Szene aus dem Futures Musikvideo zu „Codeine Crazy“ Foto: Screenshot / YouTube

Verrückt nach Kodein: Junkie-Rap beschreibt eine Gesellschafts-Krise in den USA

Lucas Negroni

Reporter in Los Angeles
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Bei den Rappern von früher hat man diese Abhängigkeit nicht gesehen.

Die jüngste Generation an Rappern glorifiziert Opiate. Das Problem beschreibt eine beispiellose Krise in den USA, wo die „Opioid Epidemic“ beinahe so viele Menschenleben wie Verkehrsunfälle fordert.

Wenige Stunden bevor A$AP Yams an einem Medikamentencocktail aus Opiaten und Antidepressiva starb, twitterte der 27-jährige Labelmanager „BODEINE BRAZY“ – ein Wortspiel mit dem Songtitel „Codeine Crazy“ (deutsch: verrückt nach Kodein) von Future.

Die Musikwelt trauerte um A$AP Yams, der die Gruppe A$AP Mob mitbegründet hatte und auf dem Höhepunkt seiner Karriere verschied. Der Song, auf den sich A$AP Yams' Tweet bezog, wurde auf YouTube insgesamt rund 40 Millionen Mal angeschaut und ist eine Liebeserklärung an das Opiat.

In dem Video sieht man, wie Future völlig high auf einer Couch fläzt, dann schwinden ihm die Sinne, und er erlebt einen surrealen Drogentraum mit pinken Pferden und einer mysteriösen Schönheit. Dabei rappt er: „Take all my problems and drink out of the bottle.“ Nimm all meine Probleme und trink' aus der Flasche.

Kritiker meinen, in seiner Musik werde ein destruktives Weltbild vermittelt. Rapper OG Maco twitterte beispielsweise: „Future lässt es cool wirken, drogensüchtig zu sein und hat dadurch unzählige Leben zerstört.“

Früher waren Gangster-Rapper niemals Junkies

Future ist kein Einzelfall, er ist vielmehr der Posterboy eines neuen Zeitalters im Rap, in dem Champagnerflaschen gegen Styroporbecher mit Kodein-Hustensaft ausgetauscht wurden. Wie Rapper über Drogen reden, hat sich grundlegend geändert. Bis in die frühen 2000er hinein gab es eine Grenze, die kaum jemand überschritt, Gangster-Rapper waren allenfalls Dealer, niemals Junkies.

So rappte Notorious B.I.G 1997 auf „Ten Crack Commandments“ über seine Grundregeln als Crackdealer: „Never get high on your own supply.“ 20 Jahre später scheint sich diese Regel ins Gegenteil verkehrt zu haben.

Heute thematisieren Rapper ihre Sucht. Seit einigen Jahren geht es vor allem um opiathaltige Medikamente wie „Lean“, also kodeinhaltiger Hustensaft, „Percocet“ (The Percocet & Stripper Joint) oder Oxycodon. Noch nie wurden harte Drogen im Rap derart glorifziert.

Mit dem gewandelten Verhältnis zu Drogen hat sich auch der Sound grundlegend verändert: Die Beats sind psychedelischer und Künstler wie Young Thug oder Jose Guapo sind oft so high auf Kodein, dass sie Worte kaum noch vollständig artikulieren. Ihr Rappen gleicht mehr einem Murmeln im Halbschlaf.

Doch Opiate sind nicht nur das Problem einer Subkultur, sondern im Rap wird ein gesamtgesellschaftlicher Missstand sichtabr: Laut den Centers for Disease Control and Prevention hat sich die Zahl der tödlichen Überdosen im Zusammenhang mit Opiaten seit 1999 vervierfacht, jeden Tag sterben 91 Amerikaner an einer Überdosis Opiaten. Politiker und Gesundheitsbehörden nennen dieses Phänomen die „Opioid Epidemic“.

Es ist die schlimmste Drogenkrise, die es jemals in den USA gab.

Bei seiner Amtsantrittsrede kündigte US-Präsident Donald Trump vor dem Kongress an: „Unsere furchtbare Drogenepidemie wird schwächer und letztendlich aufhören.“ Sein Vorgänger Barack Obama hatte das Problem bereits in seiner Politik thematisiert und im Rahmen des 21st Century Cures Act angekündigt, eine Milliarde Dollar über 2017 und 2018 verteilt in den Kampf gegen die Drogenepidemie zu investieren. 500 Millionen wurden bereits 2017 ausgegeben. Trump führt diese Politik nun anscheinend fort, denn er versprach weitere 500 Millionen für 2018.

In manchen Gegenden, vor allem im Mittleren Westen und in den Südstaaten, gibt es so viele Drogentote, dass die Gemeinden an ihre Grenzen stoßen.. Laut einem CNN-Bericht musste der Montgomery County in Ohio im vergangenen Jahr zwölf neue Plätze im Leichenschauhaus einrichten, doch auch diese reichen nicht mehr aus, jetzt will die Gerichtsmedizin Kühlräume bei einem nahe gelegenen Bestatter anmieten.

Und dieser Trend setzt sich USA-weit fort, seit 2015 wirkt sich die Krise erstmals negativ auf die Lebenserwartung der gesamten Bevölkerung aus. Laut „Zeit Online“ lebten Amerikaner 2015 im Schnitt um einen Monat kürzer, als im Jahr zuvor.

Doch wie konnte es so weit kommen?

Die „Opioid Epidemic“ begann Mitte der 90er Jahre mit dem Medikament „Oxycontin“. Pharmahersteller „Purdue“ bewarb sein Produkt damals als effektiv gegen Schmerz, das praktisch nicht abhängig mache. Wie hinterher klar wurde, war das eine Lüge, mit dem Ziel, den größtmöglichen Profit aus dem neuen Opiat zu schlagen.

„Purdue“ wurde deshalb verklagt und musste 2007 rund 600 Millionen Dollar Strafe zahlen. Doch 20 Jahre zuvor war das Medikament ein Hoffnungsschimmer für chronische Schmerzpatienten und Geldmaschine für skrupellose Mediziner.

Mitte der Neunziger entstanden Kliniken wie „American Pain“ nur mit dem Ziel, möglichst gewinnbringend Opiate zu verticken. Behörden erkannten den Zustand und verschärften die Gesetze. Doch die „Painkiller“ waren bereits in alle Gesellschaftsschichten vorgedrungen und sind bis heute ein Teil der Jugendkultur auf Partys, und noch immer werden die Pillen von Ärzten inflationär verschrieben. 2012 wurden 259 Millionen Rezepte für opiathaltige Schmerzmittel ausgestellt, das wäre eines für jeden erwachsenen Amerikaner.

Keine Nation konsumiert mehr Opiate als die USA ...

... das berichtet die Washington Post. Der Durchschnittsamerikaner nehme 195 Milligramm Hydrocodon, dem aktiven Wirkstoff in Vicodin und Oxycontin zu sich, der Durchschnitts-Deutsche zum Vergleich nur 28 Milligramm.

Rapper 21 Savage, der kürzlich ein Video von sich postete, wie er Kodein-Hustensaft über Waffeln gießt, macht Ärzte für seine Sucht nach Opiaten verantwortlich. In einem Interview mit dem „Breakfast Club“ erzählt er, wie ihm das „Percocet“ nach einer Schusswunde verschrieben wurde. „Ich wurde süchtig danach und konnte nicht mehr aufhören. Daran ist das Krankenhaus schuld.“

Der Rapper beschreibt den den Weg, der viele Menschen zu Junkies werden lässt: Viele Patienten werden, ohne es zu merken, süchtig nach einem Opiat, für das ihnen der Arzt kein weiteres Rezept mehr ausstellt. Heroin ist oft einfacher und billiger zu beschaffen als rezeptpflichtige Schmerzmedikamente. Deshalb erfährt die Droge gerade eine beispiellose Renaissance.

Wendy Walwyn ist eine Professorin für Psychiatrie, die an Möglichkeiten forscht, die Folgen des Opiatekonsums zu mildern. Sie sieht in den USA eine Entwicklung, die sich weltweit manifestieren könnte, und sagt: „Wir sehen beispielsweise, dass gerade in Indien der Oxycontin-Missbrauch stark zunimmt. Ich glaube, wir werden einen weltweiten Anstieg an Opiatkonsum feststellen.“

Immerhin machen sich jetzt auch Rapper gegen Opiate stark, die sie vormals glofifizierten.

Rapper Gucci Mane, der während seines jüngsten Gefängnisaufenthaltes ungewollt auf Entzug gesetzt wurde, twitterte aus dem Knast: „Ich habe mehr als zehn Jahre Lean getrunken & ich muss zugeben, dass es mich zerstört hat. Als erster Rapper will ich zugeben, dass ich süchtig nach Lean bin & dass der Scheiß kein Witz ist. Ich kann mich kaum an all die Dinge, die ich getan & gesagt habe, erinnern (…) Ich bin gerade inhaftiert, aber ich werde mich in Entzug begeben, weil ich Hilfe brauche (…) bitte betet für mich.“

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