Bad Bunny ist gerade der Shootingstar der Stunde. Mit seinem neuen Album, das er ohne großen Wirbel einfach veröffentlichte, startet der Reggaeton-Star gerade durch, und das absolut zurecht!

Ich bin ganz ehrlich, Reggaeton ist wirklich nicht so meins. Generell steh ich nicht so auf Genres, die sich auf den immer gleichen Beat beziehen und sich teilweise sogar damit definieren. Dum-Da-Dumtz, Dum-Da-Dumtz, Dum-Da-Dumtz. Na, habt ihr diesen Reggaeton-Dauerbeat auch schon im Ohr?! Da lob ich mit meinen Basic 4/4-Takt der Pop-Musik, der sticht wenigstens nicht so hervor und macht keinen Hehl daraus simpel zu sein. Nun kommt aber Bad Bunny und plötzlich passiert etwas in diesem mir sonst so fremden Genre und hete aqui (et voilà) tänzle ich durch die grauen Berliner Straßen mit absolutem Südsee-Feeling und brutal schlechtem Spanisch auf den Lippen.

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Bad Bunny kombiniert Trap mit der Musik seiner Heimat Puerto Rico und seiner Kindheit

Zu Hause lief Salsa und Merengue und als Reggaeton zunächst sein Heimatland, dann die Welt eroberte und die lateinamerikanischen Klänge in ein Pop-Gewandt hüllte, fand Bad Bunny eben genau darin seine musikalische Sprache. Seine Helden waren Daddy Yankee, Wisin & Yandel, Calle 13 und Tego Calderón. Leider war das mit dem Genre ein zwiegespaltenes Ding. Denn schnell wurde der recht eng gesteckte musikalische Rahmen ausgereizt und es entstand ein Erfolgsrezept, das auch dazu führte, dass Reggaeton selbst bei den Latin Grammy’s immer sehr unterrepräsentiert ist und in seiner eigenen Szene verharrt.

Zeitgeist und Tradition

Jeden Sommer dudelte ein neuer ach-so-südamerikaischer Hit rauf und runter und vernachlässigte sowohl Tradition, als auch Zeitgeist. Bad Bunny beruft sich auf beides, und unterfüttert den Beat, der dieses Genre maßgeblich charakterisiert, mit neuen Methoden, psychedelischen Synthies und Autotune. Damit trifft er einen Nerv und zwar nicht nur in Puerto Rico, wo das Genre entstand und worauf er sich auch in vielen seiner spanischen Lyrics bezieht. Innerhalb kürzester Zeit hat der junge Puertoricaner das Internet auf seiner Seite. In einem absoluten Kanye-Move veröffentlicht er ohne jegliche Promo und Ankündigungswelle sein Debüt.

Vor zwei Wochen erschien auf ähnliche Weise sein neues, zweites Solo-Album. Spätestens, nachdem er an der Seite von Shakira in der Super-Bowl-Halbzeit-Show auftrat, ist ihm die Aufmerksamkeit garantiert und so landete die LP prompt auf dem zweiten Platz der Billboard-Charts, womit er Rekorde der lateinamerikanischen Musikgeschichte brach.

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Das Album "YHLQMDLG", was für "Ich tue, was immer ich will" steht, umfasst ganze 20 Songs auf denen Bad Bunny sogar ein bisschen mehr auf die Wurzeln des Reggaetons eingeht und mit einer langsamen Merengue-Nummer startet, die erst mal auf den charakteristischen Beat verzichtet. Der Song "Si Veo a Tu Mamá" macht vor, was das ganze Album weiter ausbaut: Bad Bunny verlässt sich nicht auf catchy Refrains. Gute Klubmusik war der Anfang und nun wird mit melancholischen, saftigen Synthesizern nachgelegt.

Klar liefert er auf "YHLQMDLG" auch Hits und potenzielle Sommerhymnen, aber er der junge Musiker beweist auch ein sicheres Händchen für langsamere, melancholische Stimmungen und alternative Songformen, wie in "Vete" und "<3", einem wunderbaren Closer. Das Genre, was so oft als eintönig charakterisiert wird, gräbt Bad Bunny um: Er traut sich konsequent bei seiner Muttersprache zu bleiben, sich ab und an auch auf Salsa zu berufen und vor allem zwischen Rap-Parts, Adlips und Barriton-Gesang zu variieren, sodass ein stimmlicher Mix entsteht, der sich deutlich abhebt.

Zu all diesen musikalischen Punkten bringt Bad Bunny aber vor allem eines mit, was ihn auch im Trap-Genre in dieser Größenordnung abhebt: AWARENESS! Derzeit erleben wir eine Diskussion über Sexismus und Homophobie im Deutschrap, aber dass das kein rein deutsches Problem ist, sollte genauso klar sein. Obwohl amerikanischer Hip-Hop oft tiefe, soziale Missstände thematisiert, erlebt man gerade im Mainstream selten reflektierte Texte und Aktionen, wie sie Bad Bunny an den Tag legt. Da sind zum Beispiel die Musikvideos, in denen ziemlich natürlich einfach jede Form von Paaren dargestellt wird. Auch wenn seine Lovesongs häufig aus einer heterosexuellen Sicht sprechen, limitiert das Bad Bunnys Bildsprache nicht. Generelle Queerness findet Platz in Bad Bunnys Videos, ohne dass er Menschen opportunistisch zur Schau stellt. Auch er selbst tritt genderfluid auf, gibt nichts auf die Reproduktion männlicher Stereotype.

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Bad Bunny für trans* Rechte

Das wird besonders deutlich, als er seinen Auftritt bei Jimmy Fallon nutzte, um sich für trans* Rechte einzusetzen. Bad Bunny trug ein Shirt, auf dem auf Spanisch stand: "Sie haben Alexa getötet, keinen Mann in einem Rock." Damit nahm er nicht nur Bezug auf den Mord an Alexa Negrón Luciano, einer trans* Frau aus Puerto Rico, die nach der Benutzung einer Damentoilette ermordet wurde, sondern auch auf die anschließende, öffentliche Diskussion.

Bad Bunny bei Jimmy Fellon

Im vergangenen Jahr brach der Musiker seine Europa-Tour frühzeitig ab, nachdem Chatverläufe des Gouverneurs Ricardo Rosselló veröffentlicht wurden, die Sexismus, Homophobie und Korruption des Politikers offen legten. Bad Bunny lenkte international Aufmerksamkeit auf den Vorfall und war Teil der Protestbewegung, die sich daraufhin in den Städten bildete. Er rief während der Bewegung immer wieder zu Protesten auf und organisierte mehrere Auftritte von sich und anderen MusikerInnen.

Bad Bunny - Solo De Mi

Auch Femizide hat sich Bad Bunny schon zur Brust genommen und in einem Video dargestellt

Dabei schafft es der sonst so fröhlich und positiv-assoziierten Reggaeton-Musik auch Melancholie und Ernsthaftigkeit beizufügen. Auch bei den Latin Grammy's forderte er seine KollegInnen in seiner Laudatio dazu auf, dem Genre wieder neues Leben einzuhauchen. Trotz all dieser Minenfelder schafft es Bad Bunny ziemlich gut, große Shit-Storms zu umschiffen, denn er tritt bei all diesen emotional aufgeladenen Themen mit Ehrlichkeit auf, was er auf ganze Linie seiner jungen Karriere umsetzt. Dieser Kraft und dem Willen von Bad Bunny kann ich mich einfach nicht entziehen und es wäre auch töricht, es überhaupt zu versuchen.

Quelle: Noizz.de