Zwischen Abschied, Wandel und Werden.

Die Berlinale 2019 ist vorbei, Festival-Chef Dieter Kosslick verabschiedet, der rote Teppich eingerollt, und wir versuchen, mit unseren mittlerweile quadratischen Augen ein Resümee zu ziehen. Das Schlagwort, das nach all den gesehenen Kinoräumen, den unzähligen Events, verliehenen Preisen und Vorführungen bleibt ist: dazwischen.

Verwirrung und Christian Bale

Grund dafür ist sicherlich das Berlinale-Programm, das alles ein bisschen und gleichzeitig nichts so richtig in den Fokus nahm. Hollywood-Glamour für das Umwerben des Massenpublikums auf der einen Seite, politische Konfrontation und cineastische Subkultur-Auslebung auf der anderen – das sind hochgesteckte Ziele.

Erreicht wurde das meiste eher dürftig: Bei den über 400 gezeigten Filmen scheint am Ende keiner mehr zu wissen, wo eigentlich der Unterschied zwischen den zahlreichen Sektionen genau ist. Oder warum der schon seit zwei Monaten in den USA angelaufene Film Vice außer Konkurrenz ausgezeichnet wurde. Immerhin war er da, der Christian Bale, und brachte ein bisschen Glamour ins Berliner Grau.

Abschied von Kosslick

Die ganze Mehrgleisigkeit des Festivals trägt unverkennbar die Handschrift des heimlichen Protagonisten der diesjährigen Berlinale: Direktor Dieter Kosslick, der nun nach 18 Jahren Schaffen in den Ruhestand geht.

Er war seit 2001 nicht nur das kauzig-liebevolle Gesicht des Filmfestivals, sondern sorgte mit ständigen Sektions- und Programmerweiterungen wie „Perspektive Deutsches Kino“, der „Berlinale Special“ mit dem Programm „Berlinale Series“ sowie der Sonderreihen „Kulinarisches Kino“, „Berlinale Goes Kiez“ und „NATIVe“ auch dafür, dass alle Beteiligten langsam aber stetig den Überblick verloren. Fast so, als würde es auf sein Schaffen Bezug nehmen, war dann auch Kosslicks Endjahr, sagen wir, durchwachsen.

Besonders schön war für ihn sicherlich, dass sein langjähriges, konstantes Bemühen um den deutschen Film auch dieses Jahr wieder Früchte trug: Angela Schanelecs Familiendrama Ich war zuhause, aber…, bei dem es um das plötzliche Ab- und Wiederauftauchen des 13-jährigen Philipp geht, mauserte sich nicht nur relativ schnell zum Kritikerliebling. Entsprechend bekam der Film den silbernen Bären für die beste Regie.

Ebenfalls an eine deutsche Frau ging der „Alfred-Bauer-Preis“, der traditionell neue Perspektiven in der Filmkunst auszeichnet: Nora Fingscheidts Systemsprenger gewann diese Sparte mit ihren Porträt eines 9-jährigen Mädchens, dass durch ihre unkontrollierbaren Aggressionen ihre Mitmenschen aber auch sich selbst immer wieder in die Verzweiflung treibt.

Der Goldene Bär geht nach Israel

Der goldene Bär ging an den Film Synonymes – eine Entscheidung, die das Grundthema des Festivals bestens zusammenfasst. Als erster israelischer Regisseur überhaupt nahm Nadav Lapid den Hauptpreis für sein Drama entgegen, in dem es ebenfalls um das Dazwischen geht. Der Film beschäftigt sich damit, wie es ist wenn man nicht genau weiß, wozu man eigentlich gehört: Protagonist Yoav zieht aus Tel Aviv nach Paris, um ab sofort und radikal echter Franzose zu werden. Der Film ist autobiographisch geprägt und spielt mit der Tatsache, dass Identität und kulturelle Verwurzelung auch in unserer schnelllebigen Welt nicht wie das neue Instagram-Profil beliebig übergestülpt werden können.

Der Knaller fehlte irgendwie

Bei all diesen Errungenschaften wurde der politisch nie um eine klare Haltung verlegenen Kosslick aber ausgerechnet dieses Jahr um seinen großen „Drop the mic“-Moment gebracht: Nach dem bereits eine Woche vor Festivalbeginn der chinesische Jugendfilm Shao nian de ni (Better Days) über ein gemobbtes Schulmädchen abgesagt wurde, musste später auch auf Yi miao zhong (One Second) des preisgekrönten Regisseurs Zhang Yimou verzichtet werden. In beiden Fällen wurde Gesellschaftskritik angekündigt, beide Filme wurden, wer hätte es gedacht, aufgrund von „Problemen in der Post-Production“ abgesagt. Ähm, ja, na klar.

Heimliches Highlight: Leben und Lieben in Berlin

Eher verborgenes, aber deshalb nicht weniger faszinierenden Highlight waren die zahlreichen Filme, die ein Stückchen Zeitgeist der deutschen Hauptstadt einfingen. Da wäre etwa Heute oder morgen von Regisseur Thomas Moritz Helm, der sich mit den Vor- und Nachteilen einer Dreierbeziehung beschäftigt und nebenbei den Sommer in Berlin treffend darstellt wie er ist: Warm, unbeschwert und aufregend. Filme wie Schönheit und Vergänglichkeit und Berlin Bouncer beschäftigt sich auf ganz eigene Weisen mit dem Umgang von Berlins Grundfesten: Party, Techno und Eskapismus. Und nicht zu vergessen Dreissig, der einen Tag die Freuden und Probleme einer Neuköllner Clique porträtiert. In Der Atem sammelt Uli M. Schüppel im Schutz der Nacht die Geschichten von Berliner Existenzen und lässt sie ohne Hast ihre Geschichten von Beziehungen, Enttäuschungen, Angst, Glück und dem Werden erzählen.

Eine Berliner Aufgabe

„Werden“ ist auch ein gutes Stichwort für das, was die neuen Berlinale-Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek für 2020 auf ihre To-do-Liste setzen können: Endlich mal wieder Abspecken und den Mut aufbringen, die Aufmerksamkeit des Publikums sinnvoll zu leiten, das könnten wichtige Ansätze für den Wandel sein. Da darf man aber durchaus hoffnungsvoll sein: Das große Wandeln und Werden war noch nie Berlins Problem.

Quelle: Noizz.de