Dank der EU kenn' ich Marta – meine polnische Seelenverwandte

Alina Leimbach

Pop & Politik
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Ohne die Eu würde Alina Marta nicht kennen. Foto: Tim Reckmann, (Collage: NOIZZ.de) / pixelio.de

Ein ganz persönlicher Text zum 25. Geburtstag der Europäischen Union.

Früher waren wir alle Klischees: die grimmigen Deutschen, die Frosch-fressenden Franzosen. Hm, aber das war es dann auch schon, was mir an Klischees einfällt.

Gut so.

Heute ist es nicht mehr normal, all die nationalen Klischees zu kennen. Stattdessen kennen wir die Menschen dahinter. Und das geht vor allem auch durch die EU (Europäische Union).

Die wird heute 25 Jahre alt. Denn vor 25 Jahren wurden der Vertrag von Maastricht unterschrieben. Damit wurde die EU geschaffen, so wir sie heute kennen und sich auf eine gemeinsame Währung geeinigt: Den Euro. Weniger bekannt, aber umso wichtiger für mich: die Europäische-Staatsbürgerschaft. Wir sind seitdem alle auch Europäer per Pass! Mit Maastricht sind wir also in Europa alle noch mal ein wenig näher zusammengerückt.

Davor gab es eine, etwas losere Gemeinschaft, die EG (Europäische Gemeinschaft).

Meine früheste europäische Erfahrung gibt es deswegen so eigentlich gar nicht mehr. Jedenfalls habe ich als kleines Kind zuletzt bewusst eine Grenzkontrolle in Europa mitgemacht. An der polnischen Grenze.

Meine Großeltern haben ein Haus in Mecklenburg-Vorpommern, Polen ist nur 20 Minuten mit dem Rad weg. Doch bis ich 14 war, dufte ich da nur mit Pass hin.

Das hieß: Anstellen vor Containeranlagen, meistens in der Hitze warten. Ein Drahtzaun versperrte die Grenze zur Weiterfahrt. Polen gehörte da noch nicht zur EU.

Ach, und da fällt mir doch noch ein Klischee ein: Die Polen klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Heute fahre ich einfach mit dem Rad auf der Strandpromenade weiter. Rein nach Polen. Möglich macht das mein europäischer Pass.

Martha und ich schauen dieselben Netflix-Serien

Dass Polen alles klauen, kann ich definitiv nicht bestätigen. Ich weiß nur, dass ich in Marta, einer jungen Polin, meine nie geborene Zwillingsschwester gefunden habe.

Wir reden über die gleichen Künstlerinnen, haben kein Problem, uns offen über Sex und den, vom Ex-Freund bezahlten Vibrator, auszutauschen und haben sogar die gleichen Texte von Soziologen gelesen – obwohl sie in Polen studiert hat und ich in Deutschland. Und klar: Die gleichen Netflix-Serien schauen wir auch.

Kennen gelernt habe ich Marta in England, als wir dort studierten. Weil Studenten aus der EU „Home Students“ waren, Studierende von Zuhause, ist das auch nicht mal so teuer gewesen. Denn wir zahlten das Gleiche wie die Briten. Zumindest bislang.

Wir haben alle einen EU-Pass

Auch das möglich ohne ein 60-seitiges Visum auszufüllen, weil wir beide „European Union“ auf unserem Pass drauf stehen haben.

Auch das hat Maastricht vor 25 Jahren eingeführt. Wir sind dadurch alle nicht nur Deutsche, Polen, Franzosen, sondern gleichzeitig auch: europäische Staatsbürger. Damit ist garantiert, dass wir überall in der EU arbeiten und leben dürfen.

Studiert habe ich auch noch europäische Sozialpolitik. An der Stelle muss ich auch mal Kritik üben: Man lernt so ein bisschen was in der Schule über die EU und andere Staaten, aber bei weitem nicht genug. Ich wollte es genauer wissen, wie das aussieht, und musste es studieren.

Es war mega egal, woher man kam

In den teilweise dunklen Seminarsälen saß ich mit Briten, Luxemburgern, Französinnen, Rumänen, Polen und Türkinnen. Die steuerten dann noch eigene Erfahrungen bei aus den Ländern, wo sie sich auskannten.

Gelernt hab ich dadurch fast mehr über die verschiedene Sozial- und Bildungssysteme der EU als im Hörsaal selbst.

In der meisten Zeit war es aber einfach nur mega egal, woher man kam. Denn verstehen hatte mal wieder gar nichts mit Nationalität zu tun. Eher, ob man Autor X oder Autorin Z cooler fand. Das waren die härteren Lager bei uns.

Und dann war da noch diese europäischste Erfahrung überhaupt: Die damals anstehende Wahl des EU-Parlaments 2014.

Okay, das klingt zwar mega nerdy-terdy, aber mit den Spitzenkandidaten, die es damals erstmals gab, war das eine hochspannende Sache. Nicht der Super Bowl, nicht der nächste Party waren Thema, sondern welcher Kandidat was gerade machte und versprach.

Wir surften auf der europäischen Welle

Dass wir überhaupt wählen durften, liegt auch am Maastrichter Vertrag. Denn der garantiert, dass wir nicht nur frei umziehen dürfen in der EU – sondern dort, wo wir leben, auch wählen können. Und zwar zum einen auf regionaler Ebene, aber auch das EU-Parlament. Das ist unsere Vertretung in der EU.

Kurze Zeit surften wir einfach auf dieser großen europäischen Welle. Einige von meinen Freunden engagierten sich direkt für eine hohe Wahlbeteiligung, indem sie Flyer verteilten, manche machten Fotoaktionen.

Dass man sich politisch und vermutlich auch ein bisschen etwas bewegen konnte, obwohl man im „Ausland“ lebte, war ein ziemlich gutes Gefühl.

Denn genau das sollte meiner Meinung nach möglich sein in einer Welt, die internationaler wird: sich dort einmischen zu können und seine Stimme erheben zu können, wo man lebt und sich zuhause fühlt, selbst wenn man dort nicht geboren ist.

Meine Freundin Marta ist der europäische Traum nun zerplatzt – denn sie ist in England geblieben und weiß nicht, wie es für sie weitergeht. Ihre Freunde und ein Teil ihrer Familie sind mittlerweile in Großbritannien. Es könnte sein, dass sie ihre neue Heimat verlassen muss.

Ich möchte die EU nicht missen.

Denn aus Klischees werden Freunde. Aus Beobachten wird Mitmachen, selbst, wenn man nicht mehr dort lebt, wo man geboren ist. Wenn die Grenzen wieder hochgezogen werden, wäre vieles davon nicht möglich.

Deswegen möchte ich der EU zu 25 Jahren Maastrichter Vertrag Happy Birthday sagen. Aber vor allem auch: Alles Gute!

Quelle: Noizz.de

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