Unter Junkies: Ein Tag in Europas größter Heroin-Hilfe

Alina Leimbach

Pop & Politik
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Erfahrungen aus dem Druckraum in Frankfurt Ostend.

Es ist kurz nach 10 Uhr morgens. Boris beginnt in einem Löffel sein Fentanyl aufzukochen. Fentanyl ist ein sehr starkes Opiat, ähnlich wie Heroin – nur 100 Mal stärker. Dann geht Boris noch einmal zurück zum Tresen und fragt Till: „Sag mal hast du noch dünnere Nadeln? Die hier sind zu dick.”  Und Till, der Sozialarbeiter, schaut nach und reicht Boris zwei Kanülen.

Alltag in der größten Drogenhilfeeinrichtung Europas, dem Eastside in Frankfurt. Hier kommen täglich Menschen hin, um sich Heroin zu spritzen, Crack zu rauchen oder sich ihren „Cocktail” zu geben – das sind Crack-Heroin-Gemische. Das alles mit sauberen Nadeln, die sie hier bekommen, und Personal, das immer bereit ist, wenn einer mal zu viel erwischt.

Abbinder für die Venen und daneben Papier zum Heroin schniefen Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Was erst einmal krass klingt, ist eine der wichtigen Säulen für Frankfurt, um mit seinem Drogenproblem mittlerweile ganz gut klarzukommen.

„Seit wir den Raum haben, gibt es weniger Drogentote, deutlich weniger. Von bis zu 200 pro Jahr konnten wir die Zahl auf 25 bis 30 reduzieren”, sagt Beatrix Baumann, Leiterin des Eastside. 1994 eröffnete die Einrichtung im Frankfurter Osten als Ort, wo sich Heroin-Abhängige ihre Substanzen spritzen können. Es war der erste legale Konsumraum Deutschlands.

Gemeinsam mit seinem Trägerverein, der „integrativen Drogenhilfe” (idh), gilt er in der ganzen Welt als Vorbild in der Drogen- und Suchtpolitik. „Wir kriegen Besuche von Polizeipräsidenten, Politikern und Suchtforschern aus Kanada, Japan, den USA”, sagt Baumann.

Der Konsumraum Eastside im Frankfurter Ostend Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Immer um 9.45 Uhr öffnet der Druckraum – jeden Tag. Pro Jahr werden hier rund 9000 Schüsse gesetzt und Pfeifen geraucht. Obwohl er im Osten der Großstadt liegt, und damit deutlich außerhalb des Bahnhofsviertels, gibt es viele Junkies, die kommen. Ein Grund dafür: Das Eastside bietet auch Schlafplätze, medizinische Versorgung und ein wenig Ruhe.

Es ist 10.48 Uhr, der Raum hat erst seit einer knappen Stunde geöffnet, und schon kommt die sechste Klientin, Julia. Am Tag sind es etwa 20 bis 30 Nutzer, meistens Männer.

Im Druckraum wendet sich Julia an Till, einem von zwei Sozialarbeitern, die immer anwesend sind. „Einmal das Übliche.“ – „Was hast du?“ – „Hero.” Heroin.

Sie bekommt eine kleine Nierenschale. Darin: unbenutzte Nadeln, eine Spritze, ein Löffel mit Ascorbinsäure zum Aufkochen ihres Stoffs und ein Handschuh zum Saubermachen. Das typische „Fixerbesteck“.

Vorbereitete Pumpen zum Aufkochen und Injizieren von Heroin Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Jede Substanz, die im Raum konsumiert wird, muss im Computer verzeichnet werden. Auch der Name der Person, aber nur für die interne Statistik.

„Und einmal Hände waschen, bitte”, sagt Till. „Klar”, sagt Julia, lächelt und betritt den Druckraum. Hygiene wird hier groß geschrieben.

Der Druckraum sieht aus wie ein Mischung aus Klinik und Friseursalon. Acht Tischchen mit großen Spiegeln stehen hintereinander aufgereiht. Die Wände sind in Eierschalen-Farben gekachelt. Alles riecht nach Desinfektion. Und alles, wirklich alles glänzt.

Alle, die hier eintreten, müssen sich zuallererst ihre Hände waschen – und desinfizieren, bevor sie gehen. Zusätzlich wird hier jeden Tag mehrfach von einer Reinigungskraft geputzt.

Infoflyer zum Safer Use und Hepatitis Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Jetzt ist Julia dran. Sie schaut sich lange im Spiegel an. Guckt wie die Haare sitzen, zupft ihr reinweißes T-Shirt zurecht. Darunter ebenfalls ein blütenweißes Unterhemd – Drogenabhängigkeit ist nicht gleichbedeutend mit schmutzig.

Weil Boris und Sergej neben ihr gucken, kriegen die einen Spruch von Julia: „Ey, wenn ich das jetzt ausziehe, schießt ihr euer Zeug daneben. Das kann ich echt nicht machen. Nachher verlangt ihr von mir, dass ich euch Neues kaufe.”

Dann beginnt Julia, sich ihr Bein abzubinden, um sich ihr Heroin in den Fuß zu spritzen.

Vielen sind solche Szenen fremd. Einen Abhängigen sehen wir vielleicht mal am Bahnhof, wenn er – auf „Turkey“ – gestresst um Geld bettelt. Das war's. Aber dass Süchtige eben auch Menschen aus Fleisch und Blut sind, mit Humor, Witz und Intelligenz – das findet in den TV-Berichten und reißerischen Artikeln über „die Junkies” von der Straße selten Platz.

"Lieber sniefen" – Nase ziehen als spritzen und dazu Kondome Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Hier, in der Einrichtung, ist Drogenkonsum Alltag – wie für viele Tausende Menschen in Deutschland. Alleine in Frankfurt gibt es etwa 4000 bis 5000 Nutzerinnen. Derzeit steigt bundesweit die Zahl der Drogensüchtigen wieder – auch die der Drogentoten. In Frankfurt ist jene Zahl stabil, seit es das Eastside und die anderen Druckräume gibt.

Das war nicht immer so. In den 80er- und 90er Jahren galt Frankfurt als eine der Junkie-Hauptstädte Europas. Direkt vor den Banken, in einer Parkanlage, tummelten sich täglich mehrere Hundert Abhängige. Manchmal waren es bis zu Tausend. Konsumierten in aller Öffentlichkeit. Etwas musste getan werden.

Einfach härter durchgreifen. Die zunächst naheliegende Reaktion fußte null. Daher beschloss man sich jenen Weg zu gehen, den Suchtforscher schon lange vorgeschlagen hatten: den Abhängigen in einem ersten Schritt Räume zu geben, wo sie sich spritzen konnten. Wie eben im Eastside.

„Akzeptierende Drogenpolitik”, nennt sich Derartiges. Die damalige CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth setzte sich auf Bundesebene stark dafür ein – denn lange Zeit galt ein Druckraum als rechtlich nicht machbar.

Wer nicht vor Ort konsumiert, kann sich sauberes Material kaufen Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Mittlerweile gibt es Druckräume in Hamburg, Berlin, Saarbrücken, NRW und Niedersachen. Aber längst nicht überall: Bayern wehrt sich dagegen – total. Dort ist die Quote der Drogentoten auch am höchsten.

Im Eastside können Abhängige ankommen

Aber das Eastside ist viel mehr als nur ein Ort, wo Abhängige sich ihr Zeug verpassen können. Es ist ein Ort, wo Menschen mit Suchtproblem ankommen können und unterstützt werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Es gibt 70 Schlafplätze, ein Café, medizinische Versorgung und psychosoziale Betreuung. Wer seinen Tagesablauf stabilisiert, kann in der Werkstatt arbeiten, als Möglichkeit, wieder einen Job zu finden. Dazu kommen Reduzierungsprogramme und Bewerbungstrainings. Und noch vieles mehr.

Es ist 11.12 Uhr, und Sergej rührt sich im Druckraum nicht mehr. „Scheiße! Guck mal, der sieht gar nicht gut aus!”, ruft Millie, die zweite Sozialarbeiterin.

Genau dafür sind die großen Spiegel da, um die Gesichter der Konsumenten zu sehen. Und Sergejs Gesicht ist plötzlich käsegelb. Sein Kinn ist auf die Brust gefallen. Millie rennt zu ihm. „Sergej! Nicht einschlafen!”, ruft sie und fasst ihm an die Schulter.

Till wählt derweil 112. Vermutlich eine Überdosis – keine Seltenheit beim starken Fentanyl. Doch im letzten Moment reagiert Sergej wieder. Die Erleichterung ist Millie anzusehen.

40 bis 50 Notrufe pro Jahr gibt es im Eastside wegen Überdosen. Doch im Konsumraum ist noch nie jemand gestorben. Weder in Frankfurt, noch in Berlin, noch anderswo. Gerade das ist einer der größten Erfolge der Einrichtungen.

„Ich komme her, weil es ruhiger ist und weil ich mit wem quatschen kann”, sagt Sergej. Kaum ist er wieder bei sich, scherzt er schon wieder. Er vergleicht sich mit einem Marathonläufer.

Im Eastside wird auch an verstorbene Süchtige erinnert Foto: Alina Leimbach / Noizz.de

Der Absprung aus der Drogenszene ist schwer. Er kann gelingen – aber nicht immer. „Dass jeder clean wird, ist leider unrealistisch. Wenn wir hier die Menschen stabilisieren können und ihnen einen geregelteren Alltag ermöglichen, ist schon viel gewonnen”, sagt Leiterin Beatrix Baumann.

Immerhin, das gelinge bei 80 Prozent all jener Menschen, die länger als zwei Monate im Eastside schliefen. „Die Menschen haben dann wieder einen geregelten Tagesablauf, und ihre Gesundheit und Psyche stabilisiert sich deutlich”, sagt Baumann.

Doch auch sonst ist die Bilanz des Eastside sehr gut. Die Einrichtung ist in Frankfurt eine feste Instanz geworden und findet überparteilich Zustimmung. Denn vieles hat sich seit der Einführung verbessert. Weniger Kriminalität, deutlich weniger HIV-Neuerkrankungen, auch einige, die weggekommen sind von den Drogen. „Wir wollen den Menschen ein gutes Leben ermöglichen – so gut es geht”, sagt Baumann zum Schluss.

Und nicht zuletzt würde es auch um die Einstellung der Gesellschaft gegenüber ihren Klienten gehen: „Abhängigkeit ist eine Krankheit. Die Leute sind nicht selbst schuld daran.”

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