Wyclef Jean hat mit uns über Trump, Haiti und den Karneval gesprochen

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Sein neues Album „J'ouvert“ ist nämlich da! Darauf feiert der Ex-„Refugees“-Star das Leben ...

NOIZZ: Wyclef, du bist in Haiti geboren. Mit neun Jahren kamst du in die USA. Was bedeuten die Vereinigten Staaten für dich?

Wyclef Jean: Meine Eltern sind schon vor mir ausgewandert. Sie wollten ein besseres Leben und zogen nach Brooklyn, New York. Als ich neun war, kam ich nach.

In Haiti hatten meine Familie und ich nicht viel – ein Outfit für das ganze Schuljahr, ein paar Schuhe. Als ich in den USA ankam, mit ihrem ganzen Konsum, war das schon ein Kulturschock.

Welche Werte verknüpfen du darüber hinaus mit den Vereinigten Staaten?

Wyclef: Die Vereinigten Staaten sind eigentlich ein Land der Immigranten, das Land des Willkommens, das Land der Geflüchteten, das Land, wo wir alle zusammenkommen und eins sind.

Derzeit riskieren wir, geteilt zu werden. Besonders in Bezug auf die Politik der vergangenen Wochen gibt es derzeit viel Protest in den USA.

Du sprichst damit besonders Donald Trumps Dekret an, das die Einreise von Flüchtlingen verhindern soll, obwohl die Kriterien dafür ohnehin schon zu den restriktivsten der westlichen Welt gehören. Beunruhigt dich das?

Wyclef: Ja, denn wir brauchen nicht noch mehr Teilung. Donald Trump bringt die Menschen auseinander, statt zusammen. Es ist wichtig, dass wir als Land stark bleiben.

Genau wie Trump bist du in New York, zudem im angrenzenden New Jersey, groß geworden. Erzählst du von deinem Leben als junger, haitianischer Immigrant zu jener Zeit?

Wyclef: Es war rough. Wenn du in die USA kommst und kein Englisch sprichst, versuchst du konstant, dich irgendwo zugehörig zu fühlen. Als kleiner Junge bin ich deshalb immer tiefer eingetaucht in Hip-Hop-Musik, Jazz und Rock’n’Roll. Musik war mein sicherer Hafen, mein Rückzugsort – ohne Sie wäre es umso härter gewesen.

Durch Hip-Hop habe ich auch Englisch gelernt. Mein Vater war ein Priester, und so bin ich in einem kirchlichen Kontext aufgewachsen, konnte mit 16 Jahren schon acht oder neun verschiedene Instrumente spielen.

In der Highschool interessierte ich mich sehr für Jazz und belegte auch Schulfächer dazu – ich mochte Thelonius Monk, und Quincy Jones war mein Lieblingsproduzent. Während andere Kinder nur den Künstlern zuhörten, beschäftigte ich mich mit den Menschen, die für die Künstler arbeiteten.

Die Vergangenheit Haitis und die der USA sind eng verschlungen, bis 1934 war Haiti sogar von den USA besetzt. Heute gilt es als das am wenigsten entwickelte Land auf dem Kontinent. Was läuft falsch?

Wyclef: Hauptsächlich geht es um Politik, um die Gesetzgebung. Wir brauchen stärkere Lobbyarbeit in Washington. Um ehrlich zu sein: Die USA helfen Haiti finanziell.

Ich glaube aber, die Zukunft des Landes liegt darin, den privaten Sektor zu stärken und Unternehmen dazu zu bringen, Jobs für die Bevölkerung zu schaffen.

Dafür braucht man aber eine gute Regierung, die in Verbindung mit anderen Ländern arbeiten kann. Seit Donald Trump Präsident ist, wissen wir umso weniger, wo Haiti steht.

Möchtest du wieder aktiv werden in der haitianischen Politik? 2010 wolltest du als Präsidentschaftskandidat antreten, musstest aber zurückziehen, weil du nicht lang genug in dem Land gelebt hast.

Wyclef: Ich bin damals aktiv geworden, weil ich musste. Ich bin eine bekannte Person in Haiti, Millionen Kinder schauen auf mich. Bei dem Erdbeben im Januar 2010 starben 250.000 Menschen und die Regierung war abwesend. Es war wichtig, dass ich das getan habe.

Die einzige Zeit, zu der ich mich so in den Vordergrund rücke ist, wenn ich fühle, dass die Regierung abwesend ist. Das ist gerade anders.

Du hast deine Karriere zusammen mit Lauryn Hill und Pras Michel begonnen, als Gruppe unter dem Namen „Fugees“, eine Kurzform für „Refugees“. Wieso dieser Name?

Wyclef: Wir alle kannten Menschen, die als Geflüchtete in die USA gekommen sind. Bei mir waren es sogar Familienmitglieder – manche von Ihnen starben im Meer, während sie Kuba umquerten.

Die Idee hinter dem Namen ist: Jeder Mensch sucht nach einem Zugehörigkeitsgefühl, möchte Teil von etwas sein. Wir wollten damit eine Bewegung ins Leben rufen, die Menschen zum Denken anregt und sich gleichzeitig zugehörig fühlen lässt.

Genau wie du haben auch viele andere Hip-Hop-Größen karibische Wurzeln: DJ Kool Herc, einer der Mitbegründer der Kultur, ist in Jamaika geboren, Notorious B.I.G.s Mutter kam ebenfalls von dort, oder Nicki Minaj, die aus Trinidad und Tobago stammt. Wie hat dieser Background deine Musik beeinflusst und auch Hip-Hop generell?

Wyclef: Wenn man aus der Karibik kommt, denkt man weitläufiger in Bezug auf Musik. Dort hören wir immer schon Country-Musik, wir hören Rock und auch Reggae – man sagt, Hip-Hop und Reggae seien wie Bruder und Schwester.

Hip-Hop ist eine Kultur, und mit der Musik kann man überall hin, es ist eine Masse, die von verschiedenen Einflüssen geformt ist. Das kann man in meiner Musik als auch im Hip-Hop generell hören.

Deine neue Platte heißt „J’ouvert“. Was bedeutet das?

Wyclef: J’ouvert ist in Brooklyn der Tag, mit dem der Karneval offiziell beginnt. Ich habe die Platte so genannt, weil sie das Leben zelebriert. Nach sieben Jahren ohne Album dachte ich mir, das wäre eine gute Idee.

Auf den Songs spreche ich darüber, wo wir waren, was wir durchgestanden haben und wo wir uns hinbewegen.

„The Carnival“ hieß auch dein Solodebüt, das vor 20 Jahren erschien. Dieses Jahr im Sommer willst du den dritten Teil der Karneval-Reihe veröffentlichen, „The Carnival III: Road to Clefification“. Wieso ist der Karneval dein Thema?

Wyclef: Als ich damals mein Debütalbum aufnahm, kam am Ende ein gewisser, eklektischer Sound heraus. Meine Musik hört sich panafrikanisch an, wie eine Feier der Karibik und des Lebens. Deshalb fand ich, dass Karneval gut passt.

Auf dem Song „Hendrix“ rappst du darüber, dass Jimi Hendrix deine Karriere früh beeinflusst hat. Wieso gerade er?

Wyclef: Wenn man im Ghetto lebt, musst man sich mit verschiedenen Dingen beschäftigen. Ich begann, Jimi Hendrix so zu lieben, dass ich nichts anderes mehr tun wollte, als im Keller zu bleiben und sein Solo „Hey Joe“ und alles andere von ihm auf der Gitarre zu lernen.

Während ich das tat, waren meine Cousins draußen unterwegs und verkauften Drogen. Die Idee hinter dem Song „Hendrix“ ist die: Was oder wer auch immer du sein willst, kannst du sein.

Auf einem anderen Track arbeitest du mit Young Thug zusammen, ein junger Rapper aus Atlanta, der in den USA gerade zunehmend Beachtung findet. Er selbst hat auf seinem aktuellen Album einen Song mit dem Namen „Wyclef Jean“. Was bedeutet Wyclef Jean für diese neue Generation von Musikern?

Wyclef: Sein Song ehrt mich ungemein, ich kenne ihn auch sehr gut. Wenn man sich den Track anhört und seinen Sound, merkt man, dass mich einige der jungen Künstler als Wegbereiter ihrer Generation sehen.

Young Thug hat selbst gesagt, ich sei eine seiner größten Inspirationen. Er hat den Song gemacht, um seinen Fans zu zeigen, wer Wyclef Jean ist.

„J’ouvert“ ist nicht wirklich politisch, obwohl du selbst wie eine sehr politische Person wirkst. Wie kommt’s?

Wyclef: Es geht darum, das Leben zu feiern. Viele von Bob Marleys Songs waren nicht politisch. Sozialkritische Untertöne wird es hingegen immer in meiner Musik geben. Die gibt es selbst auf dem Song „Hips don’t lie“ (Shakira ft. Wyclef Jean, Anm. d. Red.), auf dem ich rappe, dass die CIA uns Kolumbianer und Haitianer drankriegen will.

Es ist eine musikalische Transaktion – nur weil wir aus diesen Ländern kommen, heißt es nicht, dass wir Drogen verkaufen.

„J'ouvert“ von Wyclef Jean ist am 3. Februar auf eOne Music rausgekommen.

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Hip-Hop Wyclef Jean Fugees Album Lauryn Hill
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