Warum Bibis Musikvideo kein Musikvideo ist

Manuel Lorenz

Editorial Director NOIZZ
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Bibi im Zuckerwatte-Himmel Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

Gegrüßet seist du, Bianca, voll der Zuckerwatte ...

Ich wollte es zuerst gar nicht glauben, dass die Frau in dem Musikvideo wirklich Bianca Heinicke ist, jener YouTube-Vollprofi, der auf seinem Kanal „BibisBeautyPalace“ fast fünf Millionen Abonennten hat – und ein veganes Duschgel bei dm.

Konnte sie sich so vertun? Hatte sie tatsächlich geglaubt, sie könne nicht nur Schönheits-Tipps geben, sondern auch schöne Töne produzieren? Wie kam sie auf diese seltsame Idee? Wahrscheinlich dachte sie ganz einfach: Auf YouTube gibt es Musikvideos, ich bin YouTube, also kann ich auch Musikvideos. Leider ist diese Gleichung genauso falsch wie 1 + 1 = 3.

Duschgel-Sounds

Bibi ist ja nicht der erste Influencer, der versucht, seine Aufmerksamkeit zu nutzen, um mit Musik Geld zu machen. Die Lochis haben vergangenes Jahr ihr Album „#zwilling“ herausgebracht, und Lamiya, die Schwester von YouTube-Star Sami Slimani, ihr Erstlingswerk „Reflection“. Alles nichts Grammy-Verdächtiges, aber auch nichts wirklich Schreckliches, sondern einfach nur vollkommen Banales, Egales.

Nicht so bei Bibi. Sie hebt sich von ihren Vorgängern dadurch ab, dass in ihrem „Musik“-Video „How it is (wap bap)“ Musik schlicht nicht stattfindet. Denn das, was da zu hören ist, sind Geräusche oder Klänge. Duschgel-Sounds. Den Begriff „Musik“ kann man in diesem Kontext nur mit An- und Abführungszeichen gebrauchen.

Immerhin wissen wir jetzt, was passiert, wenn man glaubt, der Besitz eines Spotify-Kontos habe dieselbe Auswirkung auf die Stimme wie der jahrelange Genuss von Gesangsunterricht.

Da es also nicht um Musik gehen kann, worum geht es dann?

Um Geld. Denn Musik kann ein einträgliches Geschäft sein: Streams, Konzerte, Merch, Aufmerksamkeit. Eigentlich nichts Verwerfliches. Wenn es halt nicht nur um Kohle gehen würde, sondern wenigstens auch ein bisschen um Mucke. Die sucht man im Clip aber vergeblich. Und das hinterlässt den schalen Nachgeschmack von Seelen-Glutamat.

Der „Inhalt“

In „How it is (wap bap)“ betritt Bibi in knappem Cupcake-Kleid eine verwunschene, verstaubte Villa und erweckt sie zu quitschigem neuem „Leben“.

Sie lümmelt im Bett rum, bewegt sich zwischen bunten Luftballons, chillt in einem Liegestuhl neben einem Aquarium, das in einen stuckverzierten Kamin eingelassen ist, liest zwischen pinkfarbenen Kerzen in einem brennenden Buch, liegt im Bällebad und macht rosafarbene Seifenblasen.

YouTube-Surrealismus, der in höchstens fünf Minuten Brainstorming entstanden sein muss.

Hach, Luftballons ... Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

Am Ende entdeckt Bibi Die–Chroniken-von-Narnia-mäßig ein Zimmer, das so aussieht wie aus dem #lostplaces-Bilderbuch, und steigt auf einer Leiter in rosarote Wolken, über die man 144.000 Insta-Filter gelegt hat. Bibis Himmelfahrt. Gegrüßet seist du, Bianca, voll der Zuckerwatte.

Wenn so Erlösung aussieht, will ich lieber in die graue Outlook-Hölle.

Und die „Musik“? Ein 3-minütiger Handyklingelton, Bibis Gesangssimulation und Englisch-Nachmache sowie ein Text, dessen lyrischer Höhepunkt ungelogen der Refrain ist: „I Sing … Wap bap wah da de da dah / Dap bap bah da de da dah / Dap bap bah da de da dah dah!“

Ein Bällebad! Fast wie bei Ikea, nur in ... äh ... Schwarz? Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

So fröhlich hat noch nie zuvor jemand über den gleichzeitigen Verlust des Partners und des Jobs gesungen. Schicksalsschläge als Einhorn-Party. Hauptsache, der Jingle läuft und der Insta-Filter knallt.

Das beste an dem „Musik“-Video ist, dass es zu hundert Prozent authentisch ist. Denn so etwas kann kein professioneller Songwriter geschrieben haben, auch wenn Warner Music dahintersteckt. So etwas muss von jemandem ohne jegliche lyrische und musikalische (Aus-)Bildung kommen. Nicht-Musik at its best.

Nein, ehrlich, Bibi, ich habe Respekt vor deinem YouTube-Oeuvre und gönne ihn dir deinen Fame voll und ganz. Aber wenn das in deinem Video Musik sein soll, riecht dein dm-Duschgel wie Chanel No.5.

Quelle: Noizz.de

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