6 Menschen haben uns erzählt, wie der Klimawandel ihr Leben verändert

Teresa Pfützner

Politik, Reise, Wissen
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Und zwar nicht in hundert Jahren. Sondern genau jetzt.

Klimawandel - dieses Wort ist nicht sexy. Es klingt nach Geografie-Lehrbuch, Grünen-Wahlprogramm oder nach Donald Trump, der sich gerade in Rage redet. Klimawandel ist für uns in Deutschland abstrakt, etwas, über das wir mal scherzhaft meckern, wenn es Weihnachten nicht schneit.

Für viele junge Menschen sieht das anders aus. Zum Beispiel auf den Malediven, einem Staat aus 1200 Inseln mitten im Indischen Ozean. Einer Postkartenidylle mit den weißen Stränden, türkisblauem Wasser und schmusenden Pärchen in den Flitterwochen. Über den kleinen Inselstaat mit rund 400.000 Einwohnern wird oft berichtet, dass er in einigen Jahrzehnten durch den steigenden Meeresspiegel zu einem zweiten Atlantis werden könnte. Aber der Klimawandel verändert schon jetzt das Leben der Menschen.

Wir haben mit einigen von ihnen im Laamu-Atoll gesprochen. Und versucht, hinter die Kulisse der Urlaubskatalog-Traumkulisse zu blicken.

Natasha, 26: „Es ist hart, zu wissen, das wir Menschen dafür verantwortlich sind“

Meeresbiologin "Tash" Prokop sieht die negativen Folgen des Klimawandels täglich an den Korallenriffen. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

„Ich sehe jeden Tag die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Ozeane“, sagt die 26-jährige Natasha. Sie arbeitet als Meeresbiologin für das Luxusresort „Six Senses“ im Laamu Atoll. Viele Gäste kommen zum Tauchen oder Schnorcheln her, die Malediven sind berühmt für ihre Unterwasserwelt. Wer Glück hat, begegnet Manta-Rochen, Delfinen oder Schildkröten.

Doch all das ist gefährdet. Denn: Zusammengehalten wird die Unterwasserwelt von den Korallenriffen. Sie sind Lebensraum für viele Arten und werden oft als „Regenwälder der Ozeane“ bezeichnet, weil sie die Fähigkeit haben, Kohlendioxid aus dem Wasser zu binden. Doch Korallen sind extrem empfindliche Organismen (keine Pflanzen, wie viele annehmen).

„Vor zwei Jahren haben die Malediven über drei Viertel ihrer lebenden Korallen an eine Korallenbleiche verloren, die durch den Anstieg der Oberflächentemperatur der Meere verursacht wurde“, berichtet Natasha.

Wenn die Wassertemperatur über lange Zeit zu hoch ist, verlieren die Korallen erst ihre leuchtende Farbe und sterben dann. Es bleiben nur noch tote, weiße Kalkskelette übrig. Nach der Korallenbleiche 2016 waren die Riffe im Laamu Atoll fast weiß. Mittlerweile haben sich die Riffe wieder etwas erholt.

„Aber trotzdem ist es hart, zu wissen, wie viel sich in so einer kurzen Zeit verändert hat und das wir Menschen dafür verantwortlich sind“, sagt Natasha. Mit den anderen Meeresbiologen im Ressort pflegt sie eine kleine Zucht, in der sie Korallenarten nachzüchten, die 2016 besonders betroffen waren. Diese werden später in das Riff gepflanzt.

„Wenn es um Umweltschutz geht, ist es schwer, perfekt zu sein. Ich selbst sehe mich als Umweltschützerin, aber tue trotzdem täglich Dinge, die eigentlich schlecht für die Umwelt sind: Nachts habe ich einen Ventilator gegen die Hitze an, ich fliege weite Strecken und verwende Einmal-Plastik, wenn ich auf Reisen bin“, sagt die 26-Jährige.

„Aber statt mich deshalb fertig zu machen, versuche ich, jeden Tag kleine Veränderungen zu treffen. Heute kann ich meine Plastik-Zahnbürste gegen eine aus Bambus austauschen. Morgen kann ich den Ventilator nachts ausschalten und stattdessen ein Fenster öffnen, damit es kühler wird. Ich bin der Meinung: Geh die Sache so an, dass du immer sieht, was du als nächstes verändern kannst. Und dann mach weiter, bis du dein Ziel erreichst.“

Adam, 27: „Die Fische sind weg“

Adam Siraj träumt von einem eigenen kleinen Gästehaus. Mit der Fischerei ist es mittlerweile schwer, Geld zu verdienen. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

Wenn man den Männern auf der Insel Mamendhoo bei der Arbeit zuschaut, bekommt man unwillkürlich Lust auf Sushi: So saftig sehen die dunkelroten Filets aus, die die Fischer aus den frischen Thunfischen lösen. In der kleinen Fischverarbeitungsfabrik nahe des Hafens ist gerade Hochbetrieb, eben ist der Fang von der Nacht reingekommen.

Die Fischerei ist seit jeher die wichtigste Einkommensquelle auf den Malediven, seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Tourismus. Doch ihre Arbeit sei härter geworden, erzählen die Menschen im Laamu-Atoll: Noch vor zwanzig Jahren tummelten sich in den Korallenriffen nahe des Strandes tausende kleine Fische, die die Menschen fingen und dann als Köder für die Thunfische einsetzten. Doch seit die Weltmeere sich immer weiter erwärmen, sterben immer mehr Korallenriffe ab, auch die vor der Insel Mamendhoo.

Mit den Korallenriffen verschwindet der Lebensraum der Köderfische, die die Menschen dringend brauchen. Verschlimmert wurde das durch Fischerei mit Netzen, die die Korallen zerstörten.

Nachhaltigkeit war für die Fischerei auf den Malediven lange ein Fremdwort. „Die Fische sind weg“, sagt Adam Siraj nüchtern. Er und seine Kollegen müssen weit aufs Meer fahren, um überhaupt noch Köderfische zu finden. Die Fischverarbeitungsfabrik, in der der 27-Jährige arbeitet, muss manchmal Fisch von anderen Inseln einkaufen – früher hatten sie so viel, dass sie diejenigen waren, die den Fisch weiterverkaufen konnten.

Wie sicher sein Job ist, kann Adam nicht sagen. Auf seiner kleinen Insel gibt es auch nicht viele Alternativen. „Früher habe ich in einem Luxus-Hotel als Reinigungskraft gearbeitet. Aber das Ressort war auf einer anderen Insel, ich konnte meine Frau und meine beiden Kinder nie sehen“, erzählt Adam. „Mein Traum wäre ein eigenes kleines Gästehaus hier auf Mamendhoo. Dann könnte ich mit Touristen arbeiten und bei meiner Familie sein.“

Zum Abschied überreicht er eine große Plastiktüte mit Fischsauce und getrockneten Thunfisch, Spezialitäten der Malediven. Ein Geschenk, dessen Wert man nach dem Gespräch mit Adam noch mehr zu schätzen weiß.

Easha, 12: „Es ist einfach zu heiß hier“

Easha möchte gern Fotografin werden. Aber irgendwo, wo es nicht so heiß ist. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

Es ist Mittag auf der Insel Mamendhoo, die Sonne brennt, die Luft scheint zu stehen. Easha sitzt auf dem Schulhof unter einem Baum im Schatten und zeichnet in ihr Heft. Am liebsten malt sie zurzeit Gesichter, sorgsam schattiert sie ein Auge mit ihrem Bleistift aus. „Ich möchte mal Kunst studieren und dann Fotografin werden. Meine Lehrerin sagt, ich hätte viel Talent“, erzählt die Zwölfjährige.

Bisher hat ihr Vater nicht genug Geld, um ihr eine Kamera oder ein Smartphone zu kaufen. „Wenn ich mal älter bin, möchte ich meine Familie unterstützen. Ich hoffe, wir können hier wegziehen“, erzählt Easha, während sie das gemalte Auge tiefschwarz umrahmt. „Es ist einfach zu heiß hier. Ich würde gern irgendwo leben, wo es kühl ist. Oder zumindest nicht so heiß wie hier“, sagt die Zwölfjährige und signiert ihr Bild schwungvoll mit ihrem Namen.

Easha ist nicht die Einzige, die unter den hohen Temperaturen leidet. Die Lehrer ihrer Schule berichten, das täglich zwei oder drei Kinder nach Hause gehen müssen, weil sie durch die Hitze an starken Kopfschmerzen und Dehydrierung leiden.

In Zukunft wird die Lage sich jedoch noch verschlimmern: Laut Informationen des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) auf den Malediven werden die Temperaturen in den Regionen im Indischen Ozean bis 2080 um rund 3 Grad Celsius steigen.

Mauroof, 54: „Die Menschen leben in ständiger Angst vor der Flut“

Mauroof Ahmed leitete das UN-Hilfprogramm im Laamu-Atoll. Er sorgt sich um die Menschen, die nahe am Strand leben. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

Mauroof Ahmed ist so etwas wie der Oliver Kahn der Malediven. Seine Karriere als Torwart in der Fußball-Nationalmannschaft ist zwar 30 Jahre her. Aber wenn er auf den kleinen Dorfstraßen der Inseln unterwegs ist, begrüßen ihn alle mit „Maattey“, seinem Fußballer-Spitznamen. Kinder und Erwachsene geben ihm High Five. Einmal Fußballheld, immer Fußballheld. Dabei arbeitet Mauroof seit vielen Jahren nicht mehr als Fußballprofi, sondern als Projektmanager. Er leitete drei Jahre lang ein Hilfsprogramm für die Vereinten Nationen, das die Inseln im Laamu-Atoll gegen die Folgen des Klimawandels wappnen soll.

An der Nordseite von Mamendhoo zeigt Mauroof auf das Meer hinaus: „Ich kenne diese Insel seit 15 Jahren. Die Küstenlinie verlief gut 30 bis 50 Fuß weiter hinten als jetzt. Als ich das erste Mal hier war, fühlten die Leute, die in der Nähe des Strandes leben, sich noch sicher.“

Doch nun ist das Meer bis auf wenige Meter an die Häuser am Strand herangerückt. Das liegt nicht nur am steigenden Meeresspiegel, sondern besonders an der Küstenerosion. Das Meer trägt die Insel ab – eigentlich ein natürlicher Vorgang. Doch seitdem immer mehr Korallenriffe durch die Erwärmung des Meeres absterben, fehlt zunehmend eine natürliche Barriere gegen die Wellen, die den Sand wegspülen. Es zieht den Menschen ihr Zuhause unter den Füßen weg. Verschiedene Orte am Strand, an denen die Menschen früher ihre Boote bauten, gibt es heute nicht mehr.

Jeden Monat stürzen Palmen um, die im unterspülten Boden keinen Halt mehr finden. Lokale Politiker lassen sich im Wahlkampf an diesem Strand oft fotografieren, erzählt Mauroof. Die bereits gefährlich schräg stehenden Palmen sind ein Symbol für die Sorge der Bevölkerung. „Die Menschen leben in Angst vor dem steigenden Meeresspiegel und vor Sturmfluten, die ihr Zuhause zerstören könnten, besonders während des Monsoons“, sagt Mauroof. Einige wurden bereits vom Inselrat umgesiedelt, weiter ins Innere und in den Süden der Insel.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen versuchte, im Laamu-Atoll zu helfen, in dem sie zum Beispiel die Inselbewohner darin unterstützen, Mangroven anzupflanzen: Pflanzen, die auch im Salzwasser wachsen können und dann mit ihren starken Wurzeln die Abtragung des Bodens verhindern. Trotzdem bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Menschen auf Mamendhoo ihre Häuser verlassen müssen.

Fathimath, 30: „Das Wasser stand einen halben Meter hoch“

Fathimath Moona hat ihre Ernte an eine Sturmflut verloren. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

Es sind zehn Minuten Fußmarsch von Fathimaths Garten bis zum Strand. Doch die Insel Maabaidhoo liegt kaum 1 Meter über dem Meeresspiegel. Wenn eine Sturmflut auf die Insel trifft, wird sie zu großen Teilen überflutet. Das gab es auch schon früher, Überflutungen gehörten zum Alltag der Inselbewohner. „Aber jetzt sind die Sturmfluten viel stärker als früher und kommen tiefer ins Inselinnere“, erzählt die 30-jährige Fathimath.

Sie arbeitet als Lehrerin an der Schule der Insel. Um zusätzlich Geld zu verdienen, verkauft sie Chili, die sie in ihrem Garten anbaut. Chili ist eine der wenigen Pflanzen, die auf dem nährstoffarmen, sandigen Boden der Malediven wachsen.

Ihr Geschäft lief gut - dann kam die Sturmflut. „Das Wasser stand einen halben Meter hoch, meine gesamte Ernte wurde vernichtet. Ich musste von vorn anfangen“, erzählt Fathimath. Damit war sie nicht die einzige: Die Sturmflut im August 2017 zerstörte zahlreiche Häuser und Ernten der gut 600 Einwohner von Maabaidhoo. Auch auf anderen Inseln im Laamu-Atoll berichten die Menschen, dass die Stärke und Häufigkeit der Sturmfluten zunimmt.

Es ist statistisch schwer nachzuweisen, dass die höhere Intensität von Wetterphänomenen im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht. Viele Klimaforscher gehen jedoch davon aus, dass Extremwetter mit den steigenden Temperaturen zunehmen. Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte im März diesen Jahres vor mehr Stürmen, extremen Regenfällen und Hitzewellen aufgrund der Klimaerwärmung.

Ali, 29: „Wir hatten Angst, nicht genug Trinkwasser zu haben“

Ali Faisal versucht, seine Insel mit Wassertanks für längere Trockenzeiten zu wappnen. Foto: Teresa Pfützner / Noizz.de

In dem kleinen Haus, in dem der Inselrat von Maabaidhoo zusammen kommt, drehen sich die Ventilatoren auf höchster Stufe. Heiß bleibt es trotzdem. Ali Faisal, 29, trifft sich hier mit seinen beiden Kollegen des Inselrates. Thema heute: Die Trinkwasserversorgung auf der Insel.

Das Wetter hat sich verändert“, erzählt Ali. „Früher wussten wir genau, wie lange die Regen- und Trockenzeiten dauern. Aber jetzt werden die Trockenzeiten immer länger.“ Die kleinen, privaten Wasserspeicher, die jedes Haus auf der Insel hatte, reichten nicht mehr, um genug Wasser für die Trockenzeit aufzufangen. „Wir hatten Angst, nicht genug Trinkwasser zu haben“, sagt Ali.

Vor kurzem haben sie große Speichertanks bekommen, finanziert aus einem Entwicklungshilfefonds der dänischen Regierung. Auf Mabaidhoo können die Menschen nun genug Wasser für die Trockenzeit sammeln – doch auf vielen anderen Inseln bleibt die Lage schwierig.

Auf den Malediven waren wir nicht nur im Laamu-Atoll unterwegs, sondern auch auf der künstlichen Müllinsel Thilafushi. Hier landet der gesamte Abfall des Inselstaates. Was wir dort gesehen haben, zeigt euch dieses Video:

[Disclaimer: Die Recherche für diesen Artikel wurde unterstützt von der DGVN e.V.]

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