Tschernobyl, Fukushima, Pjöngjang: Wenn Blogger Manniac keine YouTube-Videos macht, bereist er Katastrophen-Orte – zuletzt das Reich von Kim Jong-un. Ein Fotoessay.
Ich (unten) im Zug von China nach Nordkorea Foto: Manniac

Eine Woche Vollpansion in Nordkorea? Klar geht das, und am besten beginnt man mit einer Zugfahrt von Peking nach Pjöngjang.

Thomas, Harald und ich waren acht Tage in der Volksrepublik unterwegs. Auf dem Weg dorthin haben wir uns nicht nur 27 Stunden lang den Hintern plattgesessen. Neben Unterhaltungen mit dem anderen deutschen Reisenden haben wir auch gegessen, Uno gespielt, die viel zu großen Diensthüte des freundlichen nordkoreanischen Zugpersonals fotografiert und den absurden Grenzwechsel von moderner chinesischer Großstadt zum ländlich-kargen Nordkorea erlebt.

Der Blick aus dem Zug Foto: Manniac

Die Einreise per Zug ist der Geheimtipp, denn manche Seiten Nordkoreas können normale Touristen gar nicht anders erleben.

Stundenlang zieht Ackerland an uns vorbei. Wie vor Beginn der Industrialisierung arbeiten die Menschen ohne Traktoren und andere technische Geräte. Wer einen hat, spannt seinen Ochsen vor den Pflug. Im April wächst hier noch recht wenig, und auch sonst ist das Land nicht sehr ertragreich.

Die großen Hungersnöte in den 90er Jahren haben nach aktuellen Schätzungen bis zu eine Million Todesopfer gefordert.

Die U-Banhöfe ziert sozialistische Kunst Foto: Manniac

Es ist immer schön, alte Bekannte wiederzutreffen – auch wenn es nur die ausrangierte U-Bahn aus Berlin ist, die heute in der Pjöngjanger Metro ihren Dienst verrichtet. Die Züge wurden 1997 an das kommunistische Land verkauft und verkehren auf zwei Linien fast 100 Meter unter der Stadt.

Fast wie in Berlin Foto: Manniac

Im Innern der Waggons grüßen statt Werbetafeln die beiden ewigen Führer Kim Il-Sung und Kim Jong-Il im schummrigen Licht. Die Nordkoreaner spielen zum Zeitvertreib auf ihren Smartphones. Ja, sie haben kein Internet – aber Smartphones. Eine begrenzte Auswahl von Apps kann man in speziellen Läden installieren lassen.

Pjöngjang by night Foto: Manniac

Strom ist ein rares Gut in Nordkorea, weshalb die Lichtverschmutzung der Hauptstadt Pjöngjang deutlich unter der europäischer Großstädte liegt.

Der geschickte Einsatz von LED-Lichterketten hilft den Stadtdesignern, einen Eindruck von Modernität zu erwecken, der bei näherem Hinsehen aber gar nicht vorhanden ist. Die Bausubstanz ist pastellfarbener Waschbeton, von dem die Farbe abbröckelt. Aus der Stromnot macht Nordkorea aber eine Tugend: Auf vielen Balkonen stehen Solarpanele.

Feiert Korea irgendwann eine ähnliche Wiedervereinigung wie Deutschland? Foto: Manniac

Es gibt kein Nord- und Südkorea, es gibt nur Korea. Eine Wiedervereinigung wünschen sich beide Länder, aber jeweils zu ihren eigenen Bedingungen.

Ein Monument über der Autobahn südlich von Pjöngjang erinnert an diesen gemeinsamen Wunsch. Von hier aus dauert es drei Stunden bis zur Stadt Kaesong und zur Grenze – der demilitarisierten Zone DMZ, die man ebenfalls besuchen kann.

An dieser Hotelbar gibt's sogar Coca-Cola – allerdings nur für Touristen und die nordkoreanische Elite Foto: Manniac

Den Gästen soll es an nichts fehlen – zumindest nicht an den Dingen, die die meisten Nordkoreaner nicht haben, wie ausreichende Nahrungsmittel oder Alkohol. Die Hotelbar im Myohyang-Gebirge bietet neben chinesische Snacks auch Spirituosen oder das Parade-Getränk des Kapitalismus: Coca-Cola.

Nur Touristen oder privilegierte Nordkoreaner, wie unsere Reiseleiter, haben die Möglichkeit, an westliche Luxusgüter zu kommen. In manchen Fällen sehen wir auf den Straßen jedoch auch Kinder mit Mickey-Mouse-T-Shirts, die vermutlich als Hilfsgüter ins Land kamen.

Nicht jedes Hotelzimmer in Nordkorea sieht so aus Foto: Manniac

Auf unserer Reise erleben wir unterschiedliche Hotelkategorien, von luxuriösem 80er Jahre Muff in Pjöngjang über rustikale Gebirgs-Herberge mit nicht abstellbarer Hochleistungs-Heizung in Myohyang-Gebirge bis hin zum genügsamen Volkshotel in Kaesong. Dessen Zimmer sind in traditionellen Bungalows untergebracht, mit Badeeinheit, dünner Bodenmatratze und einer Fußbodenheizung.

Die Stromverkabelung wirkt abenteuerlich, und wegen des großen Brandlochs im Fernseher verzichte ich sicherheitshalber darauf, hier meinen Kamera-Akku zu laden.

Wir (vorne), Kim Il-sung und Kim Jong-Il (hinten) Foto: Manniac

Keine Kapuzenpullis, keine Jeans und die Arme sollen nicht verschränkt sein, sondern an den Seiten liegen: Im Mausoleum, in dem die ewigen Führer Kim Il-sung und Kim Jong-Il aufgebahrt sind, gelten strenge Verhaltensregelnregeln. Bevor wir zu den Glassärgen gelangen, müssen wir durch Sicherheitsschleusen, vorbei an einer scheinbar endlosen Foto-Ausstellungen, die an das berühmte Tumblr-Blog „Kim Jong-Il looking at things“ erinnert, und durch einen begehbaren Fön, der uns von Staub säubert.

Vor der Särgen müssen wir uns von drei Seiten verbeugen. Vor und hinter uns schluchzen die Nordkoreaner. Ob aus echter Emotion oder weil es so von ihnen erwartet wird, lässt sich nur schwer sagen. Auch die loyalen Bürger des Landes sind natürlich nicht blind und sehen die Defizite, die die Kims verursacht haben. Nur offen darüber zu sprechen traut sich keiner.

Quelle: Noizz.de