Adolf Hitlers „Mein Kampf” ist seit 70 Jahren verboten. Foto: dpa picture alliance

Mike, 27, Jude: „Hitlers ,Mein Kampf‘ hat in der Schule nichts zu suchen!“

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... auch wenn das Buch seit einem Jahr wieder erhältlich ist.

Ich heiße Mike, und ich bin ein Jude. Ja, ein echter Jude! So richtig aus Fleisch und Blut.

Aufgewachsen bin ich in Berlin-Moabit – coole Gegend! Meine Nachbarn hießen Mohammed, Issah und Ramadan. Zur Schule ging ich aber im Westend. Das liegt ganz im Westen von Charlottenburg. Also fast schon in Spandau. Beinahe in Brandenburg, sozusagen.

Die Schule gefiel mir, aber wie auf jedem Schulhof pöbelte man sich hin und wieder an. „Penner!“ – „Selber Penner!“. „Hodenkobold!“ – „Selber Hodenkobold!“. „Jude!“ – „Ähm ... Ja? Und?“ – „Na, du bist halt ein Jude!“

Für Hitler wär ich eine Ratte

Als mir das erste Mal jemand „Jude“ als Schimpfwort an den Kopf geworfen hat, wusste ich gar nicht, was ich damit anfangen soll. Wollte er mich beleidigen? Was sollte mich denn genau daran beleidigen? Ist es denn eine Beleidigung „Jude“ genannt zu werden? Fragen über Fragen, die einen neunjährigen Besserwisser zur Schlussfolgerung kommen lassen: "Du bist ein Jude, also bist du anscheinend anders."

Wisst ihr, wer auch noch dachte, dass wir anders sind? Richtig! Ein gewisser Adolf Hitler. Aber er dachte nicht nur, dass wir anders sind – er hielt uns für eine andere Rasse. Ein komplett anderes Lebewesen, sozusagen.

Wäre Adolf damals mit auf dem Schulhof gewesen, hätte er mich wahrscheinlich nicht einen Hodenkobold genannt. Für ihn wäre ich eine Ratte, ein defekter Mensch, schmutzig und widerwärtig, eine Verpestung des Blutes, ein Parasit im Körper anderer Völker, ein auszurottender Vergifter der deutschen Rasse.

Woher ich das weiß? Ich habe es in „Mein Kampf“ gelesen – jenes 1925 veröffentlichtes Buch von Hitler, in dem er über seinen politischen Werdegang und seine Ansichten zu Deutschland, der Welt und den Juden schreibt. Das Buch wurde 1945 verboten.

Die Urheber- und Veröffentlichungsrechte gingen nach dem Zweiten Weltkrieg an den Freistaat Bayern. Bayern verhinderte damit alle Neudrucke des Buches. Doch Ende 2015 lief die 70-jährige Schutzfrist aus. Das heißt, „Mein Kampf“ ist also wieder erhältlich.

Jetzt diskutieren Lehrer und Politiker darüber, ob das Buch sogar im Schulunterricht behandelt werden soll.

Ende vergangener Woche hat sich zum Beispiel der Bildungsausschuss des bayerischen Landtags damit beschäftigt.

Die zentrale Frage: Wie behandelt man ein bisher (zurecht!) verbotenes Buch, voll von hetzerischer Propaganda und erniedrigender Menschenverachtung, im Unterricht?

Die Frage, die ich mir stelle ist aber: Warum muss man dieses Buch überhaupt im Unterricht behandeln? Was ist der Nutzen, den wir davon hätten, wenn wir es intensiv aufarbeiten? Welcher Aspekt wird dadurch so weltbewegend anders beleuchtet, dass wir ohne dem Buch nicht auskommen könnten?

Ich bin kein Fan von Verboten.

Alles was verboten wird, wirkt einfach nur spannender und regt einen erst recht dazu an, es sich zu beschaffen. Aber ich sehe den Nutzen hinter dieser großen Diskussion, diesem Hype und diesem ekelhaften Buch nicht.

Wir brauchen „Mein Kampf“ nicht um zu wissen, was Hitler über Juden, Homosexuelle oder Nicht-Arier dachte – das steht auch in unseren Geschichtsbüchern.

Wofür brauchen wir es also dann in unseren Schulen? Aus Angst, dass dieses Buch viele kleine Nazis produziert, sollte es nicht fachgerecht mit einem Lehrer analysiert werden? Quatsch!

Diese vom Institut für Zeitgeschichte kritisch editierte Ausgabe von „Mein Kampf”, ist die einzige, die erlaubt ist. Foto: dpa picture alliance

Unsere Jugend hatte das Buch nicht mehr auf dem Schirm, bis die Erwachsenen mal wieder gekommen sind und ein großes Theater darum gemacht haben. Natürlich wird es dann auch für uns junge Leute interessant.

Nichtsdestotrotz sage ich: „Mein Kampf“ hat im Schulunterricht nichts zu suchen! Solange Geschichtslehrer wie unser AfD-Höcke noch unterwegs sind, die uns sicherlich bestimme Passagen auch auswendig vortragen können, sollten wir lieber den Dampf aus dem Trubel rausnehmen und dem natürlichen Desinteresse unserer Jugend etwas mehr vertrauen.

Neben dem, dass das Buch schlecht geschrieben ist, handelt es um Politik und ist rund 2000 Seiten lang. Da schauen sich die meisten anstatt dessen lieber „Game of Thrones“ oder das Dschungelcamp an!

Was ich mir eher wünschen würde, ist dass sich unsere Schulen etwas mehr mit den lebenden Juden beschäftigen, anstatt alte Hetzschriften über die Toten herauszukramen.

Zur Person

Mike Samuel Delberg, 27 Jahre alt, arbeitet als Journalist, Politik- und Medienberater und ist Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In seiner Freizeit setzt er sich für den interreligiösen Dialog ein und veranstaltet Partys in der Clubszene von Berlin.

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