Reeperbahn Festival 2018: Warum ihr nächstes Jahr hinmüsst!

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
Teilen
24
Twittern
Auch live zu erleben beim Reeperbahn-Festival: JUNGLE. Foto: Stefan Malzkom / Reeperbahn Festival 2018

Vielfalt, Diskussionen, Musik, Musik, Musik und fehlende Franzosen.

Das Reeperbahn Festival bedeutet auf den ersten Blick vier Tage lang Angst, etwas zu verpassen – so reichhaltig das Angebot, so vielfältig die Gigs, Panels, Partys und Vorträgen, so knapp die Zeit. Ein bisschen ist es, als wäre man auf einem deutschen SXSW, dem US-Indie-Festival schlechthin. Allerdings lehrt das Festival seine BesucherInnen schnell, dass es am Ende auf die eigene Einstellung ankommt, mit der man durch Hamburg tingelt.

Sich treiben lassen, Empfehlungen oder spontan den eigenen Ohren folgen, offen sein für Neues – so kommt und genießt man am meisten von dem, was einem dieses Jahr vom 19. – 22. September geboten wurde. Denn eines ist sicher: Wo auch immer man am Ende landet, ob in der atemberaubenden Elphie, dem latent abgerockten Molotow, der andächtigen St. Michaeliskirche oder den unzähligen weiteren Bühnen indoor und outdoor – es lohnt sich immer, stehen zu bleiben.

Die Stars von übermorgen

Einmal mehr haben die Reeperbahn-MacherInnen beim Booking messerscharfes Gefühl bewiesen: Die Acts die hier auftreten, wissen Genre-übergreifend zu überraschen. So kann man sich Sam Fender, Tamino, Seritheking oder Flo Bo Riva schon mal notieren: Da kommt noch Großes. Ebenso die wundervollen australischen Newcomerinnen Angie McMahon und Ainslie Wills überzeugen mit herrlich entspanntem Indie-Pop.

Der Ed Sheeran von morgen war auch schnell gefunden: Zak Abel bot herrlich eingängigen R’n’B-Pop, der gut in die Beine geht. Wir könnten hier an Aufzählungen immer weiter machen – aber vermutlich hat jede/r BesucherIn seine eigenen Highlights gefunden.

Kleiner Tipp für diejenigen, die immer auf der Suche nach neuer Musik sind: Die Reeperbahn Festival Playlist (etwa auf Spotify) ist auch nach Ende des Festivals sehr zu empfehlen und steckt voller Überraschungen.

Auch typisch Reeberbahn: Wenn du es nicht rechtzeitig zu einem Konzert schaffst und dann zufällig im Konzert von Rapperin und Newcomerin Ebow landest – mit vielleicht zehn anderen Menschen. Und trotzdem erlebst du eine Riesensause. Das muss man als Künstlerin auch erstmal schaffen.

Es gab aber nicht nur NewcomerInnen, auch ein paar alte Hasen gaben sich die Ehre: Gut gehüteter Überraschungs-Act waren Muse, die am Freitag im Docks auftraten. Der Einlassstop war allerdings schnell erreicht und der Ansturm auf die Band groß. Auch wenn die besten Zeiten von Muse schon etwas her sind.

Endlich mal Neuerungen

Bei den Panels breitete sich die Vielfältigkeit an Themen vor einem aus, die die gesamte Musik- und Medienbranche angehen. Vielleicht ein bisschen bubbelig, aber eigentlich Themen, die jeden etwas angehen.

Hierbei wurde nicht selten ein Blick in die Zukunft versucht. Etwa beim Talk mit 4-Non-Blondes-Sängerin Linda Perry und Bowie-Produzent Tony Visconti. Die beiden Urgesteine der Musikbranche sprachen darüber, was sich für Frauen im Business ändern soll. Perry war um kein steiles Statement verlegen und setzte fest, dass es langsam reicht, nach dem Grund von Ungleichberechtigung zu fragen, sondern endlich Taten folgen zu lassen. Noch drastischer: „Ich glaube, es wird niemals Gleichberechtigung geben. Wir sollten aufhören darauf zu warten sondern hart arbeiten und unsere Ziele verfolgen.“

Beim Talk über die Zukunft des Musikjournalismus unterhielten sich unter anderem der ehemalige INTRO-Chefredakteur Daniel Koch und Multitalent Salwa Houmsi darüber, wie es mit Texten über Musik eigentlich weitergehen soll. Vor allem dank Houmsi war schnell klar: Das Medium ist nicht tot, es verändert sich nur schnell. Als Journalistin und Influencerin ist Houmsi hier selbst das beste Beispiel. Sie versucht häufig via Youtube oder Instagram, neue Musik unters Volk zu bringen und Interviews oder ihre Meinung kundzutun.

Wo sind die Franzosen hin?

Das Gastland Frankreich war zwar auch bei Panels und Vorträgen sehr gut vertreten, bei den Gigs wurde es im Laufe des Festivals allerdings etwas mager: Der Untergrund-Geheimtipp Agar Agar, die wundervollen HER, aber auch die Schwestern von Ibeyi sagten ihre Auftritte ab. Dafür kann natürlich kein Veranstalter etwas, ärgerlich war es aber dennoch. Vor allem Ibeyi sollten in der Elphie spielen und mussten aufgrund einer schlimmen Erkältung von Lisa-Kaindé absagen.

[Auch interessant: Unsere exklusiven Tipps fürs Reeperbahn Festival 2018]

Etwas merkwürdig diesebzüglich auch das Programm: Die australischen Boys von Parcels wurden als #FocusFrance-Act gelistet. Das Einzige, was an dieser Band französisch ist, ist ihr Label Because Music. Da war die Kanada-Offensive im letzten Jahr etwas besser vertreten.

Fazit: schöne Idee, Umsetzung etwas mau.

Kollossaler Sound: Die Elphie

Das Reeperbahn Festival ist eine perfekte Gelegenheit, mal ohne jahrelange Warteschleife ins Innere der Elbphilharmonie zu gelangen. Konzert von Lewis Capaldi oder Bear’s Den fanden hier statt und beeindruckten nicht nur ZuschauerInnen sondern auch die Künstler selber. Immer wieder wurde beteuert, dass es eine wahnsinnige Ehre ist, auf der Bühne der Elphie zu stehen. Für uns war es eine Ehre zuzuhören.

Ein Streifzug über die Reeperbahn

Wer schon einmal Teil dieses Spektakels war weiß, man ist vor allem damit beschäftigt auf der Reeperbahn - Hamburgs antiquierter Vergnügungsmeile, die sich anfühlt, als wäre man irgendwo in den 50ern stehen geblieben - hin und her zu rennen. Wenn der Schrittezähler deines Smarphones keine 30 Kilometer am Ende eines Tages anzegt, hast du irgendwas falsch gemacht.

Und wie eingangs dargestellt macht das eigentlich auch den Zauber dieses eigenwilligen Festivals aus. Nirgendwo sonst hat man auf so kleinem Raum so viel zu erleben, und auch wenn es keine große Hauptbühne gibt, man nicht im Matsch campen muss, das Reeperbahnfestival fühlt sich trotzdem richtig an. Immer wieder hat man das Gefühl, vielleicht bei der Geburt von etwas Großem, von einem next-big-thing dabei zu sein. Die Magie der Musik.

Schön auch: Hier stehen nicht nur die Großen im Vordergrund. Das wird auf den unzähligen Veranstaltungen rund um die Konzerte herum immer wieder deutlich: Die Vertreter von großen Majorlabels sieht / hört man hier eher selten, stattdessen ist die unabhängige Musikindustrie breit vertreten und stellt sich den Herausforderungen der Zeit: Musikstreamining, Netflix und Co, eSports, Diversität und Gleichberechtigung – alles Themen die hier zur Sprache kommen.

Klar, kann da nicht alles rund sein: Oft sind es halt doch immer wieder die gleichen Kreise, die Probleme zwar ansprechen. Aber die, die etwas ändern können, sind nur selten mit von der Partie. Umso cooler, wenn etwa bei der Session zum Thema „Pop und Populismus" die Veranstalter der oft kritisierten Band Böhse Onkelz sich doch auch mal selbst zu Wort melden. Und so hatte man oft in diesen vier Tagen das Gefühl: Vielleicht können wir gemeinsam doch etwas ändern. Wenn das der Spirit von einem Festival ist, wünschen wir uns definitiv mehr davon.

Und weil es so schön war, könnt ihr mit der Reeperbahn-2018-Playlist entweder noch mal in Erinnerung schwelgen oder Euch auf 2019 einstimmen:

Quelle: Noizz.de

Kommentare anzeigen