Kann man bald am Steuer schlafen?

Nele Würzbach

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Schööön schlafen, während das Auto ganz alleine fährt – das wär's doch! Foto: Unsplash / pixabay

Wie wichtig ist der Mensch noch fürs Autofahren?

Einfach mal die Augen zu machen am Steuer? Noch ist das lebensgefährlich, bald soll es aber möglich sein. Autonomes Fahren ist die Zukunft. Aber wie sicher ist das wirklich? Wir haben mit Professor Oliver Bendel über die Risiken gesprochen.

NOIZZ: Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Autos von ganz alleine fahren?

Professor Oliver Bendel: Wir haben bereits Fahrzeuge, die selbstständig unterwegs sind. In Sion im Wallis verkehrt seit 2016 ein Shuttle der PostAuto Schweiz AG ohne Fahrer. Es handelt sich um eine vorgegebene Strecke mitten in der Stadt. Unerwartete Hindernisse erkennt das Shuttle mit Hilfe von Lidar. Es feuert Laserstrahlen auf die Umgebung ab, um ein Modell von ihr zu erstellen. Andere Fahrzeuge wie die Modelle von Tesla können im Prinzip überall unterwegs sein. Mit ihren Sensoren und Systemen erfassen sie die Umwelt und untersuchen und bewerten sie. Hier gibt es noch viele ungelöste Probleme. Vor allem der Stadtverkehr ist kaum zu bewältigen. Das genannte Shuttle ist, wie gesagt, auf einer festgelegten Strecke unterwegs, dazu noch mit einer geringen Geschwindigkeit. Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf PKW übertragen.

Könnten die Insassen der autonomen Fahrzeuge dann sogar während der Fahrt schlafen?

Professor Bendel: Wenn wir das teil- und hochautomatisierte Fahren hinter uns gelassen haben und zum vollautomatisierten bzw. autonomen Fahren gekommen sind, können wir in der Tat während der Fahrt schlafen. Das Innenleben des Autos müsste entsprechend gestaltet werden, es bräuchte Liegesitze, verdunkelbare Scheiben etc. Es bräuchte zudem Konzepte für Gefahrensituationen. Vom Tiefschlaf bis zur vollen Denk- und Urteilsfähigkeit kann es eine Weile dauern. Ich denke, dass diese Vision bei PKW frühestens in zehn Jahren umgesetzt werden kann, und auch nur auf der Autobahn. Es sind übrigens nicht nur technische, sondern ebenso psychologische Aspekte zu bedenken. Man müsste ein Zutrauen zu den Fahrzeugen fassen, das dem Zutrauen zu Flugzeugen entspricht. Man müsste lernen, in einer Situation zu schlafen, die bisher unsere höchste Aufmerksamkeit beansprucht hat.

Müsste überhaupt noch jemand in den Autos sitzen?

Professor Bendel: Es gibt Ideen, nach denen wir ein Auto rufen können wie K.I.T.T. in „Knight Rider“, oder nach denen wir es wegschicken können, damit es alleine einen Parkplatz sucht oder eine Pizza holt. Für einige Fälle würde sich ein Roboter anbieten. Die Pizza soll ja nicht einfach ins Wageninnere geworfen, sondern entgegengenommen werden. Am besten wäre ein Roboterarm mit einer Hand, die durch das geöffnete Fenster greift, oder ein mobiler Roboter, der das Auto verlässt, wenn es notwendig ist. Das kostet allerdings Geld und Platz.

Was sind die größten Gefahren dieser Technologie? Könnten die Autos beispielsweise gehackt werden?

Professor Bendel: Automatische und autonome Autos können einerseits gehackt und damit entführt und in einen Abgrund oder gegen eine Wand gesteuert, andererseits von außen gestört und getäuscht werden. Gerade Kameras sind gefährdet. Was fangen sie mit Seifenblasen an, mit Schattenspielen, mit Lichtreflexen von Taschenspiegeln, und was ist, wenn man mit Laserpointern auf sie schießt oder sie mit Kaugummis verklebt? Es gibt hunderte Arten, Sensoren zu verwirren oder lahmzulegen.

Wenn die Fahrzeuge und vor allem die Kameras so anfällig sind, werden sich solche Autos dann je durchsetzen?

Professor Bendel: Ich gehe davon aus, dass sich autonome Autos nicht flächendeckend durchsetzen werden. In manchen Gegenden werden viele autonome Autos verkehren, in anderen wenige, aus technischen, wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen oder persönlichen Gründen. Daraus resultiert ein instabiles, komplexes Gesamtsystem. Autonome Autos eignen sich auch in zehn Jahren nicht für Städte, zumindest nicht bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde und ohne einen radikalen Umbau der Infrastruktur.

Und es wird auf jeden Fall immer Hybride geben müssen, also Autos, die autonom fahren und manuell gesteuert werden können. Der gegenwärtige Hype wird angeheizt von Politik und Wirtschaft, die in Deutschland eng verbandelt sind, gerade bei der Automobilproduktion. Und von der Theorie, den Verheißungen der Wissenschaft. Aber das letzte Wort hat die Praxis.

Professor Oliver Bendel lehrt und forscht als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Foto: Kai R. Joachim

Quelle: Noizz.de

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