Anpfiff nicht abgewartet. Mein Fehler. Ob ich das noch mal hinbekomm’?

Der letzte Versuch. Ich fühle mich wie Bastian Schweinsteiger beim Champions-League-Finale 2012. Wenn mein Elfmeter reingeht, geht's weiter. Wenn nicht, haben wir alle verloren. Ich denke mir: Einfach nicht nachdenken.

Natürlich verkack’ ich’s. Wie lächerlich. Und futsch ist meine Synchronsprech-Karriere.

Den Film schau ich mir trotzdem an. Eine Szene ist mir nämlich dennoch gelungen. Es ist abends, die Videospielfiguren gehen nachhause. Stimmengewirr. „Wartet auf mich!“, fleht eine von ihnen. Es klingt gut, wie ein „Wartet auf mich!“ zu klingen hat. Falls ihr euch Chaos im Netz anschaut und in einer Gruppenszene ein „Wartet auf mich!“ hört: Das „Wartet auf mich!“ bin tatsächlich ich. 

Quelle: Noizz.de

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