Gib uns Stefan Raab und Harald Schmidt zurück, deutsches Fernsehen!

Klaas Heufer-Umlauf tanzt sich durch eine futuristische Mischung aus Steinbruch, Raumschiff und Spielplatz, im Hintergrund tönt ein Mix aus Funk und Jazz – nach vielen Trailern macht der Vorspann zum neuen Experiment, das in wenigen Sekunden bei ProSieben startet, richtig Lust auf einen Abend vor dem Fernseher. Gleich wird Moderator und ProSieben-Stammwitzbold Klaas Heufer-Umlauf seine Zuschauer zur ersten Ausgabe von "Late Night Berlin" begrüßen.

Ich erwarte einen motivierten Sprung auf die Bühne, reißende Musik einer Studioband und einen präsenten Moderator der vor Begeisterung nur so sprüht. Stattdessen bekomme ich einen nervösen Klaas, der nach großem Applaus mit einem stöhenden "Ich kann nicht mehr!" in die Knie geht. Klar, dieser Auftritt ist Kalkül – doch es nimmt der Sendung den Schwung und die Energie, die eine Late-Night-Show von der ersten Sekunde an braucht. Mich durch die Sendung zu kämpfen fällt mir fortan schwer – für NOIZZ habe ich trotzdem versucht wach zu bleiben. Ob ich den knapp einstündigen Kampf gegen die Sendung gewonnen oder verloren habe, verrate ich euch jetzt!

Das Stand Up

Wer sich von der Eröffnung der Show einen knackigen Ritt durch die Politik- oder Fernsehlandschaft erhofft, wird bitter enttäuscht. Klaas gelingt es bei Weitem nicht, an die Qualitäten möglicher Vorbilder wie Stefan Raab, Harald Schmidt oder US-Talkstars wie David Letterman, Jimmy Fallon oder Jimmy Kimmel heranzureichen.

Das liegt vor allem am Feuerwerk der schlechten Witze die er abfeuert. Beispiel gefällig? Wenn sich Kim Jong Un und Donald Trump treffen, nennt der Friseur das "Bad Hair Day". Doch Trump müsse sich keine Sorgen vor einer Reise nach Nordkorea machen: Dort werde "beim ersten Date nicht geknallt". Diese Gags kommen aus der untersten Schreibtisch-Schublade eines unmotivierten Autoren und dass sich beide Staatschefs treffen wollen, wurde schon vor Tagen angekündigt.

Dass Late-Night-Shows am Montag eine Herausforderung sind, ist klar. Wenig News am Wochenende, trotzdem muss man aktuell bleiben. Doch dass sich Klaas dann minutenlang über eine RTL-Sendung lustig macht, die mittlerweile über eine Woche zurückliegt, strotzt vor Langeweilige.

Zu den schlechten Witzen kommen Kleinigkeiten, die mich besonders stören. Ganz gefährlich: Der Blick auf den Schreibtisch. Hier wabbern auf einem Display kontinuierlich Buchstaben über psychadelische Muster umher und lenken von allem ab, was sich außer dem Schreibtisch durch die Sendung bewegt.

Das Labyrinth der Macht

Das "Labyrinth der Macht" ist dann der erste große Einspielfilm der Sendung: Eine zweiteilige Nacherzählung der GroKo-Verhandlungen. Wenig politikbegeisterte Menschen vermuten, was Merkel, Schulz und Co. am Verhandlungstisch besprochen haben. Das wird dann lippensynchron von Schauspielern mit mäßigen Verkleidungen nachgestellt – und das dauert. Minutenlang quäle ich mich durch die mäßigen Sprüche und denke an "Circus Halligalli" zurück, wo es dieses Format schon einmal gab – allerdings in lustig!

Höhepunkte hat das Filmchen nur dann, wenn Henz Strunk Bundespräsident Steinmeier gibt, sich das Hemd aufreißt und ein Shirt mit dem Schriftzug "Ich bin der Boss" trägt oder sich Juso-Chef Kevin Kühnert kurzerhand selbst spielt. Doch diese kleinen Lichtblicke reichen nicht, um das Format zu tragen.

Die Gäste

Als ersten Gast hat sich Klaas ausgerechnet eine Talk-Kollegin ausgesucht: Die ARD-Sonntagstalkerin Anne Will. Während Stefan Raab stets munter mit seinen Gästen drauf losquatschte, hat Klaas tatsächlich Fragen vorbereitet. Anne Will soll erzählt haben, warum sie gerne "Bergdoktor" schaut und warum sie auch mal weinen muss, wenn in der "Tagesschau" unrettbar angespülte Pottwale gezeigt werden, lese ich am Morgen. Doch das interessiert mich so wenig, dass ich nach einer guten halben Stunde wirklich zur Fernbedienung greifen und den großen roten Knopf drücke.

Eine saubere Performance legt dann ohne Zweifel Casper hin, dessen Auftritt ich mir am nächsten Morgen in der Mediathek anschaue. Gemeinsam mit Ahzumjot zeigt er seine Single "Lass sie gehen" auf einer bernsteinfarbenen Bühne, die aussieht als wäre die Fantasie-Welt aus dem Vorspann plötzlich Realtität. Casper hatte schon die letzte Folge der Kult-Show "Circus Halligalli" beendet – nun kehrt er gemeinsam und souverän mit Klaas auf die Bühne zurück.

Der beste Auftritt

Am Meisten beeindruckt aber nach knapp einer Stunde ein anderer Gast – das Enfant Terrible der deutschen Fernsehlandschaft: ZDF-Konkurrent Jan Böhmermann. Er würde niemals eine Late-Night-Show im Privatfernsehen moderieren, erklärt er plötzlich in einer Werbepause zwischen zwei Blöcken der neuen Klaas-Sendung. Der Grund: Die nervige Werbung, die man als Moderator nicht selbst kontrollieren könnte. "Glaubwürdige Satire funktioniert nur ohne Werbung", sagt Böhmermann. Während er die Worte "Da mache ich keine Ausnahme" flötet, schießen um ihn herum unzählige Schilder des Autovermieters SIXT in die Höhe. Das billige Eindringen von Böhmermann ist wohl der größte Scherz des Abends. Danach ist Schluss für mich – den Talk mit Anne Will würge ich ab, mache den Fernseher aus und verabrede mich für den kommenden Montag. Eine "Late Night" in Berlin kann man viel besser verbringen als vor dem Fernseher!

Quelle: Noizz.de