Interview: Trotz Morddrohungen macht Rapperin Pilz weiter mit harten Lines

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Battle Rap ist pure Provokation – beim Thema Religion eskalierte die Lage.

Weil Rapperin Pilz auf der Bühne harte Punchlines austeilt, wird ihr jetzt reale Gewalt angedroht. In sozialen Netzwerken rufen Einige bereits zum Mord an der Künstlerin auf.

Der Grund für die Aufregung

Bei der Rap-Battle-Serie „Don't Let The Label Label You“ steigt die Mittzwanzigerin gegen Nedal Nib in den Ring. In der zweiten Runde zieht sie sich ein Kopftuch über und adressiert folgende Zeilen an ihren muslimischen Gegenüber:

„Darf ich denn deine muslimische Frau sein?

Ich trag dir auch die Aldi-Tüten ins Haus rein.

Und wenn es okay für dich ist, gehe ich auch in die Moschee mit dir mit,

aber nur, wenn du mich auch auf dem Gebetsteppich fickst.“

Klingt heftig, ist aber eine gewollte Provokation beim Battle Rap. Im Rahmen dieser Kunstform gehören Beleidigungen des Gegners zum normalen Repertoire: Ob Aussehen, Einstellung, Kindheit oder Familie – alles, was sich in einen Bezug zum Kontrahenten bringen lässt, wird gedisst.

Daher wurde Pilz’ Äußerung beim Auftritt selbst ohne übermäßige Aufregung hingenommen. Dafür eskaliert die Situation wenige Tage später im Netz. Video-Schnipsel des Raps werden aus dem Zusammenhang gerissen und auf Facebook veröffentlicht.

Pilz findet sich plötzlich im Auge eines Shitstorms wieder. Es hagelt Beleidigungen und Drohungen; hauptsächlich von jungen Muslimen, die sich von dem Text der Rapperin angegriffen fühlen.

NOIZZ hat mit Pilz und Nedal Nib über die Eskalation, Religion und Grenzen des Battle Rap gesprochen.

NOIZZ: Pilz, was musstest du in den vergangenen Tagen durchmachen?

Pilz: Ich habe alleine innerhalb von 24 Stunden über 10.000 Nachrichten bekommen. Und was man da lesen kann, ist noch mal ein gutes Stück krasser als die öffentlichen Kommentare bei Facebook. Das geht bis hin zu Morddrohungen. Manche beschreiben doch recht detailliert, was sie gerne mit mir anstellen würden.

Hast du Angst?

Pilz: Nein, das wäre das falsche Wort. Ich fühle mich nicht besonders wohl und halte es auch nicht für unwahrscheinlich, dass wirklich etwas passiert. Aber ich verstecke mich nicht und lebe weiter mein Leben.

Nedal, hast du vor diesem Hintergrund Mitleid mit Pilz?

Nedal: Teilweise. Auf der einen Seite ist klar: Schläge oder sogar Schlimmeres anzudrohen, geht gar nicht. Auf der anderen Seite gibt es auch immer ein Echo, mit dem man als Rapper leben muss. Und wenn dich die Leute fragen, was du dir bei bestimmten Zeilen gedacht hast, dann solltest du darauf eine Antwort wissen. Battle Rap ist immer ein Spiel mit Grenzen.

Wie weit darf man die ausloten?

Nedal: Das ist eine extrem schwierige Frage. Letztendlich musst du zu dem stehen, was du rappst. Ich habe selber schon tote oder schwerkranke Angehörige meiner Gegner in einem Battle miteinbezogen. Dennoch habe ich meine eigene moralische Grenze – und ich achte darauf, dass ich die nicht überschreite.

Pilz: Für mich gibt es nur einen Punkt, mit dem ich ein Problem habe: Wenn sich jemand Informationen besorgt, die durch normale Recherche nicht aufzufinden sind. Ansonsten gibt es keine Grenzen: Battle Rap ist schließlich eine Kunstform. Und ich greife meinen Gegner mit allem an, was er als Kunstfigur öffentlich über sich preisgibt. In dem konkreten Fall war das ein Interview von Nedal, aus dem ersichtlich wurde, dass er Moslem ist.

Nedal: Grundsätzlich halte ich Religion aber aus Battles heraus. Ich glaube, dass daher auch der Eindruck entstanden ist, dass sie eher den Prototyp Moslem gedisst hat – und nicht mich. Hätte sie das in Kreuzberg auf der Straße gerappt, wo mehr als zehn Prozent der Crowd Kanaken sind, wäre das sofort eskaliert.

Bedeutet das, dass man über den Islam keine Witze machen darf?

Nedal: Doch, meiner Meinung nach: klar. Über Moslems genau so wie über Schwule, Christen und Juden. Ich habe mal in einem Battle gesagt: „Die Kunst ist es, an den richtigen Stellen dick aufzutragen, so wie bei Kalligraphie.“ Dabei macht es keinen Unterschied, welche Ethnie oder Religionszugehörigkeit der Mensch hat, den man angreift. Es gibt aber Einschränkungen: Wenn man das in einem respektlosen und plump beleidigenden Satz verpackt, kann das immer auch auf negatives Feedback stoßen. Ein Beispiel: Wenn ein weißer Rapper gegenüber einem Farbigen die „N-Bombe“ droppt, dann ist das ein sehr, sehr heikles Thema.

Wieso haben sich so viele Muslime von Pilz angegriffen gefühlt?

Nedal: Ein Aspekt ist sicher, dass die meisten Muslime  anders erzogen sind als Mitteleuropäer. Für uns steht Gott noch über der Familie. Einige rasten schnell aus, wenn jemand respektlos über Gott redet. Aber diese Leute dürfen nicht vergessen, dass wir hier in Deutschland leben. Und hier mit dem Thema Religion etwas lockerer umgegangen wird.

Pilz: Ich bin tatsächlich auch ein sehr gläubiger Mensch. Und Nedal hat mich auch mit Lines zu  meiner Religiosität angegriffen. Aber das ist in Ordnung, ich habe das sogar gefeiert, weil die Zeilen gut waren. Beim Thema Religion hat einfach jeder seine eigene Intensität. Abgesehen davon kann ich sogar verstehen, dass sich manche auf den Schlips getreten fühlen, wenn sie nur diesen einen Ausschnitt aus dem gesamten Video sehen und ansonsten keine Berührungspunkte mit Rap haben.

Nedal: Es ist leider so: Diese Portale, die Schnipsel aus dem Battle veröffentlicht haben, stellen Dinge in einen falschen Zusammenhang und scheißen darauf, ob jemand darunter leidet. Natürlich sehen die Leute in diesem Ausschnitt nicht, wer Pilz ist. Die sehen nur diese eine Szene und denken sich: Was für eine Nutte.

Wer ist Pilz wirklich?

Pilz: Eine Person, die sich seit Jahren dafür einsetzt, dass Leute in keiner Form diskriminiert werden und ihren Glauben frei ausüben können. Jemand, der auf Demonstrationen geht und AfD-Plakate herunterreißt. Daher stört mich besonders, dass jetzt das Gegenteil behauptet wird. Leider sind die Leute, die mir schreiben, nicht an einer Diskussion interessiert. Nachdem der Shitstorm über mich hereingebrochen ist und ich all diese Nachrichten bekommen habe, saß ich acht Stunden vor dem Rechner und habe getippt. Ich habe versucht, in einen Dialog zu treten. Leider wollen die meisten aber gar nichts verstehen und machen komplett dicht. Das ist etwas, das mich aufregt.

Nedal: Diese Leute wollen den Islam verteidigen. Und beleidigen mit ihrem Verhalten doch nur ihre Religion. Ich würde gerne wissen, wer von diesen Leuten betet. Oder auf Alkohol verzichtet, keinen Sex von der Ehe hat. Da hält sich auch nicht jeder dran. Leider sind genau diejenigen die ersten, die rufen: Diese dreckige Hure, was nimmt sie sich heraus. Der Islam steht für Liebe und Respekt. Wenn ich deshalb jemand bedrohe, dann ist das sehr paradox.

Welche Schlüsse hast du aus dem ganzen Trubel gezogen?

Pilz: Neben all dem Hass habe ich auch viel Support erfahren: von Freunden, von Kollegen aus der Rapszene – und auch von Moslems, die sich für das entschuldigen, was gerade mit mir passiert. Das zeigt mir, dass man sich umso mehr für Toleranz einsetzen muss und gleichzeitig klarstellen muss, was geht und was nicht klar geht.

Würdest die Aktion noch einmal genau so bringen?

Definitiv. Ich werde weiter battlen und auch weiter mit derselben Respektlosigkeit meine Gegner angreifen. Wenn sich die Leute von etwas angegriffen fühlen, das gar nicht an sie adressiert ist, dann ist das nicht meine Schuld.

Themen

battle Rap Hip-Hop Shitstorm
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