Berliner zeigt auf Instagram, wie das Leben mit Krebs wirklich ist

Laura Wolfert

HipHop. Popkultur.
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Authentische Einblicke in den Alltag mit der Krankheit.

Sebastian Waters ist Influencer. Zumindest ein bisschen. Viele Instagram-Stars täuschen eine perfekte Welt vor und manipulieren ihre Fans, um für Produkte zu werben. Sebastian ist das Gegenteil. Bei ihm ist nichts gestellt. Leider. Denn der 33-jährige Familienvater hat Krebs. Er „influenzt“ auf seinem Kanal keine Beautyartikel, sondern Mut. Doch nicht nur. Er zeigt auch, wie man als Patient in einem großen Krankenhaus wirklich behandelt wird: ein Leben zwischen teuren Fernsehsendern, schlechtem Fisch und der Sehnsucht nach Familie.

Es ist kurz nach 10 Uhr morgens. Sebastian liegt in Jeans und Shirt in seinem Krankenbett der Charité. „Bei Besuchen ziehe ich mir meistens etwas Richtiges an“, sagt er. „Da bin ich doch etwas eitel.“ Wenn Sebastian keinen Besuch hat, trägt er meist Jogginghose und Wollmütze – und wartet: auf Besserung, einen neuen Zimmernachbarn und auf einen Arzt, der ihm jeden Morgen seine Werte sagt. Eigentlich wollte Sebastian in der Cafeteria reden. Doch solange der Arzt noch nicht da war, kann er nicht aus seinem Zimmer. Er sollte irgendwann vormittags kommen. Irgendwann gegen 10 Uhr.

Es klopft an die Tür. Es ist Herr K. – ein älterer Mann und der neue Zimmernachbar von Sebastian. Er tritt ein, sagt förmlich „Hallo“, nickt, schiebt die Schranktüren lautstark hin und her und verstaut seine Sachen. Dann verschwindet er wieder – kurz darauf läutet sein Telefon. Schrill. Laut. Lange. Sebastian schmunzelt. In seiner Instagram-Story hat er am Morgen noch ein Video von seinem vorherigen Zimmernachbarn gepostet, der ihn nachts wachgehalten hatte. „Heute Mittag darf er heim und die Bett-Lotterie geht wieder los“, schrieb Sebastian zu dem Video in der Instagram-Story. Doch der Mann hatte vergeblich auf einen Arzt gewartet und sich schon vor Mittag selbst entlassen. Jetzt also wieder jemand Neues. Die „Bett-Lotterie“ hat Herrn K. gezogen. Ob er für Sebastian ein Gewinn ist, bleibt offen. Er scheint das Gewusel seines neuen Zimmernachbarn jedenfalls gelassen zu nehmen, fast mit ein wenig Humor. Er akzeptiert die Situation wie sie ist. Immer.

Als Sebastian wegen wiederkehrender, starker Rückenschmerzen und Nasenbluten Ende August dieses Jahres ein zweites Mal innerhalb kurzer Zeit in die Notaufnahme kommt, findet man ein „Lymphom“ bei ihm. Seine Frau googelt den Begriff. Lymphom ist die Vergrößerung eines oder mehrere Lymphknoten, meist bösartig. „Ich werde schon keinen Krebs haben“, sagte er ihr. Doch wenige Minuten später folgt genau die Diagnose: Sebastian hat ein aggressives Burkitt-Lymphom, das schon gestreut und das Knochenmark befallen hat. Stadium vier von vier. „Sogar die Ärztin hatte Tränen in den Augen“, sagt Sebastian. „Sie überbringt nicht jedem Tag einem Menschen die Nachricht, dass er Krebs hat.“

„Für mich ist es einfach eine Krankheit, die man heilen muss.“

Krebs. Ein Wort, dessen Bedeutung man nicht ganz begreift, das fremd wirkt. Wobei die meisten wahrscheinlich mindestens einen Betroffen im Bekanntenkreis kennen. Laut der Broschüre „Krebs in Deutschland" lebten im Jahr 2014 in Deutschland insgesamt etwa 1,55 Millionen Menschen mit Krebs. Doch es ist eine Krankheit, mit der man nichts tun haben möchte, weil man mit ihr erst mal schlimme Dinge assoziiert – Chemotherapie, Schmerzen, Haarverlust, Tod. Schaut man Sebastian an, wirkt er aber nicht wie jemand, der dagegen kämpft. Er wirkt ruhig, gefasst. „Ich habe das vermutlich bis heute nicht ganz begriffen“, sagt er. „Für mich ist es einfach eine Krankheit, die man heilen muss.“ Trotz Chemo sieht er bis auf die zwei Katheter, die an seinem Hals befestigt sind, eigentlich gesund aus – zumindest für jemanden, der ihn nicht anders kennt. Scrollt man in seinem Instagram-Feed weiter, sieht man Fotos von Sebastian mit Vollbart und schwarzem Haar – sowie Fotos von seinen zwei Kindern, seiner Frau und leckerem Essen. Instagram zeigt ein Leben, das noch nichts von Krebs wusste. Es scheint dabei wie ein öffentliches Tagebuch zu sein, das den Lebenswechsel von Sebastian sehr deutlich macht. Ein Post zeigt die Familie im Urlaub, der nächste den Ausblick aus dem Krankenhaus. Und genau dazwischen die Diagnose: Krebs.

„Ich war zwar froh, dass ich endlich wusste, was ich hatte. Aber Krebs war für mich eigentlich keine Option. Das fand ich auch dumm“, scherzt Sebastian ein wenig. Eigentlich ist er Berater für digitale Medien. Doch mit der Arbeit war erst mal Schluss. Nach der Diagnose wurde er direkt in ein Krankenzimmer gebracht. Seitdem ist er hier, nun zusammen mit Herrn K. Der ältere Mann kommt wieder in den Raum und zieht sich um, ganz ungeniert. Ein Krankenpfleger stößt dazu – wieder viele Geräusche und viel Gewusel. „Das ist normal“, sagt Sebastian. „Ich höre Musik, oder schlafe – und plötzlich platzt jemand rein, der gar nicht zu dir will.“

Ruhe hat Sebastian selten. Langeweile fast immer. Bücher und Zeitungen zu lesen sind ihm auf Grund der vielen Medikamente irgendwann zu anstrengend. Das Gleiche gilt für Besuche. Nach kurzer Zeit kann er sich kaum noch konzentrieren. Und der Fernseher, der über jedem Bett hängt, ist nicht umsonst. Im Krankenhaus gibt es nur Pay TV. „Das habe ich zu Beginn mal gemacht – da wirst du aber schnell deine Kohle los“, sagt Sebastian. Stattdessen hat er von einem Bekannten das Universitäts-W-Lan-Passwort bekommen. Mehrere Filme und Serien hat er so mittlerweile angeschaut. „Doch auch darauf hast du irgendwann keine Lust“, sagt Sebastian. Eine Sache, mit der ihr sich stattdessen beschäftigt, ist Instagram.

Es gibt Hunderte Bücher, Blogs und Filme, die zeigen, wie Menschen mit ihrer Krankheit umgehen. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ zum Beispiel, oder „Beim Leben meiner Schwester“. Doch bei Social Media sind die Betroffen wirklich zugänglich. Sie teilen ihr Leben ganz offen und sprechen über ihre Gefühle. So eine Art von Interaktion mit anderen Menschen ist schneller, direkter und weniger förmlich. Früher hat man einen Leserbrief an den Autor geschrieben, um mit ihm zu kommunizieren. Heute reicht schon ein Klick, gefällt mir. Doch nicht nur die Person ist zugänglicher, sondern auch die Krankheit Krebs.

Die Besonderheit bei Instagram: im Gegensatz zu Twitter und Facebook wird nicht auf nur auf Text, sondern hauptsächlich auf Fotos und Videos gesetzt. Genau das hinterlässt einen noch stärkeren Eindruck und wirkt echter. Man sieht Sebastian, verfolgt sein Leben Tag für Tag. Er wirkt längst nicht so unnahbar, wie jemand, der darüber bloggt, schreibt, oder twittert. Man hat einen viel stärkeren Bezug zu ihm.

„Manche Sachen möchte einfach keiner sehen.“

Aber warum teilt man selbst so eine extreme Lebenssituation wie den Kampf gegen Krebs mit der Öffentlichkeit? Sebastian gewinnt dadurch an Privatsphäre, weil nicht ständig Besucher kommen, die immer die gleichen Fragen stellen. „Ich kann bei Instagram besser entscheiden, was ich von mir preisgebe“, sagt er. „Die Leute sehen, wie es mir geht. Ich muss nicht jedem extra schreiben und jedem einzeln Fragen beantworten.“ So nutzt Sebastian unter anderem die Instagram-Option „Question and Answer“. Dabei können ihm seine Instagram-Follower per Story Fragen stellen. Sebastian kann sich so aussuchen, was er beantworten will. „Nur live schalten möchte ich nicht“, sagt er. „Manche Sachen möchte einfach keiner sehen.“

Auf Instagram beantwortet Sebastian Fragen seiner Follower. Selbst seine Pfleger folgen ihm. Foto: Sebastian Waters / Instagram

Deswegen postet Sebastian nicht nur seinen Krankheitsverlauf – sondern vor allem aus der Sicht eines Patienten, der in einem großen Krankenhaus wie der Charité lebt: Pay-TV, ständiger Wechsel von Zimmernachbarn, schlechtes Essen. Warten auf Ärzte, Warten auf Fluren. „Einmal hat man mich einfach auf dem Bett im Gang vergessen“, sagt Sebastian. „Die Ärzte und Krankenpfleger hier sind super – trotzdem wird man eben einfach wie eine Nummer behandelt.“ Auch hier wird bei Instagram wieder deutlich: Es gibt mehrere Reportagen und Fernsehbeiträge zu der schlechten Versorgung in Krankenhäusern – doch als nicht Betroffener wirkt das trotzdem irgendwie fern. Es sei denn, man verfolgt Sebastians Story. Er zeigt, dass der Alltag im Krankenhaus nicht so sorglos ist, wie es beispielsweise in der Vox-Serie „Club der roten Bänder“ dargestellt. Sebastian kann nicht mal eben einen Arzt ansprechen, wenn er Informationen haben möchte, oder teilt sein Zimmer mit einem Freund. Stattdessen wartet er seit knapp zwei Stunden auf einen Arzt.

„Die Ärzte und Krankenpfleger hier sind super – trotzdem wird man eben einfach wie eine Nummer behandelt.“

Herr K. liegt nun mit Krankenkittel in seinem Bett. „Was für Fisch gibt es heute Mittag?“, fragt er. „Fisch sollten sie hier lieber nicht essen“, sagt der Krankenpfleger mit einem Schmunzeln. Sebastian lacht. „Das Essen ist hier einfach nicht lecker. Der Fisch erst recht nicht“, sagt er. Dann klopft es wieder. Es ist der Arzt – endlich. Er kommt rein, begrüßt Sebastian und liest ihm seine Werte vor. Als Fachfremder versteht man kein Wort. „Wir müssen ab morgen eine Umkehrisolation machen“, sagt der Doktor. Dann verabschiedet er sich, geht wieder. „Irgendwann weiß man, wann man zuhören muss“, sagt Sebastian. „Und wenn man nervt – wie ich – bekommt man die Sachen auch erklärt.“ Umkehrisolation bedeutet, dass Leute in Sebastians Umfeld Mundschutz tragen müssen – denn sein Immunsystem ist zu der Zeit stark geschwächt. Auch wenn Sebastian in die Cafeteria gehen will, muss er einen tragen. „Nur mein Zimmernachbar nicht. Das habe ich auch noch nicht ganz verstanden.“

Erneutes Klopfen an der Tür, das Essen kommt. Sebastian hat Omelette mit Spinat gewählt. Wenig später sieht man in seiner Story dann ein Foto von seinem Essen. Aber kein gestelltes, kein klassisches „Instagram-Food-Porn-Pic“. Sebastian zeigt das Leben schließlich immer so, wie es wirklich ist – und manchmal ist das Leben einfach fader Spinat. Doch er ist sicher, dass alles wieder besser wird: „Irgendwann gibt es wieder etwas Leckeres, zu Hause. Und dann weiß man es umso mehr zu schätzen.

Quelle: Noizz.de

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