Wie viel Schuld hat das Internet am Kindermord von Herne?

Alina Leimbach

Pop & Politik
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Hat das Internet Mitschuld? Foto: dpa / Silas Stein

Denn der mutmaßliche Täter prahlte dort mit seinem Mord.

Es waren weder die Eltern, noch die Polizei, die zu allererst von dem Mord an dem 9-jährigen Jungen aus der Kleinstadt Herne wussten. Es waren Internet-User. Genauer gesagt: User der Website 4Chan.

Dort lud ein Freund von Marcel Heße Screenshots aus deren Chatverlauf hoch – mitsamt dessen Ankündigung, „was Knastreifes” zu machen. Auch Bilder der Tat mit einem blutverschmierten Marcel Heße wurden dort nach der Tat veröffentlicht. Die 4Chan User verurteilen das Ganze nicht – sie feierten den Mord und forderten sogar Videos. Auch der Täter meldete sich dort wahrscheinlich nach der Tat auf der Flucht zurück.

Das berichtete VICE zu erst. Die Polizei bestätigte dem Magazin die Echtheit der auf 4Chan veröffentlichten Chatverläufe. Die Screenshots, die das Ganze zeigen, liegen auch NOIZZ vor.

Ein Ausschnitt aus einem 4Chan Thread über Marcel Heße Foto: Screenshot / 4Chan.Org

4Chan ist entgegen dem, was Medien zuerst meldeten, keine Darknet-Seite. Sie ist ganz regulär zugänglich, und so etwas wie der „Mülleimer des Internets”. Hier werden des öfteren Nacktbilder der Exfreundin hochgeladen, mit der Bitte, sie weiterzuverbreiten. Wer seine Vergewaltigungsphantasien hier öffentlich erzählt, wird bejubelt. Je heftiger, desto mehr Applaus ist dem User von der Community sicher. Auch die Alt-Right-Bewegung, die Trump bejubelt, hat ihre Wurzeln teils in dem /pol/ Board des Forums.

Geistige Ergüsse randomly rausgepcikt aus dem aktuellen /b/ Thread Foto: Screenshot / 4Chan.Org

Und es ist nicht das erste Mal, dass dort auch Mörder mit ihren Taten prahlten oder zur Selbstverletzung aufgerufen wird. Die USA hatten ihren Marcel Heße jedenfalls schon. Ein Mann postete Bilder seiner toten Exfreundin – ebenfalls Stunden, bevor die Polizei ihn fand.

Für die User ist das alles nur anarchistischer Humor, den sie geschützt durch die Anonymität ausleben können. Die Plattform hat keine Suchfunktion, alte Einträge verschwinden einfach nach kurzer Zeit.

Wir haben den Medienpsychologen Tobias Dienlin von der Uni Hohenheim gefragt, welche Rolle Foren wie 4Chan bei solch krassen Verbrechen wie dem Mord von Herne spielen. Er forscht seit Längerem zu den Auswirkungen von Anonymität im Netz.

NOIZZ: Herr Dienlin, wie würden Sie die Rolle von 4Chan in dem Fall Marcel Heße einschätzen? Hätte der Mord auch ohne das Portal stattgefunden?

Tobias Dienlin: Das ist natürlich aus der Ferne nicht zu beurteilen. Generell dürfte es sich aber so verhalten, dass 4Chan nicht die eigentliche Ursache sein wird. Das sind tiefere, psychologische Faktoren, die davor geschaltet sind. Beispielsweise ein Mangel an Selbstwert, negative Erfahrungen in der Lebensgeschichte und so weiter. Dennoch kann man durchaus davon ausgehen, dass 4Chan einen Anteil hatte. Es kann eine Art Brandbeschleuniger sein.

Brandbeschleuniger? Wie meinen Sie das?

Dienlin: Wer Zuspruch erfährt, auch wenn es sich im Bereich des Abseitigen bewegt, der macht oft weiter. Das tut in irgendeiner Form gut. Außerdem sinken online, im Rahmen der Anonymität, die Hemmschwellen. Das wissen wir mittlerweile sehr gut aus der Forschung. Online ist es legitim, krasser zu sein, als man es sich es sonst trauen würde. 4Chan fordert das gerade zu heraus. Je krasser der Witz, den man reißt, je größer das Tabuthema, das man aufbringt, desto angesehener ist man dort.

4Chan Erfinder Christopher Poole alias "Moot" Foto: Valis Iscari0t / flickr.com CCO

Aber, wie Sie sagen, ist das doch alles nur online. Das meint doch keiner ernst, was er da so schreibt.

Dienlin: Ja und nein. Früher war eine oft geäußerte Meinung in der Wissenschaft, dass, wenn wir alles mal so richtig rauslassen, das eher eine reinigende Wirkung auf uns hat. Mittlerweile glaubt das die Forschung aber nicht mehr. Wir werden jetzt vielleicht nicht direkt zu Teufeln, aber wenn wir auf unterstem Niveau schimpfen und Gewalt verherrlichen, selbst im Scherz, lässt uns nicht unberührt. Es verändert, wie wir ticken.

Da sind wir doch wieder bei der alten Killerspiele-Debatte. Nicht jeder, der Counterstrike spielt, geht doch im Real-Life los und ballert. Das ist doch Quatsch.

Dienlin: Nein, natürlich nicht. Das wäre zu einfach gedacht. Nicht jeder, der online über alle menschlichen Hemmschwellen hinweg pöbelt und über Mord phantasiert, wird das umsetzen. Aber soweit wir aus der Forschung wissen, hat das eben durchaus einen kleinen Effekt auf unsere Einstellungen und Ansichten. Bei einigen kann das dann durchaus der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Würde es etwas bringen, Portale wie 4chan zu verbieten?

Dienlin: Nein, das wäre nicht sinnvoll. Es wäre besser, wenn flächendeckend in den Schulen klargemacht wird, was Online-Pöbeleien nach sich ziehen können. Und dass wir es eben immer noch mit echten Menschen zu tun haben. Auch wichtig: sich trauen, online Zivilcourage zu zeigen. Wenn wir dazwischen gehen, wenn es zu heftig wird, kann das auch helfen.

Guy Falks mitsamt seiner Maske dient immer wieder als Referenzquelle für 4Chan-User Foto: Michael Mandiberg / flickr.com CCO

Quelle: Noizz.de

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