Wie realistisch ist ein Atomkrieg?

Alina Leimbach

Pop & Politik
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.. denn US-Präsident Trump will wieder aufrüsten.

Es war eine der größten Ängste von Trump-Gegnern: dass Donald Trump als Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Armee auch über die amerikanischen Atomwaffen verfügt. Denn Trump ist bekannt für seine impulsiven Äußerungen und Handlungen. In Verhandlungen vielleicht taktisch, aber bei Atomwaffen extrem gefährlich.

Mit seiner neuesten Äußerung sehen sich die Kritiker nun in ihren Befürchtungen bestärkt: Donald Trump hatte gestern gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärt, dass er Amerika wieder zur führenden Nuklearmacht der Welt machen will.

„Ich bin der erste, der es gerne sehen würde, dass niemand mehr Atomwaffen besitzt”, so Trump. „Aber solange Staaten Atombomben besitzen, müssen wir die Spitze des Rudels sein”, sagte er. Das ist eine Umkehr der bisherigen Atomwaffenpolitik der USA.

Die Nichtregierungsorganisation ICAN (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) gehört zu den schärfsten Kritikern von Atomwaffen weltweit. Wir haben mit Martin Hinrichs gesprochen, der bei ICAN Deutschland als Campaigner arbeitet und ihn gefragt, warum er sich Sorgen macht und was Trumps Pläne für uns in Deutschland bedeuten könnten.

NOIZZ: Was ist denn an Atomwaffen so gefährlich?

Martin Hinrichs: Derzeit gibt es weltweit etwa 14.000 Atomsprengköpfe. Jeder einzelne davon könnte über 100.000 Menschen töten. Die heutigen Atomwaffen sind um ein erhebliches Ausmaß gefährlicher als die Atombomben, die damals in Hiroshima mehr als 200.000 Menschen getötet haben. Weil sie so unterschiedslos alles Lebendige töten, schätzen wir von ICAN ihren Einsatz als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Aber warum muss ich mir denn eigentlich Sorgen machen? Die heutigen Atomwaffen dienen doch nur zur Abschreckung, nicht zum Einsatz ...

Hinrichts: Es hat in der Geschichte viele Unfälle und Beinahe–Abschüsse gegeben. Außerdem gibt es immer einen Punkt, wo sich eine Seite dazu hingerissen fühlen könnte, die Waffen doch einzusetzen, um Stärke zu beweisen. Das war bereits in den 60er bis 80er Jahren oftmals haarscharf der Fall gewesen, als Russland und die USA schon einmal hochgerüstet haben.

Aber die sind doch richtig weit weg! Russland und die USA sind jeweils einige hundert, wenn nicht tausende Kilometer entfernt.

Hinrichs: Na ja, was vielen nicht klar ist: Auch in Deutschland, in Rheinland-Pfalz, sind amerikanische Atomwaffen stationiert! Deren Sprengkraft wird zehnmal größer eingeschätzt als die der Hiroshima-Bombe. Wir sind NATO-Partner und somit Verbündeter der USA. Wenn es zu einer Eskalation zwischen Russland und den USA kommt, werden wahrscheinlich die Waffen von hier aus eingesetzt, weil sie näher an Russland dran sind.

Kampfjets im deutschen Fliegerhorst Büchel. Dort sollen einige US-Atomwaffen gelagert sein Foto: A3461 Thomas Frey Satellit / dpa picture alliance

Droht uns jetzt wieder ein neues Hochrüsten – wie im Kalten Krieg?

Hinrichs: Ja, aber nicht erst seit Trumps neuer Aussage. Schon seit der Ukraine-Krise tritt der alte Ost-West-Konflikt offen zu Tage. Überall rüsten die  Atommächte wieder auf, egal, ob Indien, Pakistan, die USA oder Russland. Auch Obama hatte wieder hochgerüstet.

Hatte Obama sich nicht für eine Abrüstung ausgesprochen?

Hinrichs: In der Tat hatte Obama angekündigt, das US-Arsenal in gewissen Ausmaßen zu verkleinern. Allerdings hat er zeitgleich ein 1-Billiarde-Dollar-Programm aufgelegt, in dem der US-Bestand binnen 30 Jahren auf den neuesten Stand gebracht werden soll. Ein bisschen kleiner, aber dafür deutlich moderner, so könnte man Obamas Atomwaffenpolitik zusammenfassen.

Wenn ohnehin aufgerüstet wurde, was macht Trumps Ankündigung dann so skandalös?

Hinrichs: Trump will eben nicht nur modernisieren, sondern wieder die Zahl der Sprengköpfe erhöhen! Das ist enorm gefährlich, weil er damit internationale Atomabkommen, wie den START-Vertrag oder den Atomwaffensperrvertrag, eigenmächtig aufkündigen würde. Andere Länder dürften dem Beispiel dann folgen. Wenn um sie herum aufgerüstet wird – warum sollten sie dann „ohne“ Atomwaffen bleiben? Ein ziemlicher Teufelskreis!

Gibt es keinen Weg, Trump zu stoppen?

Hinrichs: Doch. In den Vereinten Nationen gab es erst vor wenigen Wochen auf Initiative von ICAN und einigen anderen Staaten einen großen Durchbruch: Zwei Drittel aller Länder stimmten dafür, Atomwaffen zu verbieten. Alle anderen Massenvernichtungswaffen sind schon längst verboten: Beispielsweise Streubomben, Biologische oder Chemische Waffen. Das wird auch von den USA und anderen Ländern akzeptiert. Bei Atomwaffen sehen wir als ICAN das genau so. Im März beginnen dann die Verhandlungen zum Verbot.

Was könnte Deutschland gegen die atomare Wiederbewaffnung tun?

Hinrichs: Wahrscheinlich sogar einiges. Deutschland ist eine sehr gewichtige, internationale Stimme. Allerdings sieht es derzeit nach dem Gegenteil aus. Bei den Vereinten Nationen hat Deutschland gegen ein Atomwaffenverbot gestimmt. Dabei hat Deutschland sich sonst immer für nukleare Abrüstung eingesetzt! Nun wollen sie auch bei den Verhandlungen dazu nicht teilnehmen. Das finden wir von ICAN skandalös und fordern Deutschland dringend auf, sich wieder aktiv in die Atomdebatte einzumischen – und zwar mit einer klaren Absage gegen ihren Einsatz.

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