Man kann Streaming-Rekorde nicht mit CD-Verkäufen vergleichen.

Ganz ehrlich: Ich bin der letzte Mensch, der Capital Bra oder Raf Camora & Bonez MC ihren Erfolg vergönnen würde. Die Jungs haben unfassbar viel Engagement und Pioniergeist in ihre Musik gesteckt und – jeder auf seine Weise – in den letzten Monaten und Jahren verdammt viel für Deutsch-Rap getan. Trotzdem gibt es eine Sache, die einfach keinen Sinn ergibt: Man kann die Rekorde und Zahlen aus dem Streaming-Zeitalter nicht mit denen aus der analogen Zeit der CDs vergleichen. Zu behaupten, Capi wäre erfolgreicher als die Beatles, ist einfach Bullshit. Eine Lobrede an Capi, Raf und Bonez, eine Kritik an die Musikbranche.

Bonez und Raf haben mit "Palmen aus Plastik" vorgemacht, wie Gangster tanzbarer Rap mit Massappeal sein kann. Ihr Album ist ein Meilenstein und kann als Schlüsselmoment für den kommerziellen Aufschwung des Genres in Deutschland gelesen werden, der danach folgte und bis heute anhält.

Mit ihrem Nachfolger "Palmen aus Plastik 2" gehörten zum ersten Mal in der deutschen Geschichte die ersten drei Songs in den Singlecharts den selben Künstlern: "500 PS", "Nummer unterdrückt" und "Kokain". Ein Rekord!

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Die Sache ist: Vor dem Streamingzeitalter musste man sich aussuchen, welche Songs als Single veröffentlicht werden und welche nicht. Heute ist das hingegen so, dass jeder einzelne Song des Albums in die Singlecharts kann, sofern er nur oft genug gestreamt wird. Früher hat eine Band wie ABBA vielleicht eine oder zwei Singles für ein Album veröffentlicht und hatte damit genau einen oder eben zwei Kandidaten im Rennen. Wenn man heute ein Album mit 20 Songs veröffentlicht, dann hat man automatisch 20 Pferde im Rennen, die in den Singlecharts abräumen können. Der Rekord an sich wird also erst dadurch möglich, dass heute alles gestreamt werden kann; der Vergleich zu Musikern der CD-Generation ist damit hinfällig. Das ist in etwa so, als würde man behaupten, Cristiano Ronaldo wäre der beste Profifußballer seit der Steinzeit, obwohl es Profifußball erst seit dem 20. Jahrhundert gibt – Unfug.

Mit seiner Neuinterpretation von "Chery Chery Lady" hat Capital Bra seinen mittlerweile zwölften Nummer-eins-Hit in die deutschen Charts bugsiert. Damit ist er seit Anfang April erfolgreicher als die Beatles, die es in ihrer Karriere "nur" elf Mal an die Spitze der deutschen Charts schafften und damit bislang Rekordhalter waren. Richtig verstanden: An Nummer-eins-Hits gemessen, ist Capital Bra der erfolgreichste Künstler der deutschen Musikgeschichte. Ein Rekord!

Und natürlich gibt es auch hier einen Haken, und zwar die Veröffentlichungsstrukturen. Früher konnte man nicht einfach über Nacht Singles droppen und damit Millionen von Menschen erreichen. Es gab weder Spotify, noch Instagram, Twitter oder YouTube, um auf sich aufmerksam zu machen. Singles brauchten Promotion, um überhaupt an Menschen zu gelangen und mussten auf CD gebrannt, verkauft und verschickt werden. Das hat gedauert. Die Produktionsketten und der Verkauf von Musik im analogen Zeitalter hätten einen nicht endenwollenden Output an Singles, wie ihn der Bratan seit einigen Monaten hinlegt, einfach nicht möglich gemacht. Will sagen: Drei mal darfst du raten, wie oft die Beatles damals auf die Eins gegangen werden, hätten sie zu ihrer Hochzeit auch einfach zehn oder 20 Singles pro Jahr, anstelle von einer oder zwei veröffentlicht.

Man Kann CD-Verkäufe nicht mit Streams vergleichen

Und mal ganz unabhängig von den genannten Rekorden: Eine verkaufte CD ist nicht vergleichbar mit einer Anzahl x von Streams. CDs bieten keine Möglichkeit, zu registrieren, wie oft welche Lieder im Endeffekt gespielt werden. Natürlich versucht die Musikindustrie, das Zählen der beiden Tonträger so gut es geht zu managen, und einen groben Gegenwert von einem CD-Kauf und x Streams zu finden. Aber das ist doch das pure Raten und spätestens mit den Jahren und Jahrzehnten, in denen Spotify und Co. immer noch fleißig mitzählen, hat die CD keine Chance mehr und das aktuell gängige Vergleichssystem ist total unglaubwürdig.

Was tun?

Ich glaube, am intelligentesten wäre es, wenn man die Musikgeschichte einfach in zwei Abschnitte gliedern würde: einen analogen und einen digitalen. Der Wettbewerb, den die Stars der analogen Zeit gerade mit denen der Gegenwart führen müssen, ist jedenfalls unfair, sinnlos und lässt Pop-Giganten wie die Beatles oder ABBA in einem viel kleineren Licht erscheinen, als sie damals geschienen haben. Capi ist halt einfach nicht erfolgreicher als die Beatles und ich freue mich, wenn ich so einen Quatsch nicht mehr lesen muss – so sehr ich ihn und seine Musik auch schätze.

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Quelle: Noizz.de