Interview: „Am Ende jedes Tierversuchs steht der Tod“

Gerrit-Freya Klebe

Poesie & Politik
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Diesem Affen wurde ein Chip in seinen Kopf implantiert Foto: Marijan Murat / dpa picture alliance

Heute ist der Internationale Tag zur Abschaffung der Tierversuche.

Im Interview erklärt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund, welche Alternativen es gibt und warum diese noch nicht überall verwendet werden können.

NOIZZ: Wie viele Tierversuche gibt es pro Jahr?

Lea Schmitz: 2015 wurden in Deutschland Versuche an fast 3 Millionen Tieren durchgeführt. Am häufigsten an Mäusen, aber auch an Ratten, Hunden, Katzen, Kaninchen, Affen, Fröschen, Fischen und anderen Tieren.

Und wie viele Tiere mussten dabei sterben?

Man muss sagen, dass am Ende jedes Tierversuchs der Tod steht. Entweder wird das Tier dabei getötet, weil die Substanz zu hoch dosiert und giftig war. Oder aber danach, damit es seziert werden kann. Die Forscher wollen so sehen, was im Körper des Tieres passiert ist und wie sich vielleicht einzelne Organe verändert haben. Bei manchen kann das schon nach wenigen Tagen passieren, andere Tiere leben über Jahre unter den Laborbedingungen.

Seit März 2013 ist es ja verboten, Kosmetik zu verkaufen, die in Tierversuchen getestet wurde. Hilft das?

Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Offiziell ist es zwar verboten, aber es gibt eine Hintertür: Wenn die Inhaltsstoffe auch in anderen Dingen verwendet werden, dürfen sie an Tieren getestet werden. Und da das bei fast allen Bestandteilen der Fall ist, ist die Kosmetik heute noch lange nicht Tierversuchs-frei.

Die Stoffe kommen etwa noch in Waschmittel oder Wandfarbe vor und in diesen Bereichen sind Tierversuche sogar vorgeschrieben, damit man herausfindet, welche Dosierung unbedenklich ist und welche schädlich.

Gibt es denn Alternativen?

Ja, die gibt es. Man kann direkt an menschlichen Zellen forschen, die im Reagenzglas gezüchtet werden. Das muss aber noch stärker vorangetrieben werden. Auch mithilfe von Datenbanken und Computerprogrammen ist inzwischen eine Menge möglich. So kann man den Umweg über die Tiere umgehen: Denn wir sind einfach keine 70 Kilogramm schwere Ratte. Wir haben einen anderen Lebensstil, eine andere Umwelt und ein soziales Umfeld und leben nicht unter Laborbedingungen. Viele Erkenntnisse lassen sich sowieso nicht übertragen.

Eine Zahl, die mich besonders erschreckt, ist: 92 Prozent aller Medikamente, die erfolgreich an Tieren getestet wurden, falllen in der klinischen Prüfung durch. Das heißt, sie helfen zwar bei den Tieren, aber nicht bei den Menschen. Tierversuche sind also nicht nur ethisch gesehen falsch, sondern auch wissenschaftlich gesehen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Früher wurde im sogenannten Draize-Test an lebenden Kaninchen getestet, ob ein Stoff die Augen reizt oder sogar zerstört. Dafür wurde den Kaninchen die Testsubstanz ins Auge geträufelt und der Grad der Zerstörung bewertet.

Ein sehr grausamer Versuch, der auch unter Wissenschaftlern kritisiert wurde, weil er so ungenau war. Heute ist ein Modell aus menschlichen Augenzellen, die im Labor gezüchtet wurden, im Einsatz. Gibt man Stoffe darauf, kann man an den Zellen sehen, ob diese Stoffe die Zellen beschädigen.

Und das ganz ohne Tierleid. Zusätzlich muss man auch nicht überlegen, wie man die Ergebnisse vom Kaninchen-Test auf den Menschen übertragen soll.

Aber warum werden diese Alternativen dann nicht benutzt?

Weil sie nicht genug gefördert werden. Es werden deutlich mehr Gelder für die Forschung mit Tierversuchen bereitgestellt als für die Suche nach Alternativen. In vielen Einrichtungen werden die Versuche aus Tradition weitergeführt, ohne sie zu hinterfragen. Da wird dann einfach gesagt: Das haben wir schon immer so gemacht. Es gibt kein Umdenken.

Außerdem ist die Zulassung von alternativen Verfahren sehr schwierig. Dabei muss man nachweisen, dass die Alternative genauso gut oder besser ist als der Tierversuch. Dieser Prozess ist aufwendig und kann sich über Jahre erstrecken, in denen weiterhin Tiere sterben müssen.

Das System Tierversuch bedingt sich leider immer noch selbst: Viele Forscher befürworten Tierversuche oder machen selbst welche. Mit Alternativmethoden kennen sie sich nur wenig aus und sehen diese darum kritisch. Diese Einstellung geben sie an die Öffentlichkeit, Regierungs- und Behördenvertreter und natürlich an Nachwuchswissenschaftler weiter, die dann diese Meinung weiter tragen.

Was muss sich ändern?

Die Studenten an den Unis müssen besser über die Alternativen aufgeklärt werden. Man muss noch mehr Geld in die Forschung nach Alternativen investieren.

Außerdem muss die Regierung sagen, dass wir aussteigen wollen, und einen entsprechenden Plan vorlegen. Die Niederlande haben das im Dezember 2016 vorgemacht und einen entsprechenden Ausstiegsplan entwickelt. Bis 2025 wollen sie damit als erstes Land komplett ohne Tierversuche auskommen.

Es geht also, man muss er nur wollen.

Quelle: Noizz.de

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