Die "Besondere Helden"-Kampagne der Bundesregierung ist auf geteilte Meinungen gestoßen. Daran hält sich Deutschlands Chef-Satiriker Jan Böhmermann in seiner Parodie jener Clips nicht auf. Er benutzt sie, um ein ganz anderes Problem aufzuzeigen, bei dem er sich von unserer Regierung (und Bevölkerung) offenbar ähnlich großes Engagement wünscht wie beim Kampf gegen die globale Pandemie.

"Ich glaub, das war im Winter 2020, als das ganze Land auf uns schaute", sagt ein circa 70-jähriger Mann, der in einem flauschigen Wohnzimmer in einem Ohrensessel sitzt. Es ist dasselbe Set-up wie in den "Besondere Helden"-Videos der Bundesregierung, die in den vergangenen Tagen auf Social Media die Runde machten und genau so viel Zuspruch wie Kritik bekamen. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

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Der Mann heißt Max Lehmann, wie der Bauchbinde zu entnehmen ist, und er sei 2020 in Chemnitz "im Einsatz" gewesen. Es ist derselbe Nachname wie in einem der Originalvideos, und der betagte Protagonist trägt dieselbe Altherrengarderobe wie jener Lehmann, den er parodiert.

"Ich war gerade 20 geworden und hab in Chemnitz Politik studiert. 20, in dem Alter denkt man an eine Karriere als PR-Berater. Twittern, ein bisschen seine Seele verkaufen, mit Freunden auf Koks-Partys abhängen. Aber das Schicksal hatte andere Pläne mit uns …"

Schon hier erkennt man die gelungene Zuspitzung, die ein wenig näher an die Lebenswirklichkeit – zumindest der Böhmermann-Gucker – heranrückt. Sind wir nicht alle Hedonisten, die lieber sinnentleerten Spaß haben und Bullshit-Jobs machen, als uns um die großen Probleme unserer Gesellschaft oder gar der Menschheit zu kümmern?

Eine Pointe, die uns nicht zum Lachen bringt

Und dann sehen wir in Großaufnahme dasselbe Gesicht wie in der offiziellen Kampagne: ein Retro-Typ mit 80er-Jahre-Brille, die uns einerseits an die Vergangenheit erinnert, andererseits gegenwärtig erscheint.

Es folgen weitere Original-Bilder aus einem der Bundesregierungs-Clips, unterlegt mit der Stimme des alten Mannes, der aber eine ganz andere Geschichte erzählt als die vom Corona-Winter, in dem alle zu Helden wurden, weil sie – ganz Helden-untypisch – zu Hause blieben.

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"Damals flohen jeden Tag Menschen übers Mittelmeer", sagt Max Lehmann unbewegt. "Aus Afrika oder dem Nahen Osten. Viele sind dabei ertrunken. Also fassten wir alle unseren Mut zusammen und taten, was von uns erwartet wurde – das einzig Richtige."

Und spätestens jetzt ahnen wir, welche Wendung der Clip nehmen wird. Denn im weiteren Verlauf hält er sich an das Original-Skript. Nur, dass der Gag, die Pointe, uns in ihrer Umdeutung nicht zum Lachen bringt, sondern ein mulmiges Gefühl hervorruft.

Denn was taten wir laut Max Lehmann angesichts der vielen Menschen, die auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertranken?

Wir taten … nichts. Absolut gar nichts.

Dann erinnert der sympathisch wirkende alte Mann sich weiter: "Unser Verkehrsminister hat sogar Rettungsboote festsetzen lassen, damit niemand mehr gerettet werden konnte." Hintergrund dieser Aussage ist, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im März die Verordnung für die Schifffahrt so änderte, dass Seenotretter jetzt "Sicherheitszeugnisse" für ihre Boote brauchen ("Focus.de" berichtete). Organisationen wie Mare Liberum, Mission Lifeline und Resqship reagierten darauf im Juni mit einem Brandbrief, in dem sie beklagten dass die Neuregelung "zielgenau humanitäre Organisationen treffen soll". Die strengen Sicherheitsanforderungen seien praktisch kaum erfüllbar.

>> Immer noch kein europäischer Deal zur Seenotrettung im Mittelmeer

Max Lehmann fährt fort, untermalt von Helden-hafter Musik: "Richtig viele Menschen sind gestorben damals. Jeden Tag. Jahrelang. Blubb, blubb, blubb."

Geflüchtete bei der Rettung

Und dann wieder die Bilder der Faulenzer-WG: "Und wir? Wir waren faul wie die Waschbären, unser Nichtstun war unsere Waffe. Wissen Sie: Manchmal muss ich ein bisschen schmunzeln, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.“ Und spätestens jetzt dreht es einem den Magen um: "Das war ja nicht unser Schicksal, sondern das von irgendwelchen Wirtschaftsflüchtlingen, die wir gar nicht kannten."

Böhmermann spricht eine ungemütliche Wahrheit aus: Je schlechter wir Menschen kennen, je weiter entfernt sie von uns sind, desto egaler ist uns ihr Leben – ihr Schicksal.

Am Ende die Punchline aus dem Original-Clip, die hier einen ironischen Dreh bekommt: "Wir waren wirklich echte Helden. Damals. Im Jahr 2020."

Seit Anfang des Monats läuft Jan Böhmermanns Sendung "ZDF Magazin Royale" im Hauptprogramm des öffentlich-rechtlichen Senders. Die Reaktionen auf die ersten Ausgaben waren zurückhaltend bis enttäuscht. Zu verkrampft-aktivistisch, ohne die spielerische Leichtigkeit von einst – so der Tenor der Kritik.

Mit diesem Video hat Böhmermann gezeigt, dass er in der Zwischenzeit nichts verlernt hat. Im Gegenteil: Indem er uns – und der Bundesregierung – den Spiegel vorhält und zeigt, dass eines der größten humanitären Probleme der Gegenwart immer noch nicht gelöst ist und man – wir, unsere Regierung – vergleichsweise wenig dagegen tut, findet der Satiriker wieder zu alter Stärke.

Bleibt zu hoffen, dass nicht nur diejenigen den Clip sehen, die sich eh schon für Seenotrettung engagieren. Sondern auch der*die ein*e oder andere Minister*in auf seinem*ihren Dienst-Laptop.

  • Quelle:
  • NOIZZ