„Ich habe zurückgeschaut und dachte: Krass. Keine Ahnung, wie ich das damals überstanden habe. “

Zugegeben, als ich das erste Mal in einem Kino in Warschau den Trailer zu Alita: Battle Angel sah, die Namen James Cameron, Robert Rodriguez, Jon Landau sowie Christopher Waltz las, war ich gleichermaßen fasziniert und abgestoßen. Das war im vergangenen November. Mein Kopf führte eine innere Diskussion: Wow, Robert Rodrigues! Der von Sin City (ich verehre die Ästhetik in diesem Film). Wow, James Cameron und Jon Landau! Die haben Titanic zusammen gemacht!

Auf der anderen Seite: Oh, mein Gott, ein Katastrophen-Sci-Fi-Cyborg-Szenario mit viel Krawumms und dann auch noch 3D. Ich hasse 3D! Dieser Film wirkte im ersten Trailer wie die logische Konsequenz aus Avatar und Blade Runner im Kopf des Masterminds James Cameron. Mit gewohnt viel Pathos und etwas Kitsch.

Da wusste ich noch nicht, dass das Projekt „Alita“ bereits seit 20 Jahren in James Camerons ganz persönlicher Produktionshölle schmorte. Damals, Ende der 90er, hörte der Avatar-Regisseur zum ersten Mal von „Alita“. Der Stoff ist für Kinogänger nicht ganz neu. Zum Teil basiert der 2013er Kino-Hit Elysium mit Matt Damon in der Hauptrolle auf dem Manga-Stoff, genauso wie der Streifen Astroboy von 2009, der dreist die Handlung von „Alita“ in den Astroboy-Manga pflanzt.

Denn, was ich auch nicht wusste ist, dass der dystopische Plot auf einer überaus bekannten Manga-Reihe des Japaners Yukito Kishiros basiert – und eine breite Fanbase auf der ganzen Welt hat. Die Cos-Player im schwarzen Kampfanzug, Kurzhaarbob, cyberartigem Schwert und roten Blutstreifen unter den Augen? Das ist Alita. Tausendmal gesehen, nie erkannt.

Die Geschichte spielt im 26. Jahrhundert. Vor 300 Jahren gab es einen großen Krieg mit dem Mars, der zum Niedergang aller gesellschaftlichen Systeme führte. Einzig Salem, die Himmelsstadt und die Schrottstadt existieren noch – und hier findet der mysteriöse Wissenschaftler Doktor Ido (Christoph Waltz) einen weiblichen Cyborg auf einen Schrotthaufen.

Dr. Ido (Christoph Waltz) und Alita (Rosa Salazar) Foto: 20th Century Fox

Er flickt den Cyborgkörper, der aber ein überaus intaktes, menschliches Gehirn enthält. Er tauft sie Alita, auf den Namen seiner eigenen Tochter, die verstorben ist. Ido wird zu Alitas Ersatzvater. Alita kann sich an scheinbar nichts mehr erinnern, aber sie hat ungeahnte Kräfte: Es liegt in ihrer Natur, zu kämpfen und zu töten, denn sie kommt vom Mars. Und hier haben wir den Konflikt: Alita lebt in der Welt der Menschen, ist aber eigentlich deren Feind.

James Cameron erkannte das Hitpotential und machte sich, akribisch wie er ist, an die Arbeit – 40 Seiten Notizen darüber, was ein Cyborg ist, 30 Seiten Notizen über die Schrottstadt, wie sie aussieht, welche multikulturellen Gesellschaften hier leben und so weiter. Alles akribisch notiert und gesammelt. Wäre da nicht Avatar, der bis dato erfolgreichste Film aller Zeiten, dazwischen gekommen. Cameron gab das Projekt in die Hände von Regisseur Roberto Rodriguez, der den Film nach insgesamt etwa 20 Jahren Produktion endlich fertig stellte.

Der Film hat eigentlich alles, um ein Hit zu werden.

Das Resultat ist durchaus beeindruckend. Zumindest, was die technische Seite angeht. Dank aller technischen Tricks, die das Kino des 21. Jahrhunderts für uns bereit hält, wirkt Cyborg Alita so echt, als hätte Darstellerin Rosa Salazar wirklich Manga-artige, große, braune und tiefe Puppenaugen und einen Körper, den Doktor Ido ihr maßgeschneidert hat. Der simple Plot, eine Coming-of-Age-Emanzipations-Geschichte verpackt in eine klassische Heldenreise, kriegt jeden rum. Weil er mit Emotionen spielt. Und in das harte Szenario der Schrottstädte passt die Brutalität eines Roberto Rodriguez richtig rein.

Natürlich ist das Ende vorhersehbar. Die typisch tragische und zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die nicht zusammengehören, gibt es natürlich auch. Es ist ziemlich eindeutig, dass der Kinoverleih auf einen zweiten Teil spekuliert. Das Ende ist der Beginn des zweiten Mangazyklus' im japanischen Original, in dem Alita versucht, nach Salem zu kommen. Mit dem Gewinn der „Motorball“-Meisterschaft.

Alita und ihre Clique Foto: 20th Century Fox

Ein durchschnittlicher Film eben.

Welcher Gedanke mich während des ganzen Films aber nicht loslässt: Muss es nicht eigenartig sein für eine Ü30-Schauspielerin, ein Cyborg-Teeniemädchen zu spielen? Und nicht nur das: Ihre schauspielerische Leistung wurde zu einem Großteil durch computergenerierte Technik ersetzt. Wie fühlt sich das an für eine Schauspielerin?

Das kann ich sie, also Alita-Darstellerin Rosa Salazar, glücklicherweise selber fragen. Bisher kannte man die US-Schauspielerin mit peruanischen Wurzeln aus Serien wie American Horror Story: Murder House und Parenthood sowie den Teenie-Blockbustern Divergent – die Bestimmung und Maze Runner. In Netflix-Hit Bird Box spielte sie eine Nebenrolle. Die Rolle des Cyborgmädchens ist ihre erste richtig große Hauptrolle in Hollywood.

Lest hier das Interview mit „Alita“-Darstellerin Rosa Salazar

NOIZZ: War das nicht etwas seltsam für dich, dass du für die Rolle eines Teenager-Mädchens gecastet wurdest?

Rosa Salazar: Es war toll! Wann hat man schon mal die Möglichkeit, das noch mal zu durchleben? Damals war ich 30, wir haben fast drei Jahre gedreht. Ich habe mich quasi von meinem jetzigen Ich in eine 18-Jährige verwandelt. Aber ich erinnere mich noch ziemlich lebhaft an diese Zeit. Es ist halt so seltsam, wenn man in der Pubertät ist. Man wird von einem Mädchen zur Frau. Und wie komisch sich das anfühlt, weiß wohl noch jeder. Es war aufregend, in diese Zeit wieder einzutauchen. Ich habe zurückgeschaut und dachte: Krass, keine Ahnung, wie ich das damals überstanden habe. Ich war wieder richtig in dieser Gefühlswelt drin.

Ist es nicht auch eigenartig, wenn der halbe Körper durch CGI-Technik ersetzt wird?

Rosa: Als ein Schauspieler muss man sich in Charaktere reinversetzen. In alles: Haare, Make-up, Bewegungen, Stimme, Mimik und alles. Normalerweise machst du das alles in dem Moment, in dem du spielst. Aber das hier war eine ganz andere Sache. Ich hatte die Chance, etwas ganz Neues zu kreieren. Eine Person, die es so nicht gab und nie geben wird. Ich war ein Teil davon, fast wie Klonen. Das fand ich schon aufregend.

Hattest du nicht Angst, das etwas von dir als Schauspielerin verloren geht?

Rosa: Klar. Als der Film in der Postproduktion war, wurde ich nervös. Wie viel von mir ist übrig geblieben, wie viel erkennt man in Alita? Ich war weniger besorgt, dass sie nicht nach mir aussehen würde. Ich hatte eher Sorge, ob man mein Schauspiel noch erkennen würde. Also welche Dramatik und welche Bewegung oder Mimik ich in eine Szene eingesetzt habe. Sie hatten mir versprochen, dass ich es erkennen würde, aber am Ende hat man doch noch Bedenken. Ich war aber froh, dass in der Endversion alles gepasst hat – sogar besser, als ich es mir vorgestellt habe.

Und außerdem: Mit der Technik kann ich Alita auch in 20 Jahren noch spielen – falls es nochmal so lange dauert.

Hast du eigentlich den Original-Manga zu „Alita“ gelesen?

Rosa: Ja, klar! Ich habe alles vom ersten Teil, der im Japanischen den Titel Gunm hat, gelesen. Der Originaltitel ist ein Wortspiel aus „Traum“ und „Pistole“, das hat mich irgendwie direkt fasziniert. Last Order, den dritten Teil der Reihe, habe ich auch fast komplett durch. Es ist so verrück! Als nächstes will ich die Mars Chronicles lesen, die eher so eine Art Prequel sind. Du siehst, die Arbeit am Film hat mich voll reingezogen in die Mangawelt!

Hast du es gelesen, bevor oder nachdem du das Drehbuch hattest?

Rosa: Danach. Leider.

Hast du Unterschiede entdeckt, die dich gestört haben?

Rosa: Als ich den Manga danach las, war das schon lustig. Mir ist voll viel aufgefallen: Ah, da haben sie das aus dem ersten Teil benutzt und das schon aus dem zweiten! Wie eine spannende Schnitzeljagt. Aber der Film gibt einen guten Eindruck von dem Manga, auch wenn man ihn nicht kennt. Wenn etwas verändert wurde, dann so, dass es nicht im Widerspruch zur Originalhandlung steht.

Würde man die ganzen Details des Mangas reinpacken, würde der Film zehn Stunden dauern. Das schaut sich ja keiner an. Aber auch ich bin ein kleines Fan-Girl geworden und vermisse manche Charaktere.

Erinnerst du dich an den Film „Elysium“ mit Matt Damon?

Rosa: Natürlich.

Der basiert auch in Teilen auf „Alita“.

Rosa: Was?! Das wusste ich nicht! Aber klar, da gibt es auch ein „Salem“ … Wow, jetzt wird mir einiges klar.

Matt Damon ist da eine männliche Alita – wie froh bist du, dass es in der jetzigen Verfilmung auch wirklich eine weibliche Hauptfigur gibt, die sich emanzipiert?

Rosa: Es ändert sich gerade viel in Hollywood – zwar langsam, aber es geht voran. Ich war wirklich dankbar für die Verantwortung, die mit der Rolle einhergeht. Wir brauchen mehr Perspektiven im Kino. Ich will, dass ein junges Teenagermädchen heute ins Kino gehen kann und eine starke Frau auf der Leinwand sieht, mit der sie sich identifizieren kann. Als ich jung war und ins Kino ging, gab es in solchen Rollen fast ausschließlich männliche Charaktere. Das ist okay, ich konnte daraus auch einiges ziehen. Mein Lieblingsfilm ist „Stand By Me“, aber das sind eben alles Jungs. In „Alita“ ist es ein Cyborg. Sie ist zwar weiblich, aber hier können sich alle mit dem Charakter irgendwie mehr oder weniger identifizieren.

Es kommt nicht darauf an, welches Geschlecht eine Figur hat, sondern welche Charakterzüge sie in sich trägt. Ich habe heute schon mit so vielen Menschen geredet. Da saßen mir erwachsene Männer gegenüber, die mir sagten, sie könne sich mit Alita identifizieren. Darum geht es! Es gibt nichts Großartigeres, als diese Erkenntnis auszulösen. Mit so einer Rolle.

Der Cast ist auch divers besetzt, was zum Teil an der Handlung liegt: In der Schrottstadt leben Menschen aller Kulturen.

Rosa: Ja, das ist auch ein wichtiger Punkt. Junge Latinas sitzen in ihrem Kinosessel und können sagen: Ich könnte Alita sein. Das ist ein großer Erfolg. Wir müssen in Hollywood einfach öfter verschiedene Perspektiven aufzeigen – egal, wen es betrifft und welche Richtung. Umso besser, wenn das ein Hollywoodfilm schafft.

Szene aus „Alita: Battle Angel“ Foto: 20th Century Fox

Hast du diesen Spirit auch bei den Dreharbeiten gespürt?

Rosa: Ich bin eine Latino-Schauspielerin – und du willst gar nicht wissen, an wie vielen Sets ich bereits war, wo ich einfach nicht ernst genommen wurde. Die Arbeit mit Robert Rodriguez war da ganz anders. Er gab mir eine Stimme, ich konnte mitgestalten. Das hat sich so unglaublich gut angefühlt. Es hat mich regelrecht beflügelt.

Für den Soundtrack hat Dua Lipa einen Song beigesteuert. In dem Musikvideo von „Swan Song“ seht ihr zwei euch verdammt ähnlich!

Rosa: Ja, wir könnten Schwestern sein, oder?

Absolut … fast schon unheimlich.

Rosa: Haha, ja total. Vor allem, ich weiß ja, wie hart dieses Martial-Arts-Training war. Es ist ja auch eine sehr intime Kampfkunst. Und sie macht das in dem Video so professionell. Und ich liebe diesen Song! Er verkörpert den Spirit des Films total. Ich höre ihn mir die ganze Zeit an und singe ihn vor mich hin – damit nerve ich sogar schon meine Freunde!

„Alita: Battle Angel“ ist ab dem 14. Februar 2019 in deutschen Kinos zu sehen.

Quelle: Noizz.de