Wir müssen dringend über das Wort „Terroranschlag“ sprechen

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Ein Polizist bewacht den Tatort vor der Moschee in Finsbury Park Foto: Yui Mok / dpa / dpa picture alliance

Bisher haben wir Terroranschläge immer mit Islamisten in Verbindung gebracht.

Als ich heute Morgen über den jüngsten Anschlag in London las, fiel mir auf, dass die Polizei und die Medien von Anfang an von einem Terror-Angriff auf muslimische Mitbürger vor einer Moschee sprachen. Der Täter war kein radikaler Muslim – im Gegensatz zu den anderen Attentaten, die England in den vergangenen Wochen erschüttert hatten.

Vorher haben Medien und Politiker solche Angriffe oft als Einzeltaten verwirrter Menschen beschrieben. Terrorismus, so die in den vorigen Jahren verbreitete Wahrnehmung, war ein Problem des Islam: Ein Anschlag kann doch nicht von weißen, christlichen Männern ausgeführt werden.

Was geschah in London?

Am Sonntagabend geht das Abendgebet in der Moschee von Finsbury Park, einem multi-ethnischen Stadtteil Londons, zu Ende. Es ist Ramadan. Den ganzen Tag lang dürfen Muslime nichts essen und nur Wasser trinken. Nach dem Abendgebet dürfen sie wieder essen – der schönste Teil des Tages.

Auf einmal rast ein weißer Van in eine Menschengruppe, die gerade die Moschee verlässt. Der Fahrer ist laut Polizei ein 48 Jahre alter Brite. Ein Mann in der Menschenmenge stirbt sofort, zehn Leute werden zum Teil schwer verletzt. Er soll „Ich will alle Muslime töten“ geschrien haben.

Mit diesem Van raste der Angreifer in die Menschenmenge vor der Moschee Foto: Joel Goodman / dpa picture alliance

Der Fahrer des Vans steigt aus. Die britische Zeitung „The Sun“ hat exklusiv ein Handy-Video veröffentlicht, das zeigt, wie ein Mann den Angreifer mutig zu Boden wirft.

Ein aufgeizter, aggressiver Mob stürzt sich auf ihn. Sie prügeln auf ihn ein – bis der Imam der Moschee dazwischen geht und damt sein Leben rettet.

Terrorangriff – schon wieder!

Der Londoner Bürgermeister und Premierministerin Theresa May sprechen sofort von einem Terror-Anschlag. Dieses Mal war es kein Islamist, der auf vermeintliche Ungläubige losging, sondern ein Christ, der Muslime töten wollte. Dennoch hat sein Attentat etwas mit denen gemeinsam, die in den vergangenen Monaten in England passierten: Immer wurden unsere Freiheitswerte angegriffen.

Jeder Angriff auf unsere Werte ist Terror

Berühmtestes Beispiel eines Anschlags, bei dem wir von einem gestörten Einzeltäter, jedoch nicht von einer Terror-Angriff sprachen, war der Massenmord des Norwegers Anders Breijvik.

Am 22. Juli 2011, zündete er eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo. Danach fuhr er, als Polizist verkleidet, auf die Insel Utøya und richtete ein Massaker in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend an.

Der Umgang mit diesem Anschlag war durchweg der Gleiche: Breijvik ist ein gestörter Einzeltäter ohne religiöse Motive. Die Wahrheit war jedoch: Breijvik veröffentlichte vor der Tat ein Manifest, in dem er davon sprach, im Namen des Christentums unsere Gesellschaft vor dem Islam und dem „Kulturmarxismus““ zu schützen.

Eindeutig handelte er also mit religiösen Motiven. Bis heute benennt kaum jemand seine Tat als das, was es war: ein religiös motivierter Terror-Anschlag. Greift jedoch ein Muslim eine Menschenmenge mit einem Messer an, so ist er kein gestörter Einzeltäter, sondern ein Terrorist.

Jeder Angriff auf unsere Freiheit, unsere Toleranz, kurz: unsere Werte ist ein Akt des Terrors. Breijvik griff die von Sozialdemokraten besonders gelebte Toleranz gegenüber allen Menschen an.

Genau das taten die Angreifer von Paris, Berlin, Manchester und London auch. Sie alle waren Terroristen – egal, welcher Religion sie angehörten.

Quelle: Noizz.de

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