Warum ich den Eurovision Song Contest auch heute wieder gucken werde

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Der Eurovision Song Contest 2017 findet in Kiew statt
Der Eurovision Song Contest 2017 findet in Kiew statt Foto: Andres Putting / Eurovision Song Contest

Alles andere wäre einfach nicht richtig!

Wir haben uns schon darüber ausgelassen, wie sehr es nervt, dass der Eurovision Songcontest (ESC) zu politisch geworden ist: wie unnötig es ist, dass zwei Staaten – Ukraine und Russland – ihre politischen Konflikte bei einem der tollsten Musikevents aller Zeiten austragen. Auch die Ähnlichkeit zwischen dem deutschen Beitrag (ihr erinnert euch vielleicht, Lavinas „Perfect Life“) und einem gewissen David Guetta Song haben wir abgehakt.

Und ja, wir glauben noch immer, dass Stefan Raab bei Levinas ESC-Auftreten seine Finger mit im Spiel hat und addieren Grund Nr. 4: Levina ging vor dem eigentlichen Songcontest Finale auf eine Art „Tour” durch Ost- und Südosteuropa.

Unter anderem bereiste sie Georgien, Ungarn, Slowenien, Armenien, Albanien und Israel, stellte dort ihren mittelprächtigen, aber gut produzierten Song vor und ließ ihren Charme spielen. Wir erinnern uns: Auch bei Raab-Schützlingen Lena Meyer-Landrut, Max Mutzke oder Stefan Lob gab es ein ähnliches Programm im Vorfeld des ESC.  Aber das soll nicht der Anlass für diesen Artikel sein.

Heute Abend ist es wieder so weit: Neben dem Gastgeberland Ukraine nehmen noch 24 weitere Länder mit 24 verschiedenen Songs am Finale des ESC 2017 in der Hauptstadt Kiew teil. Mit teils schlechten, ulkigen und manchmal auch wirklich guten Songs. Wer wissen möchte, was so alle in dieser Wunderkiste dabei ist, kann sich hier reinhören:

Wer jetzt eine Tiefenanalyse aller verbliebenen Kandidaten erwartet – hört auf zu lesen, das gibt es hier nicht. Und ich werde auch keine Top 5 oder Top Flops zusammenstellen. Nur so viel: Die Jodel-Nummer von Rumnänien geht mir echt auf den Keks. The Script mit Jodeln. Darauf hat die Welt gewartet – NOT! Wenn der Song gewinnt, verliere ich den Glauben an die Menschheit.

Außerdem verstehe ich absolut nicht, wieso noch einmal Australien an diesem Wettbewerb teilnehmen darf. Zum Jubiläum 2015 fand ich, dass die Einladung an diese treue Fan-Nation des ESC eine liebenswürdige Geste war. Und ja, Isaiahs Song „Don’t Come Easy“ geht gut ins Ohr, klingt aber nach Sam Smith. Trotzdem wird Australien wieder einen Top-Platz erreichen im Voting.

Wo ich mich jetzt doch etwas über die einzelnen Länder und ihre Künstler auslasse, muss ich sagen, welchen Song ich, rein musikalisch, am besten finde: Es ist Norwegen. Der Song heißt „Grab the Moment“ und wird vom DJ JOWST und dem Sänger Aleksander Walmann performt.

In skandinavischen Länder scheinen überlange Hipsterblusen für Männer wohl Trend zu sein. Ändert nichts an dem Gute-Laune Ohrwurm-Song. Eine moderne Popnummer mit dem gewissen Etwas. Wird aber wahrscheinlich nicht gewinnen.

Eigentlich wollte ich ja über etwas ganz anderes schreiben. Nämlich darüber, wieso ich immer und immer wieder, jedes Jahr aufs Neue den ESC schaue. Ich setzt mich schon um 20:15 Uhr hin und ziehe mir mit meinen Freunden auf der Couch den Vorbericht im Ersten rein, dazu Bier und viel Chips, Popcorn und Gummibärchen.

Und spätestens wenn die Hymne der Eurovision zu Beginn der eigentlichen Übertragung kommt, bin ich hin und weg. Dann heißt es: Einfach mal gut drei Stunden lang Trash, gute Musik und Unterhaltung genießen und lachen. Ich kann während dieser drei Stunden zynisch sein, manchmal spiele ich das Spiel „Sage-ich-das-gleiche-wie-Peter-Urban-oder-bin-ich-gemeiner“ und stelle meine eigenen europakulturellen Studien an.

Das ist toll! Wo gibt es noch so ein herrlich belangloses Format, das all die Zeiten überstanden hat? Und wer jetzt damit kommt, dass es gar nicht mehr so belanglos ist: Ich weiß. Und das ist Kacke. Doch sObald ich dieses schon so oft thematisierte Kräftemessen zwischen Russland und der Ukraine beiseite schiebe, bleibt einfach nur die Freude an all dem gerade Beschriebenen.

Egal, wie das heute Abend ausgeht: Ich werde meinen Spaß haben. Und mich vielleicht nur ein bisschen darüber ärgern, wenn ein autoritäres System wie Aserbaidschan gewinnen würde. Denn mich kotzt dieses Politikum ohnehin beim ESC an. Wir sollten uns alle mehr ein bisschen darauf besinnen, weshalb der ESC der ESC ist – wegen der Musik, den vielen verschiedenen Kulturen, die wir so kennen lernen können und den Menschen in ganz Europa.

Okay, ich hab noch was vergessen

Ein Kandidat hat mich seit seinem nationalen Vorentscheid fasziniert: Slavko Kalezić für Montenegro. Leider hat er das Halbfinale nicht überstanden – aber seine Performance und sein Auftreten hatten ein unbeschreibliches Charisma – irgendwo zwischen creepy und oh mein Gott dieser lange Pferdeschwanz. Schade, seinen Auftritt auf der großen Bühne hätte ich gerne gesehen.

Quelle: Noizz.de

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